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Bernhard Langer, Anlagestratege bei Invesco : „Den Hochfrequenzhandel sollte man verbieten“

  • Aktualisiert am

Bernhard Langer, Leiter Anlagestrategie der Fondsgesellschaft Invesco Global Strategies Bild: Eilmes, Wolfgang

Bernhard Langer leitet die quantitative Aktienstrategie von Invesco und legt für Kunden rund 20 Milliarden Dollar an. Er spricht über Hochfrequenzhandel, seine Anlagemodelle und warum jeder Fonds ein bisschen Quant ist.

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          Herr Langer, verkommt der Aktienmarkt, weil mittlerweile vor allem Computer kaufen und verkaufen?

          Was meinen Sie mit „verkommt“?

          Infolge der Finanzkrise und des zunehmenden Algorithmenhandels erleben wir immer wieder Phasen wie im vergangenen Sommer, während der alle möglichen Kurse über einen Kamm geschoren wurden, ohne dass die jeweiligen Unternehmen Besonderes berichtet hätten.

          Sie haben recht damit, dass der Aktienhandel heutzutage wesentlich durch mathematische Modelle und entsprechend programmierte Computer durchgeführt wird. In den Vereinigten Staaten entspricht der Marktanteil der Computer 60 bis 70 Prozent, in Europa sind es 40 bis 50 Prozent - mit steigender Tendenz. Sorgen mache ich mir auch über den sogenannten Hochfrequenzhandel, also den Kauf und Verkauf von Aktien in Sekundenbruchteilen in mitunter großem Volumen. Der hat keinen gesamtwirtschaftlichen Nutzen, dafür schadet er sehr, wenn in die Modelle ein Fehler einprogrammiert worden ist und in der Folge der Markt quasi irrtümlich einbricht.

          Ein gängiges Argument zugunsten des Hochfrequenzhandels lautet, dadurch werde der Markt sehr liquide, das bedeutet, eine Aktie zu handeln falle leichter. Das käme allen zugute.

          Der Haken dabei ist, dass der allergrößte Anteil dieser angeblichen Liquidität in Wirklichkeit nicht existiert. Meine Sorge ist nicht die Geschwindigkeit des Handels. Es ist nicht selten so, dass innerhalb von Sekunden zwischen 70 und 90 Prozent der Kauf- und Verkaufsaufträge in einem Wertpapier verschwindet und tatsächlich sogar nie hätten ausgeführt werden können. Das Argument der großen Liquiditätsbereitstellung stimmt also nicht. Wenn das weiter zunimmt und die Bedeutung dieses blitzschnellen Handels weiterwächst, dann habe ich tatsächlich Sorge darum, dass der Aktienmarkt einmal so verkommen könnte, wie es mit dem Devisenmarkt bereits passiert ist, der ja nicht mehr durch die weltweiten Handelsströme bestimmt wird.

          Sollen wir den auf Algorithmen basierenden automatischen Aktienhandel verbieten?

          Den Hochfrequenzhandel aus den zuvor genannten Gründen ja, zumindest aber das Handeln teurer machen, den mathematikbasierten Computerhandel generell nicht.

          Das müssen Sie sagen, weil Sie ja selbst einen Anlageansatz verfolgen, der auf quantitativen Modellen beruht.

          Zwischen dem, was wir tun, und dem zuvor skizzierten Hochfrequenzhandel liegen Welten. Es stimmt, dass wir Modelle haben, die eine riesige Datenmenge Tag für Tag verarbeiten und daraus Kauf- und Verkaufsentscheidungen ableiten. Da fließen Unternehmenskennzahlen wie Gewinne und Umsätze genauso ein wie gesamtwirtschaftliche Daten zum Wirtschaftswachstum wie auch Stimmungsindikatoren, die anzeigen, wie optimistisch oder pessimistisch die Anleger oder die Verbraucher in der realen Wirtschaft gerade sind. Aus alldem ergibt sich dann unsere Positionierung.

          Was ist der Unterschied zum Hochfrequenzhandel?

          High Frequency Trading basiert rein auf Volumen und Volatilität. Wir handeln aufgrund von fundamentalen Prognosen sehr viel seltener, bauen nicht jeden Tag das komplette Portfolio um und haben auch einen wesentlich längeren Anlagehorizont.

          Wie lange halten Sie typischerweise eine Aktie?

          Wir behalten eine Position im Durchschnitt rund ein Jahr im Portfolio.

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