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Fondsgesellschaften : Die unheimliche Macht der ETF-Fonds

Transformation des Kapitalismus

Angesichts solcher Zahlen stellte die Bank of England schon 2014 fest, man lebe im Zeitalter des „Asset Management“ (was im Grunde nur ein anderes Wort für Fondsgesellschaften ist). Ein Forscherteam von der Universität Amsterdam geht sogar noch weiter. Zurzeit vollziehe sich eine Transformation des Kapitalismus, lautet ihre These. Der Siegeszug der Fondsgesellschaften habe einen neuen Finanzkapitalismus entstehen lassen, der die Welt verändere.

Dies sind große Worte, aber viel spricht dafür, dass sie treffend gewählt sind. Denn Blackrock und Vanguard haben ihren Erfolg fast allein einer neuen Entwicklung in der Geldanlage zu verdanken, die in den vergangenen Jahren alle Rekorde gebrochen hat: Beide Fondsgesellschaften verdienen ihr Geld mit der Auflage von Indexfonds, besser bekannt als ETF. Diese Fonds folgen einem eingängigen Prinzip: Sie bilden die Wertentwicklung eines Börsenindex wie des Dax exakt nach. Steigt der Dax beispielsweise um zwei Prozent, gewinnt auch der ETF zwei Prozent hinzu. Verliert der Dax dagegen zwei Prozent, macht auch der ETF zwei Prozent Verlust.

Für Anleger sind solche Fonds nicht nur deswegen eine gute Sache, weil jeder ihre Funktionsweise sofort versteht. Sondern auch, weil sie in der Regel nur wenig Gebühren kosten und überdies einer Erkenntnis Rechnung tragen, die die Menschheit dem Ökonomie-Nobelpreisträger Eugene Fama zu verdanken hat: Kein Fondsmanager kann auf Dauer eine bessere Wertentwicklung erreichen als der Aktienmarkt als ganzes. All dies hat dazu geführt, dass Anleger soviel Geld in ETF investieren wie noch nie: Gewaltige 3300 Milliarden Dollar sind es zurzeit. Und je mehr Geld dort hineinfließt, umso größer werden Blackrock & Co. Schon heute verwaltet Blackrock gut ein Drittel aller ETF-Gelder.

Niemand kommt auf mehr Anteile als Blackrock im Dax

Um zu begreifen, warum dies möglicherweise ein Problem ist, muss man wissen, was genau die Fondsgesellschaften mit dem Geld der Anleger machen. Leicht vereinfacht, investieren sie es in alle Aktien der Börsenbarometer, die sie mit ihren jeweiligen Fonds abbilden möchten. Ein Dax-ETF zum Beispiel kauft die Aktien aller 30 Dax-Konzerne im Verhältnis ihres aktuellen Börsenwertes und passt dieses Verhältnis an, wenn sich der Börsenwert ändert. Fließt frisches Geld von neuen Investoren in den Fonds, kauft er noch mehr Dax-Aktien.

Dieses Vorgehen hat dazu geführt, dass die großen ETF-Anbieter substantielle Anteile an allen wichtigen Unternehmen der Welt besitzen. Besonders eindrücklich zeigt sich dies anhand des wichtigsten amerikanischen Börsenindex, des S&P 500: Ob Blackrock, Vanguard oder der hierzulande ebenfalls wenig bekannte Vermögensverwalter State Street – zusammengenommen sind die drei Gesellschaften schon bei 90 Prozent der Firmen im S&P 500 der größte Anteilseigner. Im Dax hat schon Blackrock alleine hohes Gewicht: An allen Dax-Konzernen zusammengenommen hält die Fondsgesellschaft fünf Prozent. Kein anderer Aktionär, kein Pensionsfonds und kein Vermögensverwalter, kommt auf mehr Anteile.

Die Befürchtung der Ökonomen ist nun: Da die Fondsgesellschaften über ihre verschiedenen ETF mitunter an allen wichtigen Unternehmen einer Branche beteiligt sind, haben sie ein anderes Interesse als Aktionäre, die nur Anteile an einer Firma halten. Ein normaler Anteilseigner wäre üblicherweise glücklich damit, wenn diese eine Firma den höchstmöglichen Gewinn erzielt – selbstverständlich auch dann, wenn dies zulasten anderer Firmen der gleichen Branche geht.

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