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Bonitätsanleihen : Bafin will erstmals ein Finanzprodukt verbieten

In Deutschland sind bei Börsianern außer Aktien auch Derivate sehr beliebt. Bild: dpa

Mit bestimmten Zertifikaten können Anleger auf die Zahlungsfähigkeit von Unternehmen wetten. Die Finanzaufsicht hat aus mehreren Gründen erhebliche Bedenken wegen dieser Produkte.

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          Erstmals will die Finanzaufsicht Bafin von ihrer Möglichkeit Gebrauch machen, ein Finanzprodukt komplett zu verbieten. Es handelt sich dabei um Bonitätsanleihen, eine Gattung im Zertifikatemarkt, in der Privatanleger derzeit 6 Milliarden Euro angelegt haben. „Strukturierte Produkte, die sich auf Kreditrisiken beziehen, gehören aus unserer Sicht nicht in die Hände von Privatkunden“, begründet Bafin-Exekutivdirektorin Elisabeth Roegele das beabsichtigte Verbot.

          Daniel Mohr
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bonitätsanleihen werden von Banken begeben und beziehen sich auf andere Unternehmen. Marktführer LBBW hat zum Beispiel gerade ein Papier auf Volkswagen in der Zeichnung. Die Laufzeit ist bis 2020 vorgesehen. Bleibt der Autohersteller bis dahin zahlungsfähig (und die emittierende Bank auch), erhält der Anleger regelmäßige Zinszahlungen, die in der Regel höher liegen als von klassischen Anleihen desselben Unternehmens.

          Die Bafin hat nun erhebliche Bedenken für den Anlegerschutz. Privatkunden könnten in der Regel nicht bewerten, wie groß die Wahrscheinlichkeit der Rückzahlung des Anlagebetrages ist und ob die Übernahme des Kreditrisikos adäquat vergütet wird. Außerdem sieht die Finanzaufsicht einen Interessenkonflikt, da die Banken zugleich Emittent der Bonitätsanleihen und Kreditgeber für die Unternehmen sind. Auch der Begriff der Bonitätsanleihe wird für irreführend gehalten, da es keine Anleihen im klassischen Sinne seien. Tests der Anlageberatung hätten ergeben, dass Kunden die Funktionsweise der Produkte nicht adäquat erklärt werde.

          Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) würde an dieser Stelle ansetzen. „Es wäre sinnvoller, die Beweislast umzukehren: Der Berater sollte beweisen müssen, dass er den Kunden richtig beraten hat und nicht - wie es bisher der Fall ist - umgekehrt“, sagt DSW-Sprecher Jürgen Kurz. „Das geplante Produktverbot deutet an, dass die Bafin die Hoffnung aufgibt, bei den Beratern eine bessere Finanzberatung erreichen zu können.“ Von Verboten hält Kurz wenig: „Der Anleger sollte selbst entscheiden dürfen, was in sein Portfolio passt.“

          Der Deutsche Derivate Verband (DDV) als Interessenvertretung der Zertifikatebranche hält von dem Verbot ebenfalls nichts. Er befürchtet den Versuch, an einer Branche, die seit Lehman viele Anstrengungen unternommen hat, um für Anleger wieder attraktiver zu werden, ein Exempel zu statuieren. Es habe im Gegensatz zu Prokon oder German Pellets keinen größeren Schadensfall gegeben. „Ein Produktverbot muss eine Ultima Ratio nach Ausschöpfung aller anderen Mittel sein“, sagt DDV-Geschäftsführer Christian Vollmuth. „Das ist hier nicht der Fall. Wir werden über entsprechende Rechtsmittel nachdenken.“ Bis Anfang September haben alle Beteiligten Zeit, zu dem beabsichtigten Verbot Stellung zu beziehen.

          Bestehende Produkte sollen am Markt bleiben dürfen, neue aber nicht aufgelegt werden. Marktführer mit einem Anteil von 45 Prozent ist die LBBW. Die Dekabank kommt auf 32 Prozent, die HVB auf 10 Prozent und die DZ Bank auf 7 Prozent. Der Zertifikatemarkt insgesamt hatte Stand Ende Juni ein Volumen von gut 60 Milliarden Euro. Die Bonitätsanleihen machen damit gut 10 Prozent aus. Sie haben ihren Anteil in den vergangenen drei Jahren verdoppelt. Wichtigster Zertifikatebereich sind mit einem Anteil von knapp 30 Prozent Strukturierte Anleihen. Hier gab es am Begriff der Anleihe noch keine Kritik von der Bafin.

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