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Hochhaus „Gherkin“ : Fondsbesitzer haben nichts vom Verkauf der „Gurke“

Ein Wahrzeichen und eine Gurke: Das Londoner Hochhaus „Gherkin“ Bild: AFP

Das Londoner Hochhaus „Gurke“ wird verkauft. Doch den Fondsanlegern, denen das Gebäude gehört, bleibt praktisch nichts. Eine echte Investment-Gurke.

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          Nicht alles, was jeder kennt, ist auch gleich gut. Das gilt in besonderem Maße für das Londoner Hochhaus „The Gherkin“, die Gurke. Im Jahr 2007 von der Fondsgesellschaft IVG gemeinsam mit dem „Skyline Unit Trust“ gekauft, wurden Anteile an ihr mehr als 9000 deutschen Anlegern unter anderem als Altersvorsorge verkauft. Sie haben aber den Kaufpreis nicht alleine bezahlt: Einen Gutteil der Investition finanzierte der Fonds über über ein Darlehen in Schweizer Franken. Das blieb den meisten Anlegern verborgen - und welches Risiko ein Fremdwährungskredit mit sich bringt, erst recht.

          Martin Hock
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Seit 2009 haben die Anleger nichts mehr bekommen und konnten nur noch auf Besserung hoffen. Jetzt allerdings bessert sich für sie nichts. Im Gegenteil: Selbst wenn die Gurke für die geplanten 650 Millionen Pfund verkauft wird, müssen die Anleger endgültig damit leben, dass sie 80 bis 90 Prozent ihres Geldes verloren haben.

          Der Verkaufserlös wird bei den Banken bleiben, die den Franken-Kredit einst finanziert haben und die nun den Verkauf initiiert haben. Hier wirkt etwas, das viele Anleger ebenfalls nicht wussten: Den Banken standen zusätzliche Sicherheiten, höhere Zinsen und Sonderkündigungsrechte zu, sobald bestimmte Beleihungsgrenzen überschritten wurden. Das war aber rasch der Fall, weil das Pfund gegenüber dem Franken an Wert verlor. Dadurch stieg die Kreditbelastung stark an, weil die Erlöse in Pfung erwirtschaftet wurden, der Schuldendienst aber in Franken erfolgen musste. Zudem hatte sich die IVG gegen steigende, nicht aber sinkende Zinsen abgesichert. Im Zuge der fallenden Zinsen häufte der Fonds dann schließlich Schulden gegenüber der Bayern LB von zusätzlich noch 140 Millionen Pfund auf.

          Dennoch lief das Projekt noch einige Jahre weiter. Die Gurke selbst läuft gut, wie man auch an dem anvisierten Verkaufserlös sieht. Selbst in den schwachen Jahren soll sie noch ausreichend Überschüsse erwirtschaftet haben. Nur sahen die Anleger davon nichts, weil die Banken im Gegenzug für das Stillhalten auf einer Ausschüttungssperre beharrten. Nun aber haben die Banken die Kredite doch fällig gestellt, womöglich weil sie ein Nachgeben der Immobilienpreise befürchten und jetzt eine gute Ausstiegsmöglichkeit wittern.

          Dabei kassieren sie den Verkaufserlös, und den Anlegern bleibt fast nichts. Denn der Fonds müsste erst die Darlehen zurückzahlen. Das kann er aber nicht. Nach Angaben der Immobilien-Zeitung erhalten die Anleger damit 3,6 Prozent des investierten Geldes zurück. Berücksichtigt man die Ausschüttungen, bleibt den Anlegern nach Berechnungen der Immobilien-Zeitung ein Verlust von 88 Prozent.

          90 oder 80 Prozent Verlust?

          Die Deutsche Fonds-Holding, die die IVG-Fonds übernommen hat, hat allerdings den Anlegern vor einer Woche ein Angebot unterbreitet. Verkaufen sie ihre Anteile für 15 Millionen Pfund an den Skyline Unit Trust, können sie ihre Verluste auf etwas mehr als 81 Prozent verringern. Dazu muss aber an einer Abstimmung bis zum 11. August mindestens 40 Prozent des Kommanditkapitals teilnehmen. Angesichts der Wahl, die nicht wirklich eine ist, könnte die Frustration bei vielen Anlegern überwiegen, und sie melden sich einfach gar nicht.

          Zahlreiche Anlegeranwälte haben schon vor Jahren Klagen gegen die Vertriebsbanken eingereicht, vor allem die Deutsche Bank und die Commerzbank als Nachfolgerin der Dresdner Bank. Einige Klagen wurden bereits zugunsten der Anleger entschieden. Meistens gewannen die Fondsbesitzer den Prozess nicht vorrangig wegen einer mangelhaften Aufklärung über das Anlagerisiko, sondern vor allem weil sie nicht genug Informationen über die gezahlten Provisionen bekommen hatten.

          Die Deutsche Bank soll mehreren Anlegern mittlerweile die Rückzahlung von rund 40 Prozent ihrer Kapitaleinlage angeboten haben, berichtet die Kanzlei Kälberer & Tittel. Dies sei zwar völlig unzureichend, zeige aber, dass sich die Banken der krassen Beratungsmängel durchaus bewusst seien. Von der Commerzbank gebe es bis dato kein solches Vergleichsangebot. „Angesichts der aktuellen Entwicklung rechnen wir nun mit zahlreichen weiteren Klagen gegen die Banken, die damals die Anleger bei ihrem Investment in die Gurke beraten und die Fondsanteile verkauft haben“, sagt Rechtsanwalt Dietmar Kälberer.

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