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Beratungsgesetz : Eigenverantwortung bleibt weiter wichtig

  • -Aktualisiert am

Auch das neue Gesetz wird nicht vor Beratungsfehlern schützen Bild: AP

Wenn Anleger von ihrer Bank falsch beraten wurden, können sie sich künftig besser wehren. Dafür gibt es jetzt ein neues Gesetz. Doch die Zweifel sind groß, dass dieses viel bringt. Besser ist es, selbst mitzudenken.

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          Die Waffen sind ungleich verteilt. Das wissen auch alle. Auf Seiten der Banken und Vertriebe stehen gewiefte Berater und geschulte Verkäufer. Die sind mit allen rhetorischen Wassern gewaschen, damit sie ihre Produkte möglichst üppig und schnell an den Kunden bringen. Auf der anderen Seite steht der Sparer.

          Der Sparer ist nicht dumm, aber meist ziemlich uninformiert. Er ist lernwillig, aber oft überfordert. Dann bekommt er auch noch zu hören: „So genau brauchen Sie das alles gar nicht zu verstehen. Wir machen das für Sie.“ Doch das ist meist nicht der Beginn einer langen Freundschaft, sondern der Anfang einer Katastrophe.

          Mehr als jede zweite Langfristanlage wird aufgelöst

          Davon ahnt der Kunde nichts, bis sein Depot an Wert verliert und er es voreilig mit Verlust auflöst, wie es 2008 viele taten. Oder die Papiere wertlos wie Lehman-Zertifikate verfallen. Oder er seine Versicherung mit hohem Abschlag wieder kündigt. Solche Fälle sind beileibe nicht die Ausnahme, sondern die Regel: Sparer lösen 50 bis 80 Prozent aller Finanzprodukte, die als Langfristanlagen geplant waren, vorzeitig wieder auf - mit horrendem Verlust. Es kostet sie jedes Jahr 30 Milliarden Euro. Geld, das für die Altersvorsorge gedacht war - und dringend benötigt würde.

          Diese Zahlen aus einer Studie von Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner waren so alarmierend, dass jetzt ein neues Gesetz kommt. Es soll Anlegern helfen, die falsch beraten worden sind. Die Idee ist gut, sie greift nach Ansicht vieler nur an der falschen Stelle an - am Ende der Verkaufskette. Denn es hilft dem Kunden erst, wenn er seine Bank verklagt.

          Zweifel am Ende des Beweisnotstands

          Demnächst sollen alle Banken über das Beratungsgespräch ein Protokoll führen. Sie sollen dort eintragen, welche Erfahrungen der Kunde bereits hat und welches Risiko er wünscht. Damit, so hofft die Verbraucherministerin, hat bald jeder Kunde ein Papier in der Hand, das ihm viel Ärger erspart, wenn er später gegen seine Bank vor Gericht zieht: „Wir befreien den Anleger aus seiner Beweisnot.“

          Diejenigen, die schon Hunderte solcher Prozesse beobachtet haben, bezweifeln das. Denn eines versäumt der Gesetzentwurf: die Beweislast umzukehren, damit Sparer dem Richter künftig nicht mehr belegen müssen, dass sie falsch beraten wurden. Sondern dass Banken nachweisen müssen, dass sie den Kunden richtig beraten haben.

          Wenig hilfreich

          So, wie das Gesetz jetzt ausfällt, hilft es nicht viel: „Auch damit werden Banker und Kunden nicht auf Augenhöhe sein“, regt sich Volker Pietsch vom Deutschen Institut für Anlegerschutz auf. „Banken haben in der Krise bewiesen, dass sie viel Quatsch verzapft und verkauft haben. Wenn man sie nicht zum Umdenken zwingt, indem man klarmacht, dass sie für Beratungsverschulden haften, ändert sich überhaupt nichts.“

          Selbst wenn ein Berater ordnungsgemäß die Punkte des Beratungsprotokolls abhakt und etwa nach Kenntnissen über Zertifikate fragt, heißt das noch lange nicht, dass der Kunde so ein Papier auch wirklich versteht. Oder dass der Berater ihm das richtige Produkt ins Depot legt. Es heißt nicht einmal, dass der Anleger das Protokoll nach Hause trägt. Oft genug händigen die Berater es nicht einmal aus, geben sie zu. Es hilft nur eines: sich bereits vor dem Kauf gegen Falschberatung zu wappnen (siehe Kasten)

          Wie viel Geld will ich anlegen, und wie lange spare ich?

          Wenn es ein großer Einmalbetrag ist, ist es sinnvoll, ihn breit zu streuen, etwa über Tag- und Festgeld, Fonds, Immobilien und Rohstoffe. Wer dagegen einen kleinen Betrag monatlich beiseitelegen will, kann Sparpläne wählen (zum Fonds-, Bank- oder Bausparen) oder eine Lebensversicherung. Wer auf ein konkretes Ziel hinspart, etwa ein Auto, der muss sichergehen, dass die Geldanlage nicht gerade dann an Wert verliert, wenn er sie auflösen will. Fondssparen bietet sich da nicht an, Festgeld viel eher.

          Soll das Geld zwischenzeitlich verfügbar sein?

          Wer nicht sicher ist, ob demnächst ein Hauskauf oder die Arbeitslosigkeit ansteht, für den sind starre Sparformen wie Festgeld, Versicherungen oder geschlossene Fonds das Falsche.

          Wie riskant soll ich mein Geld anlegen?

          Berater stufen ihre Kunden meist in fünf Risikostufen ein. Stufe 1 heißt: Dieser Anleger möchte komplett auf Nummer Sicher gehen. Er will in erster Linie nichts verlieren. Solche Sparer sollten auf Tages- oder Festgeld bei einer Bank mit voller Einlagensicherung setzen. Oder Staatsanleihen bester Bonität kaufen, also deutsche.

          Stufe 2: Der Anleger ist sehr konservativ. Zu ihm passen sehr gute Staatsanleihen aus dem Euro-Raum (wie französische) und Rentenfonds, die deutsche oder internationale Staatsanleihen verschiedener Laufzeit bündeln.

          Anleger der Stufe 3 wollen Ertrag. Das heißt aber, dass sie bereit sein müssen, auch Verluste zu tragen. Wer zum Beispiel zehn Prozent Einbußen verkraftet, der kann 70 Prozent in Staatsanleihen investieren, 15 Prozent in andere festverzinsliche Produkte und 15 Prozent in deutsche Aktienfonds, Indexfonds oder einzelne Dax-Aktien. Wer mehr Verlust verträgt, gehört zur Stufe 4 (deutsche Nebenwerte, spekulative Anleihen, Futures) oder Stufe 5: Der legt 30 Prozent in Rohstoffen an und kauft für 30 Prozent ausländische Nebenwerte und Optionsscheine aller Art.

          Soll ich bei einer Bank oder einem Honorarberater kaufen?

          Bei einer Bank kostet die Beratung nur scheinbar nichts. Tatsächlich zahlt der Kunde sie über hohe Gebühren oder schlechtere Produkte. Banken empfehlen gern hauseigene Produkte, bei Sparkassen sind das Deka-Fonds oder Provinzialversicherungen, bei der Deutschen Bank DWS-Fonds und bei Volksbanken Union-Investment-Fonds. Nicht immer, weil die Produkte erste Wahl sind, sondern weil sie an denen am meisten verdienen.

          Es gibt auch Einfirmenvertreter, die nur für einen bestimmten Fondsanbieter oder eine Versicherung tätig sind, womit sie natürlich nur deren Produkte verkaufen. Eine bessere Wahl sind freie Makler, die viele Angebote vergleichen und das beste heraussuchen. Sie kassieren dafür meist eine Provision vom Anbieter. Oder - noch besser: freie Honorarberater. Die lassen sich stundenweise bezahlen oder prozentual nach Anlagesumme. Zwar scheuen viele Kunden die Kosten von mehreren hundert Euro. Letztlich ist das aber immer billiger als teure Fehlkäufe.

          Wie erkenne ich einen guten Anlageberater?

          Verbraucherzentralen haben gute Adressen von Honorarberatern. Ein guter Berater sollte Folgendes tun: ihnen die obigen Fragen stellen. Alle Unterlagen immer aushändigen. Ihnen vorlegen, dass er eine Vermögensschadenhaftpflichtversicherung hat. Und freundlich bleiben, wenn Sie sagen, Sie nehmen die Unterlagen mit und überschlafen das Angebot. Denn das sollten Sie auf jeden Fall tun und alle Angebote von einer Verbraucherzentrale prüfen lassen. Das erspart meist spätere Duelle vor Gericht.

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