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Umstellung des Vertrages : Riester-Sparer, aufgepasst!

Blaue Illumination: Blick auf das Gebäude der Union Investment Gruppe in Frankfurt bei Nacht Bild: Max Kesberger

1,8 Millionen Verträge und mehrere Milliarden Euro Volumen: Einer der größten Riester-Fonds ändert seine Strategie. Anleger sollten genau abwägen, ob sie das mitmachen.

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          In den vergangenen Wochen erhielten viele Anleger Post von der Fondsgesellschaft Union Investment. Schon die Betreffzeile des Briefes dürfte manche zutiefst irritiert haben: „Anpassung der Sonderbedingungen für Ihren Altersvorsorgevertrag“ ist dort in schönstem Bürokratendeutsch zu lesen.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dahinter steckt eine der stärksten Veränderungen, die je eine Gesellschaft an einem großen Fonds vorgenommen hat: Das Anlagekonzept des meistverkauften Riester-Fondssparplans Deutschlands, der UniProfiRente, soll bald deutlich anders aussehen. Vereinfacht gesagt, will man sich in Zukunft bei wichtigen Anlageentscheidungen verstärkt auf Computer verlassen.

          Allerdings sind die Anleger nicht verpflichtet, das mitzumachen: Bis Ende Juli haben sie Zeit, wenn sie der Änderung ihres Vertrages widersprechen wollen. Es sind ganz schön viele Sparer, die sich in den nächsten Wochen darüber Gedanken machen müssen, ob ihnen das neue Computerkonzept behagt. 1,8 Millionen Riester-Verträge hat Union Investment als „UniProfiRente“ vor allem an Kunden der Volksbanken verkauft, rund acht Milliarden Euro sind in den Verträgen angelegt.

          Mehr als eine Anpassung

          Union Investment ist bemüht, die Umstellung als geringfügige „Anpassung“ herunterzuspielen, der Anleger ohne Bedenken zustimmen könnten. Doch wie groß die Veränderung wirklich ist, zeigt sich, wenn man das alte und das neue Konzept miteinander vergleicht. Bisher ist die Sache nämlich so: Das Geld der Riester-Sparer fließt hauptsächlich in einen bewährten Aktienfonds der Gesellschaft, den Uniglobal. Dieser investiert in die großen Aktienunternehmen der Welt – mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg, jedoch nie richtig schlecht.

          Da jeder Riester-Sparer aber zum Ende seines Vertrages zwingend sein eingezahltes Geld und die vom Staat gewährten Zulagen zurückerhalten muss, kommt es immer mal wieder vor, dass die Sparraten einzelner Anleger eine Zeitlang nicht in den Aktienfonds fließen, sondern in einen Union-Anleihefonds. Dies kann entweder dann der Fall sein, wenn es an den Aktienmärkten zu starken Kurseinbrüchen kommt. Oder wenn ein Sparer sich dem Ende der Vertragslaufzeit nähert, seine Erträge also nicht mehr durch die Schwankungen des Aktienmarktes gefährdet werden sollen.

          Computer bringen den Umbruch

          An diesem Mechanismus des Umschichtens zwischen Aktien- und Anleihefonds wird sich nun zwar im Großen und Ganzen nichts ändern. Allerdings soll das Geld der Anleger vom 1. August an nicht mehr in den traditionellen Aktienfonds Uniglobal fließen, sondern in eine deutlich veränderte Variante des Fonds mit dem Namen „Uniglobal Vorsorge“. Diese Variante unterscheidet sich von der traditionellen Form gravierend: Der Fonds investiert anders als bisher das Geld nicht immer vollständig in Aktien.

          Sondern er kann in schwierigen Marktphasen auch nur 50 Prozent des Portfolios in Aktien anlegen und den Rest quasi in bar halten. Gehen die Kurse dagegen durch die Decke, hat der Fonds neuerdings die Möglichkeit, mittels spezieller Derivate daran überproportional zu verdienen. In der technischen Sprache der Fondsmanager nennt man das eine Aktienquote von mehr als 100 Prozent, konkret bedeutet dies: Legen die Kurse beispielsweise um zehn Prozent zu, gewinnt der Fonds um mehr als zehn Prozent an Wert.

          Entwicklung des Uniglobal-Fonds
          Entwicklung des Uniglobal-Fonds : Bild: F.A.Z.

          Die Entscheidung über die Quote sollen in Zukunft keine Menschen mehr treffen, sondern Computer – das ist das grundsätzlich Neue, eben keine kleine „Anpassung“, sondern ein Umbruch. Das Ziel, das die Fondsgesellschaft verfolgt, klingt aber vernünftig: „Wir wollen vor allem bei fallenden Kursen Verluste reduzieren.“ Der Mechanismus soll also funktionieren wie eine Handbremse.

          Wetten auf Wetten

          In der Theorie laufen solche sogenannten Trendfolgesysteme in der Regel ganz gut. Auch das Union-Konzept hört sich nicht abwegig an: Mit Hilfe verschiedener Indikatoren (dazu gehören charttechnische Auswertungen) soll der Computer errechnen, wann sich eine Kursbewegung nach oben fortsetzt und wann sie vorbei ist. Im Idealfall erwischt er dadurch jeweils den günstigsten Zeitpunkt zum Einstieg und den besten Moment zum Ausstieg.

          Das Problem ist nur: In der Wirklichkeit kann das auch voll danebengehen. Reagiert der Computer beispielsweise zu träge, macht der Fonds alle Kursverluste voll mit, verdient aber bei Kursaufschwüngen weniger (weil er erst mit Verzögerung wieder in Aktien investiert). „Es gibt keine Garantie, dass solche Systeme in der Praxis immer funktionieren“, urteilen die Experten des Analysehauses Morningstar. Union Investment versichert zwar, dass man das Programm ausgiebig getestet habe. Aber angewandt wird es bislang nur in Fonds, die Sparer erst seit kurzer Zeit kaufen können.

          Für Anleger bedeutet das: Wenn sie der Änderung ihres Riester-Vertrages zustimmen, gehen sie nicht nur eine Wette darauf ein, dass sich mit Computern die Aktienmärkte besser durchschauen lassen. Sondern auch darauf, dass das Union-Programm dies besonders gut kann. Alles in allem ganz schön gewagt. Wem das zu viele Wetten auf einmal sind, der sollte der Umstellung besser widersprechen. Dann nämlich bleibt alles beim Alten.

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