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Börsenklima : Chinesische Anleger tanzen auf dem Vulkan

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Feier des Börsengangs der Bank of Communications: Wohlklang oder Misston? Bild: REUTERS

Nach dem drastischen Kurssturz laufen die chinesischen Börsen wieder nach oben und notieren nur noch knapp unter ihren Allzeithochs. Indes geht die Hausse trotz fehlender Grundlagen weiter. Ein Short-Zertifikat auf Bankaktien könnte eine Alternative sein.

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          Chinesische Aktien waren im vergangenen Jahr schlicht ein Renner. Im Dezember 2005 begann der Schenzen Schanghai Composite Index (SSCI) bei 1.098 Punkten seinen spektakulären Lauf nach oben. Ein Jahr später hatte der Index 90 Prozent hinzugewonnen, nur um dann noch einmal an Tempo zuzulegen, ohne sich vom Einbruch Ende März beirren zu lassen.

          Am 9. Mai, just ein Jahr nach dem Beginn der Korrektur im Vorjahr, hatte der Index erneut 90 Prozent zugelegt und erreicht knapp drei Wochen später auf Schlusskursbasis sein vorläufiges Hoch bei 4.334,92 Zählern. Dann folgte ein scharfer Einbruch, der mittlerweile aber schon nahezu vergessen scheint. Am Mittwoch schloss der Index jedenfalls bei 4.176,48 Punkten - nur 3,65 Prozent unter seinem Allzeithoch und schon 13,8 Prozent über seinem Tief nach dem Einbruch am 4. Juni.

          Börsenboom mangels Alternativen

          Vergessen scheinen Bewertungskapriolen, die beispielsweise dem Fleischproduzenten Fortune Ng Fung Food (Hebei) in Schanghai ein sechsmal so hohes Kurs-Gewinn-Verhältnis zubilligen wie dem vergleichbaren Unternehmen China Yurun Food Group in Hongkong oder dem zwölffachen der in Singapur notierten People's Food Holdings.

          Bild: Bloomberg

          Dem Aktienmarkt kommt zugute, dass Alternativen der Geldanlage fehlen. Die Rendite der Sparkonten, auf denen die chinesischen Haushalte insgesamt 17,2 Milliarden Yuan deponiert haben, liegen unterhalb der Inflationsrate. Und solange der Einbruch nicht nachhaltig ist, solange dürfte dieses Phänomen weiter anhalten - allen kurzfristigen Einbrüchen zum Trotz.

          Auch dürfte sich am dafür entscheidenden Faktor, den Depositenzinsen, so rasch nichts ändern. Dass die chinesischen Banken auf tönernen Füßen stehen, weil in ihren Bilanzen enorme Mengen fauler Kredite an vorwiegend staatliche Unternehmen enthalten sind, ist eine unbestrittene Tatsache. Daher vermeiden sie, hohe Depositenzinsen zu zahlen, solange die Geldbeschaffung auf anderem Wege, sprich die Refinanzierung bei der Zentralbank, günstiger ist.

          Börse lindert Kapitalknappheit

          Und diese kann es sich nicht leisten, den Geldhahn ernsthaft zu drosseln. Denn eine eingeschränkte Liquidität würde die Bereitschaft der Banken zur Prolongation von Krediten verringern, was wiederum staatliche Unternehmen in Liquiditätsnöte bringen würde. Zwingt man aber die Banken zur Kreditvergabe, geraten diese irgendwann in Zahlungsschwierigkeiten.

          Die Börse dient den Wirtschaftslenkern somit als Mechanismus, um privates Kapital in den Unternehmenssektor umzulenken, der einen chronischen Kapitalhunger verspürt. Denn die Kapitalerträge bei staatlichen und teilstaatlichen Unternehmen sind deutlich niedriger als im privaten Sektor, so das Ergebnis einer Studie des Landesdirektors der Weltbank, David Dollar, und Shang-Jin Wei, Chef der Handels- und Investitionsabteilung des IWF.

          Das funktioniert, solange die Sparquote hochbleibt und damit die private Ersparnisse weiter angezapft werden können. Insofern kann es sich China gar nicht leisten, sein unbestritten riesiges Konsumpotential auszuschöpfen. Zudem kann die Preisregulierung nicht aufgegeben werden, die für die derzeit niedrige Inflationsrate sorgt, so Wu Xiaoling, Vizedirektorin der People's Bank of China, und die dazu führe, dass die Preise das Verhältnis zwischen Nachfrage und Angebot auf dem Markt nicht widerspiegelten.

          Altbekannte Probleme in neuem Umfeld

          Es ist offenkundig, dass der chinesische Boom auf dieser Basis sich nicht fortsetzen kann. Die Erkenntnisse sind übrigens keineswegs neu, sondern aus dem osteuropäischen, speziell dem ungarischen Reformkommunismus, seit mindestens 25 Jahren bekannt. Wie damals Ungarn hat auch China die weltwirtschaftliche Öffnung vor allem vorgenommen, um das Wachstum überhaupt fortsetzen zu können.

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