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Börsenausblick 2008 : „180 quälende Tage für die Aktienmärkte“

  • -Aktualisiert am

Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank Bild: Archiv

Amerikas Wirtschaft wächst nicht mehr. „Gefühlte Rezession“ nennt Jörg Krämer von der Commerzbank dies. Das erwarten nun auch viele Investoren, und deshalb fallen Aktien. Die Unsicherheit steigt und könnte für Monate hoch bleiben.

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          Der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, beurteilte die Entwicklung in Amerika schon immer ein wenig skeptischer als die meisten seiner Kollegen. Nun ist er noch vorsichtiger geworden, wie er im Interview mit FAZ.NET verriet. Und er befindet sich damit fast auf einer Linie mit Deutschlands größter Fondsgesellschaft, der DWS. Deren Strategin für globale Aktien, Carmen Weber, fühlt sich nun in Europa am wohlsten.

          Krämer senkt seine Wachstumsprognose für Amerika

          Seine Wachstumsprognose für Amerika hat er in den vergangenen vier Wochen noch einmal überprüft und gesenkt. Statt 1,8 Prozent rechnet er in diesem Jahr nur noch mit 1,5 Prozent.

          Carmen Weber, Fondsmanagerin der DWS für globale Aktien

          Für europäische Ohren klingt das nicht sonderlich dramatisch, weil Anleger auf dem alten Kontinent seit Jahren von den großen Volkswirtschaften nicht viel mehr gewohnt sind. Doch für ein Land, das mittelfristig ein Wachstumspotential von mindestens drei Prozent hat, sind solche Zahlen schon dramatisch zu nennen.

          „Amerikas Wirtschaft wächst nicht mehr“

          Richtig schlimm ist aber erst, was Krämer für die nächsten Monate erwartet. Aus den offiziellen Zahlen, die zuletzt veröffentlicht wurden, kann man es noch nicht ablesen. Doch Krämer glaubt, dass der Einbruch nun kommt und Amerika mit einer vollen Breitseite trifft: „Im ersten Halbjahr 2008 wird die amerikanische Wirtschaft nicht wachsen.“ Ein Volkswirt wie er nennt das zwar noch nicht Rezession, weil dafür zwei Quartale in Folge mit negativem Wachstum nötig wären. Doch es ist nahe dran, und deshalb hat Krämer diese Formulierung erfunden: „Das ist eine gefühlte Rezession.“

          So etwas kann der Chefvolkswirt der Commerzbank behaupten, ohne rot zu werden. Denn schließlich denkt die amerikanische Notenbank auch nicht anders. Die Wachstumsabschwächung in Amerika werde durch die Geldpolitik wie eine Rezession behandelt. Was bedeutet: So schnell wie möglich runter mit den Leitzinsen. Manche an den Märkten spekulieren da sogar schon über Notfall-Zinssenkungen.

          „Das reicht bis weit in Jahr 2009 hinein“

          Das wäre schon deshalb übertrieben, weil es die Problemkinder in Amerika gar nicht erreichen würde. Das sind die privaten Haushalte - anders übrigens als im Jahr 2000, als die Unternehmen überschuldet waren. Dieses Mal müssen sich die Konsumenten anpassen und das dauert. Die Liquiditätskrise ist vielleicht bald vorbei, doch die Anpassung der Verbraucher und die entsprechenden Auswirkungen auf das Wirtschaftsleben nicht. „Das wirkt bis weit in das Jahr 2009 hinein“, glaubt Krämer.

          Wie er darauf kommt? Er orientiert sich einfach am Jahr 2000. Krisen kommen zwar immer anders, aber oft laufen sie doch nach einem ähnlichen Muster ab. Krämer ist daher schon sicher: „Der Einbruch im privaten Verbrauch wird kommen.“ Und dann geht es daran, Schulden im Privatsektor abzubauen. Was sicher nicht von heute auf morgen gelingen wird.

          „Der Markt wird dramatisch geschüttelt“

          Und was bedeutet dies für die Aktienmärkte? „Der Markt wird heftig geschüttelt“, erwartet Krämer. „Es wird extrem volatil bleiben.“ Kein Wunder also, dass nun Dax-Prognosen zusammenschrumpfen. Krämer ist vorsichtig und meint viel nachdenklicher als noch vor einem Monat, dass der Dax am Ende des Jahres bei 8000 herauskommt. Das wäre keine Veränderung zu 2007.

          Das klingt dramatisch? „Ja, es ist dramatisch, weil wir im ersten Halbjahr in Amerika Null-Wachstum haben werden. Das bedeutet 180 quälende Tage für die Märkte.“ Und wer weiß, vielleicht werden es auch noch ein paar mehr. Was natürlich vor dem Hintergrund starker Kursverluste wie in den vergangenen Tagen immer schnell gesagt ist.

          DWS-Strategin Weber hält Bärenmarkt für möglich

          Doch immerhin haben in Asien manche Aktienmärkte schon mehr als 20 Prozent verloren. Gewinnen nun die Bären an der Märkten wieder an Boden? Wer weiß, zumindest könnte es noch ein Bärenmarkt werden, meint die DWS-Fondsmanagerin Carmen Weber. Viele Investoren hätten erst spät darauf reagiert, dass sich die Wachstumsraten in Amerika stärker als vielfach erwartet abschwächen. Nun sei die Reaktion darauf um so heftiger.

          „Die Finanzkrise ist noch nicht ausgestanden“, sagt Weber, die im Team von Klaus Kaldemorgen für globale Aktienauswahl zuständig ist. Inzwischen werde immer offensichtlicher, dass die Finanzkrise einen Wirtschaftsabschwung auslöse. Dieser gehe von Amerika aus, greife von da nach Asien über und komme irgendwann auch in Europa an. Wie stark es nach unten geht, ist naturgemäß schwer zu beurteilen.

          „Amerikas Verbraucher müssen den Gürtel enger schnallen“

          Doch auch Weber ist wie Krämer sicher: „Wir sind in Amerika in einer Rezession drin“, wenngleich dies Volkswirte vielleicht formal noch nicht so definieren würden. Sie liest dies zum Beispiel an den Einzelhandelsumsätzen und dem Autoabsatz schon ab. „Dass die Konsumenten in Amerika den Gürtel enger schnallen müssen, das hatten wir lange nicht mehr“, sagt Weber. Dagegen werde die Notenbank vorgehen, am Markt werde sogar mit Leitzinsen von 2,5 Prozent gerechnet.

          Insgesamt erwartet sie aufgrund der Wachstumsabschwächung in Amerika „generell ein ganz schwieriges Jahr für globale Aktien“. Indexorientierte Anleger könnten es da sehr schwer haben, nur wer sich richtig und defensiv aufstelle, habe eine Chance, überdurchschnittlich abzuschneiden.

          „In Europa fühle ich mich am wohlsten“

          Dennoch ist mit Blick auf Asien festzustellen, dass sich der Dax noch vergleichsweise gut hält. Weber hält diesen Vergleich allerdings für unfair, weil die asiatischen Märkte ein ganz anderes, viel höheres Bewertungsniveau hätten. Weil das auch Investoren zunehmend als ein Problem wahrnehmen, nähmen immer mehr Gewinne mit.

          Für die frei werdenden Mittel biete sich Europa „als sicherer Hafen“ geradezu an. „In Europa fühle ich mich am wohlsten“, sagt die Anlagestrategin. Denn hier gebe es viele marktbreite Aktien, die sich als defensives Investment eigneten, etwa im Telekom- und Pharmabereich.

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