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Behavioral Finance : Trübes Wetter schlecht für Aktienkurse

Matschiges Winterwetter in der Hamburger Innenstadt. Bild: dpa

Wind, Regen und Schneematsch drücken auch kühl rechnenden Analysten und anderen erfahrenen Marktteilnehmern auf das Gemüt. Das bleibt nicht ohne Folgen.

          Wer kennt das nicht. Es ist trüb, regnerisch und vielleicht auch noch kalt, und die Stimmung ist ebenfalls im Keller. Schlechtes Wetter scheint sich gleichwohl auch auf ganz andere Bereiche des Lebens wie die Finanzmärkte negativ auszuwirken. Und dies gilt offenbar nicht einmal besonders für die Aktien der Unternehmen, deren Geschäft vom Wetter abhängt, sei es zum Beispiel die Bauindustrie oder ein Streusalzhersteller wie K+S. Denn der Mix aus Wolken, Wind und Regen drückt offenbar selbst den besten Analysten und anderen erfahrenen Marktteilnehmern so sehr auf das Gemüt, dass es ihr Handeln erkennbar beeinflusst und bremst.

          Kerstin Papon

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Diese Finanzexperten reagieren träger und auch seltener auf wichtige Nachrichten wie die Ankündigung von Gewinnen oder Verlusten von börsennotierten Unternehmen. Dies sind die Ergebnisse einer Studie der Stanford Graduate School of Business und der University of Minnesota - Twin Cities. Selbst kurze Verzögerungen nach dem Bekanntwerden einer wichtigen Nachricht können aber verpasste Chancen für den Kauf oder Verkauf eines Wertpapiers bedeuten und das Erreichen eines neuen Gleichgewichtspreises an der Börse verzögern.

          Schlechtes Wetter störe nach der Verkündigung einer Unternehmensnachricht die Verarbeitung der neuen Informationen und verzerre den Fluss von darüberhinaus gehenden Neuigkeiten wie Analystenberichten, ist ein weiteres Ergebnis der Studie.In der Verhaltenstheorie nehme man gerne an, dass Menschen vollständig rationale Wesen seien, sagt Ed de Haan, Professor für Rechnungswesen in Stanford. Doch letztlich sind auch kühl rechnende Analysten, anhand deren Urteil wiederum Investoren ihre Anlageentscheidungen treffen, nur Menschen, die auf äußere Einflusse wie eben auch das Wetter reagieren.

          Über 600.000 Marktbeobachtungen mit Wetterdaten verglichen

          Nach der Studie sinkt bei wolkenverhangenem Himmel die Wahrscheinlichkeit dafür, dass Analysten Kauf- oder Verkaufsempfehlungen aussprechen oder Prognosen für den Jahresgewinn einer Gesellschaft stellen, um bis zu 18 Prozent im Vergleich zu den Tagen mit strahlendem Sonnenschein. Damit bleiben möglicherweise auch entsprechende Kursreaktionen am Finanzmarkt aus, die es durch die Empfehlungen gegeben hätte. Die Untersuchung zeigt auch, dass rund um die Bekanntgabe der Geschäftszahlen des Unternehmens die Handelsvolumina in den jeweiligen Wertpapieren bei schlechtem Wetter geringer sind als an Tagen mit viel Sonnenschein.

          Die Ergebnisse der Studie passten zur allgemeinen Forschung über den Zusammenhang zwischen Wetter und menschlichem Gemüt, sagt de Haan. Sie habe gezeigt, dass trübe Tage leichte Depressionen hervorrufen könnten. Diese wiederum können die Konzentrationsfähigkeit erschweren, Lethargie und Apathie fördern und ein langsameres Handeln mit sich bringen.

          Die Sorge der Wissenschaftler, dass Menschen asymmetrisch handelten und die Ergebnisse der Studie dadurch verzerrt werden könnten, hat sich dagegen nicht bestätigt. Ein asymmetrisches Handeln hieße in diesem Fall, dass die Analysten auf schlechte Nachrichten besonders heftig reagieren, positive Neuigkeiten dagegen durch das trübe Wetter und die schlechte Stimmung weniger Einfluss auf ihr Handeln nehmen. Für die Studie der Stanford Graduate School of Business und der University of Minnesota - Twin Cities wurden weit mehr als 600.000 Marktbeobachtungen von 5456 Analysten in acht Jahren (von 1997 bis 2004) und 139 Städten mit den Wetterdaten der jeweiligen Standorte und Tage verglichen.

          Bei schönem Wetter glauben Anleger eher an Erfolg

          Es gibt viele Studien, in denen Wissenschaftler den Einfluss von Stimmungen auf die Börsenkurse untersucht haben. In gewisser Weise scheinen auch die Aktienkurse indirekt selbst wetterfühlig zu sein. Denn weil das Wetter einen so starken Einfluss auf die Laune der Menschen habe, schlage sich dies auch in ihrer Risikoneigung und mithin in den Aktiennotierungen nieder, argumentieren viele Fachleute. So kommt zum Beispiel der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Edward Saunders für die New Yorker Börse zu dem Ergebnis, dass schlechtes Wetter einen negativen Einfluss auf den Kursverlauf hat. Je mehr Wolken am Himmel seien, desto geringer falle der Wertzuwachs aus. An schönen Tagen wiederum stiegen die Kurse deutlicher.

          Auch die Forscher David Hirshleifer und Tyler Shumway haben festgestellt, dass die Aktienkurse bei Sonnenschein und blauem Himmel offenbar besonders deutlich zulegen. Dafür haben sie in den Jahren 1982 bis 1997 die Beziehung zwischen morgendlichem Sonnenschein und der Kursbilanz des jeweiligen Tages an 26 führenden internationalen Börsen miteinander verglichen und dabei einen starken Zusammenhang festgestellt. Eine mögliche Erklärung dafür könnte sein, dass schönes Wetter grundsätzlich den Optimismus der Menschen fördert. Anleger glauben dann möglicherweise eher an den Erfolg ihres Handelns.

          Wetterfühligkeit ist weit verbreitet, und es gibt sie freilich nicht erst seit heute. Selbst Philosophen wie Voltaire haben offenbar unter Tagen mit Wolken und Regen gelitten. „Meine Arbeit war heute trüb, weil das Wetter trüb war“, soll der Franzose einmal gesagt haben.

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