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Frankfurt freut sich : Erste Banken prüfen Umzug von London an den Main

In Frankfurt sind bereits viele Banken ansässig. 60.000 Banker arbeiten hier. Bild: Maximilian von Lachner

Die Zeichen verdichten sich, dass britische Banken Teile ihres Geschäfts auf den Kontinent verlagern. Die deutsche Bankenaufsicht findet das gut, stellt aber auch Bedingungen für die Zeit nach dem Brexit.

          Als Hubertus Väth im November eine Pressemitteilung aussenden ließ, in der es hieß, jetzt sei die Zeit für Entscheidungen gekommen, taten viele dies als Wortgeklingel eines gewieften Lobbyisten ab. Väth ist Geschäftsführer von Frankfurt Main Finance, einem Verein, dessen Ziel es ist, „Frankfurt als nationales und internationales Finanzzentrum ersten Ranges zu positionieren“.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Inzwischen teilen aber mehr und mehr Banker in Frankfurt Väths Einschätzung von vor zwei Monaten, dass im ersten Quartal 2017 in vielen Londoner Banken die Grundsatzentscheidung fällt, wohin nach dem Austritt Großbritanniens aus der EU Geschäftsbereiche verlagert werden. Optimisten hoffen, dass am Finanzplatz Frankfurt rund 10.000 zusätzliche Jobs entstehen könnten.

          Viele Stellen gefährdet

          Auch in London verstärkt die Finanzlobby den Druck: Die britische Regierung müsse mehr tun, um einen massenhaften Verlust von Arbeitsplätzen nach dem Brexit zu verhindern. Mehr als 230.000 von rund 2,2 Millionen Stellen im Finanzgewerbe in Großbritannien seien gefährdet, warnte Xavier Rolet, der Vorstandschef der Londoner Aktienbörse LSE, diese Woche in einer Anhörung vor dem Finanzausschuss des britischen Parlaments.

          Rolet hob vor allem ein Risiko für London hervor – das für Frankfurt, Paris und andere Finanzzentren in der EU zur Wachstumschance werden könnte: Falls nach dem Brexit die Abwicklung (Clearing) von auf Euro lautenden Finanzgeschäften nicht mehr in Großbritannien stattfinden dürfe, drohe auf der Insel ein Dominoeffekt an Geschäftsverlagerungen. Der britische Notenbankchef Mark Carney warnte am Dienstag ebenfalls vor „übergroßen“ Folgen für die heimische Finanzwirtschaft durch den Brexit.

          Auch Versicherer hören sich in Deutschland um

          Felix Hufeld, der Präsident der deutschen Finanzaufsicht Bafin, spricht augenzwinkernd von „ganz neuen Erfahrungen“. Seine Behörde erhalte Anfragen von Banken, die sich sogar freiwillig ihrer Aufsicht unterstellen wollten. Banken in London prüften, Sitz oder Geschäftsbereiche nach Frankfurt zu verlagern. Hufeld weigerte sich allerdings in seiner Rede auf dem Neujahrsempfang der Bafin, für Journalisten Namen und Zahl der Institute zu nennen, mit denen die Bafin derzeit verhandelt.

          Finanzkreise in Frankfurt und London halten es allerdings für plausibel, dass eine größere zweistellige Zahl an Banken bei der deutschen Bankenaufsicht, aber auch an den konkurrierenden Finanzplätzen in Paris und Luxemburg die Bedingungen ausloten. Auch von britischen Versicherern ist zu hören, dass sie sich ernsthaft mit Filialgründungen in Deutschland auseinandersetzten. Darunter sind Unternehmen jeder Größe – von ganz groß bis klein.

          Banken müssten auch Kontrolleure mitbringen

          Da viele Banken in London Tausende von Mitarbeitern beschäftigen, für die amerikanischen und Schweizer Großbanken in Frankfurt aber nur in der Regel zwischen 250 und 400 Mitarbeiter arbeiten, können schon kleine Veränderungen in London in Frankfurt eine große Bedeutung erlangen.

          Hufeld betonte indes, dass er sich als Aufseher und nicht als Wirtschaftsförderer sieht. Sein Signal ist klar: Die Bafin verlangt, wie auch aus ihren noch nicht veröffentlichten neuen Mindestanforderungen an das Risikomanagement von Banken hervorgeht, dass Banken mit nennenswertem Geschäft in Deutschland nicht nur Verkäufer, sondern auch Mitarbeiter im Risikomanagement wie Geldwäschebeauftragte und Wertpapierhandelskontrolleure hierzulande beschäftigen müssen, wenn sie eine deutsche Banklizenz von der Bafin erhalten wollen.

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