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Standortsuche : Banken planen für den harten Brexit

Wohin laufen sie denn? Londoner vor der Tower Bridge Bild: Reuters

Schon in wenigen Wochen dürften die ersten Institute konkrete Entscheidungen fällen. Die Zeit drängt. Von der Politik erhoffen sich die Banken Flexibilität.

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          Spätestens die Parteitagsrede der britischen Premierministerin Theresa May Anfang Oktober hat in vielen Banken die Alarmglocken läuten lassen. Hatten viele Institute unmittelbar nach dem Brexit-Votum noch mit weitreichenden Kompromissen für die Finanzbranche gerechnet, rechnen nun so gut wie alle damit, dass es in zwei bis drei Jahren zu einem EU-Austritt komme, „der keinen Zugang mehr zum Binnenmarkt erlauben wird“, wie Stefan Winter, der Verbandsvorsitzende der Auslandsbanken in Deutschland, am Mittwoch vor Journalisten in Frankfurt sagte. Seit dem Datum seien die Anfragen kräftig nach oben gegangen.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dass man weiterhin von London aus mit dem EU-Pass seine Finanzprodukte in ganz Europa vertreiben könne, sei nun bei keinem Institut mehr die Arbeitsgrundlage. „Alle gehen jetzt davon aus, dass sie etwas verändern müssen“, sagte Winter.

          Banken wollen Fakten schaffen

          Und die Zeit drängt. Im schlimmsten Fall hätten sie von März 2017 an zwei Jahre Zeit, bis die neuen Strukturen operativ funktionieren müssten. Winter, der hauptberuflich das Investmentbanking der UBS in Deutschland führt, rechnet daher damit, dass die ersten Institute schon innerhalb der nächsten Wochen ihre ersten Entscheidungen fällen werden. Denn allein der Aufbau einer neuen IT-Infrastruktur dauere mindestens zwei Jahre.

          Winter geht davon aus, dass viele Banken vor allem für das Investmentbanking, im Derivategeschäft und der Abwicklung von Wertpapiergeschäften in Euro möglichst schnell Fakten schaffen wollten, um die derzeitige Unsicherheit auch für die Kunden zu beseitigen. Ähnliche Erwartungen hatten in der vorigen Woche schon der Staatssekretär im Bundesfinanzministerium und der hessische Ministerpräsident geäußert.

          Banken könnten sich weltweit verteilen

          Allerdings warnte Winter die übrigen europäischen Finanzplätze wie Frankfurt vor zu großen Hoffnungen. Nicht alle Arbeitsplätze, die in London abgebaut würden, zögen automatisch auf den Kontinent. Amerikanische Banken etwa dürften einerseits viele Stellen in ihren Heimatmarkt zurückverlagern, andere Arbeitsplätze würden womöglich ganz eingespart. Viele europäische Institute dürften die Abteilungen an ihre jeweiligen Heimatorte verlagern, so dass nicht ein einzelnes Finanzzentrum einen sehr großen Schub bekäme. Überhaupt dürften die meisten Banken vorerst versuchen, möglichst wenige Stellen zu verlagern, weil so etwas viel Geld koste.

          Zumindest für die erste Zeit rechnet Winter damit, dass zum Beispiel Finanzprodukte weiter in den Londoner Abteilungen entwickelt würden, aber an Standorten innerhalb der EU lizenziert und vertrieben werden. Daher sei es sinnvoll für die Finanzplätze, sich als Partner von London und nicht als Alternative dazu zu positionieren. „Wir werden in London große Einheiten lassen“, sagte Winter. Schließlich habe man dort nicht zuletzt lang laufende Mietverträge und funktionierende Infrastrukturen. „Wir werden das nicht am Tag eins vernichten, das macht doch gar keinen Sinn.“

          Möglicher Standort Frankfurt

          Die in Frankfurt zuletzt häufig geäußerte Zahl von 100 00 Bankern, die von der Themse an den Main umziehen könnten, nannte Winter „reine Spekulation“. Eine eigene Schätzung wollte er nicht abgeben. Bislang seien noch bei keiner Bank Entscheidungen gefallen. Auch die Meldungen, wonach die Citigroup 900 Arbeitsplätze von London nach Dublin verlegen wolle, hat das Institut mit einiger Verzögerung dementiert.

          Das gern vorgebrachte Argument, dass Banker nicht nach Frankfurt ziehen wollten, lässt Winter nicht gelten. „Talent zieht dahin, wo es Arbeit gibt“, sagte auch sein Vorstandskollege und Deutschland-Chef von ABN Amro, Horst Schmidt. Das müsse gerade bei Investmentbankern, die ohnehin viel unterwegs seien, nicht bedeuten, dass sie auch privat nach Frankfurt zögen.

          Hessische Politik lockt Banken

          Winter zeigte sich zufrieden mit dem Einsatz der Politik. Vor allem die Werbetouren hessischer Landespolitiker und Vertreter der Stadt Frankfurt nach London und New York hob er hervor. Auch in Berlin sei der Wille zu erkennen, den Standort mit flexiblen Lösungen attraktiv zu machen. Wichtig sind aus seiner Sicht vor allem Lockerungen beim Kündigungsschutz, den die angelsächsischen Institute nicht nachvollziehen könnten. Hier gebe es entweder die Möglichkeit, ab einer gewissen Gehaltsklasse den Kündigungsschutz zu lockern, oder aber in einer Übergangsphase von drei bis fünf Jahren die bestehenden Londoner Verträge auch in Deutschland anzuerkennen.

          Auch bei der Anerkennung der Londoner Risikomodelle hoffen die Auslandsbanken auf ein Entgegenkommen der deutschen Behörden. Eine mögliche Umsiedlung der Europäischen Bankenaufsicht EBA von London nach Frankfurt spiele indes für die Banken keine entscheidende Rolle.

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