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BIZ-Jahresbericht : Gratwanderung: Von der Rettung zur Reform

  • Aktualisiert am

Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, Basel Bild: Michael Hauri

Im 79. Jahresbericht erklärt die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, die Ursachen der Finanzkrise seien vielfältig, ergriffene geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen beispiellos. Die Bilanzen vieler Banken seien noch nicht saniert.

          In ihrem am Montag veröffentlichten 79. Jahresbericht wirft die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) einen Blick auf die Gratwanderung, die aus der Finanzkrise herausführt. Der Bericht betont die Notwendigkeit eines klaren Augenmerks auf mittelfristige Ausrichtung und auf Tragfähigkeit bei der Ausgestaltung wirtschafts- und finanzpolitischer Maßnahmen.

          Die Krise hatte sowohl makro- als auch mikroökonomische Ursachen: umfangreiche globale Ungleichgewichte, eine lange Phase niedriger Realzinsen, verzerrte Anreizgefüge und unterschätzte Risiken, heißt es in dem Bericht. Einige Märkte versagten, während die Regulierer den Aufbau einer übermäßigen Fremdfinanzierung nicht zu verhindern vermochten.

          Geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen sind beispiellos

          Im September und Oktober des Jahres 2008 habe sich die Finanzkrise verschärft, sodass sich die geld-, fiskal- und aufsichtspolitischen Instanzen gezwungen sahen, sowohl ihren Kampf für die Wiederherstellung eines soliden Finanzsystems auszuweiten als auch den Gefahren für die Realwirtschaft entgegenzutreten. Die ergriffenen geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen seien hinsichtlich ihrer Bandbreite wie auch ihres Umfangs beispiellos, erklärt die BIZ weiter.

          Dennoch seien die Bilanzen vieler Finanzinstitute nach wie vor nicht saniert. Hier seien weitere Maßnahmen erforderlich. Ein solides Finanzsystem sei eine zwingende Voraussetzung dafür, dass expansive Maßnahmen wirklich greifen können und es zu einem stabilen langfristigen Realwachstum komme. Wie im Jahresbericht vermerkt, sei es unabdingbar, dass die staatlichen Stellen die Sanierung des Finanzsystems in Angriff nähmen und konsequent umsetzten. Die Entscheidungsträger sollten ferner darauf achten, nicht in Finanzprotektionismus zu verfallen - zuweilen die unbeabsichtigte Folge von nationalen Stützungsmaßnahmen für den Finanzsektor -, denn dies würde Wachstum und Entwicklung bremsen.

          Die Durchführung der Sanierung sei eine komplexe, risikobehaftete Aufgabe. Die Maßnahmen sollten einen geordneten Anpassungsprozess unterstützen, nicht behindern. Es müsse ein ausgewogenes Verhältnis zwischen kurzfristiger Ankurbelung und klar formulierten Strategien zur Rücknahme der Maßnahmen gefunden werden, damit die langfristige Tragfähigkeit sichergestellt sei. Ein Schrumpfen des Finanzsektors müsse zugelassen werden, während die Kreditnehmer ihre Schulden verringerten. Zudem müsse eine Neuausrichtung der Produktionsstrukturen gefördert werden: weg von rein export- oder. schuldeninduzierter Expansion und hin zu ausgewogeneren Wachstumsmodellen, heißt es weiterhin mit Blick auf die abdauernden makroökonomischen Ungleichgewichte.

          Bilanzen der Banken sind noch lange nicht saniert

          Der Staat und der private Sektor müssten gemeinsam am Aufbau eines widerstandsfähigeren Finanzsystems arbeiten. Um die durch die Krise vielerorts aufgezeigten Schwachstellen zu beseitigen, müssten die Systemrisiken in all ihren Formen erkannt und entschärft werden. Dazu sei ein systemorientierter Aufsichtsansatz erforderlich - seit vielen Jahren ein Kernthema der Arbeit der BIZ. Guillermo Ortiz, der Vorsitzende des BIZ-Verwaltungsrats, hielt fest, dass diese Arbeit international koordiniert werden und eine große Zahl von Ländern einbeziehen müsse. Im Besonderen würden Gremien mit entsprechender Erfahrung eine führende Rolle spielen müssen.

          Im BIZ-Jahresbericht wird argumentiert, dass Finanzinstrumente, Finanzmärkte und Finanzinstitute allesamt reformiert werden müssten, damit ein wirklich robustes Finanzsystem entstehen könne. Für die Finanzinstrumente bedeute das: ein Mechanismus, der ihre Sicherheit abschätze, der nicht alle Instrumente allen zugänglich mache und der Warensignale gebe, wenn Instrumente ungeeignet oder zu riskant seien. Hinsichtlich der Märkte hieß es, dass Handel und Abwicklung vorzugsweise über zentrale Gegenparteien und Börsen laufen sollten. Für die Institute bedeute das, dass verbesserte Aufsichtsstandards flächendeckend zum Einsatz kommen und eine systemorientierte Perspektive eingenommen werde. Regulierungs- und Aufsichtsinstanzen müssten ihre Tätigkeit auf das System als Ganzes ausrichten. Wenn der Stabilität des Finanzsystems ebenso viel Gewicht beigemessen werde wie der Solidität jedes einzelnen Instituts, würde dies die Wahrscheinlichkeit gleichzeitiger Ausfälle mindern, die sich aus zusammenhängenden Engagements ergäben, und gleichzeitig würde es den prozyklischen Charakter des Finanzsystems mäßigen.

          Eine bessere Regulierung alleine genüge jedoch noch nicht. Die Wirtschaftspolitik könne und müsse das Ihre zur Förderung der Finanzstabilität beitragen. Entsprechend müsse die Geldpolitik Vermögenspreis und Kreditbooms vermehrt berücksichtigen, und die Fiskalpolitik habe auf mittelfristige Haushaltsdisziplin und langfristige Tragfähigkeit zu achten.

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