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Börsenfusion : Ein Spaziergang an der Wall Street

  • -Aktualisiert am

Die Wall Street und ihre Börse Bild: dpa

„WALL STRASSE“ titelt die „New York Post“ angesichts der Pläne für die Übernahme der traditionsreichen New Yorker Börse durch die Deutsche Börse AG. Unterdessen verurteilt John Whitehead, ehemaliger Vorstandschef von Goldman Sachs, den Verkauf.

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          Es weht ein kalter Wind im New Yorker Finanzdistrikt am Donnerstagnachmittag. An der Ecke Broadway und Wall Street stehen dick vermummt Zeitungsverkäufer neben einem Stapel Gazetten. Dem Boulevardblatt „New York Post“ waren die tags zuvor bekanntgewordenen Pläne für die Übernahme der traditionsreichen New Yorker Börse durch die Deutsche Börse AG die Schlagzeile „WALL STRASSE“ wert.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Das „Wall Street Journal“ nannte seine berühmte Kolumne für diesen Tag in „Heard on the Strasse“ um. Am gleichen Tag gibt der 88 Jahre alte John Whitehead, ehemaliger Vorstandschef der Investmentbank Goldman Sachs und eine Art graue Eminenz der Wall Street, der Nachrichtenagentur Bloomberg ein Interview und verurteilt den geplanten Verkauf. „Es wäre eine Beleidigung für die Stadt New York, den Bundesstaat New York und in der Tat für ganz Amerika“, wetterte Whitehead. Die New York Stock Exchange sei ein wichtiges Symbol für den amerikanischen Kapitalismus und für den Finanzplatz New York. „Ich halte es für eine heilige Institution“, sagte der frühere Gold-Mann.

          „Es geht ausschließlich um Geld“

          Jüngere Banker an der Wall Street sehen das anders. „Nur zu. Es geht ausschließlich um Geld“, sagt der Mittdreißiger mit Schlips und Kamelhaar-Mantel vor dem Eingang der Bank of New York Mellon, die im Nachbargebäude der New York Stock Exchange mit der exklusiven Hausnummer „1 Wall Street“ sitzt. Aber ist die Börse denn kein amerikanisches Symbol? „Das ist egal. Nur zu –Go for it“, wiederholt er und eilt Richtung Broadway.

          Schräg gegenüber, vor dem Eingang des Hochhauses „14 Wall Street“ steht Allen Gordon, ein Mann mit weißen Haaren und Bart, und macht eine Zigarettenpause. Gordon arbeitet seit 30 Jahren an der Wall Street und leitet die geschäftliche Entwicklung der kleinen Investmentbank Fordham Financial. „Es ist ein normales Geschäft“, sagt Gordon zum geplanten Verkauf der Nyse, vor deren Eingang sich wegen der Kälte nur vereinzelt Parketthändler in ihren blauen oder grünen Jacken blicken lassen. Gordon kennt viele Nyse-Händler. Es gebe schon Leute, die jetzt wieder vom Ausverkauf Amerikas redeten, so wie in den achtziger Jahren, als die Japaner in New York viele Immobilien kauften. „Aber für mich ist das wirklich ein ganz normales Geschäft“, bekräftigt er. Als Gordon geht, stellt sich Yvonne Nieves in den windgeschützten Eingang und steckt sich eine Zigarette an. „Ich finde es schon etwas seltsam. Es wird zwar alles verkauft, aber ich dachte irgendwie, dass das nicht für die Börse gilt“, sagt sie. Wenn man „New York“ sagt, meine man doch die Zwillingstürme und die Börse.

          Als die Börse zum Symbol der Widerstandsfähigkeit New Yorks wurde ...

          Es war ein großes Ereignis, als sie Ende der fünfziger Jahre als kleines Mädchen aus den Stadteil Queens mit ihrer Schulklasse die Nyse in Manhattan besuchte: „Es drängelten sich so viele Leute auf dem Parkett und auf dem Boden lag tonnenweise Papier.“ Die Buchhalterin war an der Wall Street als die Zwillingstürme des World Trade Center fielen und die Börse zum Symbol der Widerstandsfähigkeit New Yorks wurde.

          „Das ist Kapitalismus. Wenn sie das Geld haben, können sie es kaufen“, sagt ohne zu zögern einer von zwei Wertpapierhändlern vor der imposanten Federal Hall mit der Hausnummer „26 Wall Street“. Sein Kollege überlegt eine Weile und blickt auf die Fassade der Nyse, vor der drei amerikanische Flaggen wehen. „Die Fusion macht schon Sinn“, sagt er. „Aber es wäre wichtig, den Namen und die Marke zu erhalten. Es gibt eine lange Geschichte hier.“ Aber auch eine 219 Jahre alte Geschichte ist in der schnelllebigen Welt der New Yorker Finanzbranche für viele kein Grund, sich ernsthaft um die Besitzverhältnisse der Börse zu grämen – mal abgesehen vom ehemaligen Goldman-Chef Whitehead. „Ich glaube, die Bedeutung der Nyse hat in den vergangenen zehn Jahren nachgelassen. Der Verkauf an die Deutschen ist doch kein großes Thema hier“, meint ein Unternehmensberater vor dem Trump-Gebäude „40 Wall Street“ und zieht zitternd an seiner Zigarette.

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