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Anonyme Twitter-Nachrichten : In den Aufzügen von Goldman Sachs

  • -Aktualisiert am

Weisheiten aus dem Aufzug: Die Sprüche der Banker bedienen viele Klischees der Wall Street. Bild: dpa

Weisheiten aus dem Aufzug: Ein anonymer Banker veröffentlicht auf Twitter Sprüche seiner Kollegen. Das klingt dann etwa so: „Was ist das Schockierendste, was ein deutscher Tourist zu einer Prostituierten sagen kann? ,Darf ich dich in Euro bezahlen?‘“

          Wer schon immer wissen wollte, wie Investmentbanker wirklich ticken, kann sich jetzt bei Twitter schlaumachen. Seit etwas mehr als zwei Jahren setzt ein anonymer Banker von Goldman Sachs auf dem Kurznachrichtendienst Sprüche ab, die er in den Aufzügen der Investmentbank gehört hat oder zumindest gehört haben will. Geschmückt mit einem Bild des Vorstandschefs Lloyd Blankfein aus der Zeit, als er im Kongress bei Anhörungen wegen fragwürdiger Geschäftspraktiken vorgeführt wurde, ist das Twitter-Konto GS Elevator Gossip (@GSElevator) populärer als das offizielle Konto von Goldman. Der Investmentbank folgen 124.000 Nutzer von Twitter, der Aufzugstratsch interessiert mehr als 600.000 Leute.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Insidergeschichten über Goldman Sachs, um die es nach ein paar Skandalen zuletzt wieder ruhiger geworden ist, finden offenbar immer noch eine Menge Leser. Das hofft auch der große Verlag Simon & Schuster, dessen Marke Touchstone die Geschichten im Oktober als Buch herausbringen will. Der Arbeitstitel „Straight to Hell“ – direkt in die Hölle – verspricht wahre Geschichten von Exzess und Überschwang aus der Welt der Investmentbanker. Es ist aber zu bezweifeln, ob Goldman-Geschichten die Drogen- und Sexeskapaden des „Wall-Street-Wolfs“ Jordan Belfort toppen können, die, von Martin Scorsese verfilmt, derzeit erfolgreich im Kino laufen.

          Angeber mit zu viel Geld

          Die Stimmen der Goldmänner in der Twitter-Parodie klingen eher wie die von jungen Angebern mit zu viel Geld, die versuchen, sich mit versucht witzigen, aber überwiegend konservativen, sexistischen und rassistischen Sprüchen hervorzutun. Als Investmentbanker haben die Goldmänner im Aufzug auch ein paar Kommentare zu wirtschaftlichen Fragen wie der europäischen Staatsschuldenkrise parat. Das klingt dann so: „Was ist das Schockierendste, was ein deutscher Tourist zu einer Prostituierten sagen kann? ,Darf ich dich in Euro bezahlen?‘“

          Die Twitter-Weisheiten der Banker bedienen ansonsten viele Klischees über die Kultur der Wall Street. Der Besuch von Striptease-Lokalen ist immer wieder ein Thema, obwohl das in den vergangenen Jahren zu mehreren Klagen weiblicher Angestellter geführt hatte. „Wenn sich dein Junggesellenabend um ein großes Steak-Essen und einen Strip-Club dreht, bin ich nicht dabei. Das habe ich erst gestern gemacht“, soll ein Banker gesagt haben. Die Bonuszahlungen bei Goldman und anderen Banken sind nach einem öffentlichen Aufschrei zwar geschrumpft. Aber es scheint immer noch genug übrig zu bleiben. „Eine Tussi hat mich gefragt, was ich mit 10 Millionen Dollar machen würde. Ich habe ihr gesagt, dass ich mich fragen würde, wo der Rest meines Geldes geblieben wäre.“

          Die Männer im Aufzug geben sich auch trinkfest. „Wenn ich nur einen Drink wollte, würde ich zur Kommunion gehen.“ Die vielfältige Herkunft der Belegschaft, auf die Spitzenmanager in offiziellen Erklärungen Wert legen, scheint bei den normalen Mitarbeitern auch nicht immer geschätzt zu werden. „Immer wenn ich einen Schwarzen mit meinem Nachnamen treffe, frage ich mich, ob seine Familie meiner Familie gehört hat“ – ein Hinweis auf die Geschichte der Sklaverei in Amerika. Ein anderer Banker philosophiert. „Es gibt im Leben nur zwei Wege zum Glück: Dummheit oder außergewöhnlichen Reichtum“, wird er auf Twitter zitiert. Wenn das stimmt, ist den Goldmännern im Aufzug das Glück wohl sicher.

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