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Anlagetrend ETF : Böses Spiel mit guten Fonds

Bild: Getty

Indexfonds (ETF) sind so populär wie nie. Weil sie einfach und günstig sind – und genau das steht jetzt auf dem Spiel. Es gibt nämlich einen kleinen, aber entscheidenden Haken.

          6 Min.

          Es gibt Geschichten, die sind einfach zu schön, um wahr zu sein. In den vergangenen Jahren hat es eine kryptisch anmutende Kombination aus drei Buchstaben zum wohl beliebtesten Kürzel der Finanzwelt gebracht. ETF (die Abkürzung steht für Exchange Traded Funds, auf Deutsch auch Indexfonds genannt) sind der Anlagetrend unserer Zeit. Fast 3000 Milliarden Dollar haben Anleger aus aller Welt mittlerweile in sie investiert – seit dem Jahr 2008 hat sich dieser Betrag nahezu vervierfacht. Keine andere Anlageart konnte zuletzt so stark wachsen.

          Dennis Kremer
          Redakteur im Ressort „Wert“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Grundidee der ETF ist eine wunderbare: Sie bilden bekannte Börsenbarometer wie den Dax exakt ab. Steigt der Dax beispielsweise um drei Prozent, gewinnt auch der ETF drei Prozent hinzu, bei Verlusten vice versa. Das ist für Anleger nicht nur deswegen eine schöne Sache, weil sie auf diese Weise so gut wie immer wissen, wie es gerade um ihr Investment bestellt ist: Ein kurzer Hinweis auf die Entwicklung des Dax gehört als fester Bestandteil zu jeder Nachrichtensendung.

          Überdies kann jeder Investor mit ETF einen großartigen Gedanken des Ökonomie-Nobelpreisträgers Eugene Fama in die Praxis umsetzen. Er lautet: Niemand, auch nicht der beste Fondsmanager der Welt, kann auf Dauer mit seinen Aktien eine bessere Wertentwicklung erzielen als der Aktienmarkt als ganzes.

          Bild: F.A.Z.

          Was also kann klüger sein, als in Indexfonds zu investieren, die den Markt eins zu eins abbilden und die obendrein keine hohen Gebühren verlangen? Am Ende sind sowohl die Anleger zufrieden (weil sie ihr Geld nicht hochbezahlten Fondsmanagern hinterherwerfen) als auch die ETF-Anbieter (weil sie viele neue Kunden gewinnen).

          Die Anbieter sind längst nicht zufrieden

          Der geneigte Leser wird es bereits geahnt haben: So schön das alles auch klingt – diese wunderbare Geschichte hat einen kleinen, aber entscheidenden Haken. Die Anbieter nämlich sind trotz des hohen Wachstums noch längst nicht zufrieden. Sie würden, wer hätte das gedacht, an der ganzen Angelegenheit noch viel mehr Spaß haben, wenn sie ihre ETF teurer verkaufen könnten.

          Darum trommeln wichtige Unternehmen der Branche wie die Deutsche Bank mit ihrer Marke db x-trackers, Blackrock, der größte Vermögensverwalter der Welt, mit seiner Marke iShares und Lyxor nun für eine neue Art von ETF. Für sie haben sich die Anbieter den Namen „Smart Beta“ einfallen lassen (manchmal auch „Strategic Beta“ oder „Factor-Investing“ genannt). Das hört sich geheimnisvoll an, doch die bittere Wahrheit ist: Diese neuen Fonds brechen mit fast allen Prinzipien, die die Geldanlage in ETF für Anleger so wertvoll macht. Sie sind weder besonders einfach zu verstehen, noch sind sie besonders günstig.

          Das größte Problem aber ist: Sie verleugnen den Grundgedanken, der ETF aus der Masse so vieler unnützer Anlageprodukte einst herausgehoben hat. Niemand kann den Markt schlagen? Doch, behaupten die Anbieter nun plötzlich. Die neuen „Smart Beta“-ETF können dies ihrer Meinung nach ganz gewiss.

          Investment auf den Kopf gestellt

          iShares beispielsweise wirbt mit dem „Zugang zu Anlagestilen, die historisch betrachtet langfristig Mehrwert erwirtschaftet haben“. Bei db x-trackers klingt das ganz ähnlich: „Durch den Einsatz solcher ETF kann langfristig bei gleichem Risiko eine Zusatzrendite gegenüber den klassischen Marktindizes erzielt werden.“

          Die Unverfrorenheit, mit der man hier mal eben den ganzen Investmentansatz auf den Kopf stellt, lässt sich allein aus dem Namen „Smart Beta“ noch nicht herauslesen. Der griechische Buchstabe Beta steht in der Sprache der Fondsmanager nämlich schlicht für die exakte Abbildung der Wertentwicklung eines Aktienmarktes.

          „Smart“ wäre dann nur ein Ausdruck für eine andere, intelligentere Art, diesen Markt nachzuahmen. Das klingt zunächst einmal harmlos, aber wer genauer darüber nachdenkt, hört den gar nicht bescheidenen Anspruch dahinter heraus: Wir sind smart – also schlauer als die, die stumpf den normalen Index nachbauen.

          „Eine Wette gegen den Markt“

          Tatsächlich gehen „Smart Beta“-ETF weit darüber hinaus. „Wer dort investiert, geht eine Wette gegen den Markt ein“, sagt Ali Masarwah, Analyst der Fondsratingagentur Morningstar. Es handelt sich also um ETF, die es ihrer ursprünglichen Definition nach eigentlich gar nicht geben dürfte, weil sie nur ein Ziel haben: Sie sollen besser abschneiden als Dax, Dow & Co.

          Wie funktioniert das nun konkret? Die Konstrukteure dieser neuartigen ETF interessieren sich stets nur für eine bestimmte Unterart von Aktien – beispielsweise für Aktien, deren Kurse möglichst wenig schwanken. An der Börse spricht man auch von geringer Volatilität. Solche Aktien stellen die Konstrukteure nun mit Hilfe ausgeklügelter Computermodelle zusammen und basteln daraus einen Index, in dem die Aktien ein höheres Gewicht erhalten, deren Kurse möglichst wenig ausschlagen.

          Fehlt noch ein schöner Name für das Ganze (die Anbieter entscheiden sich gerne für „Minimum Volatility“ oder „Mini Vola“), und fertig ist der neue Index. Jetzt muss man den Computer nur noch anweisen, diesen Index permanent neu zu berechnen, und schon lässt sich ein frischer ETF auf den Markt bringen.

          Ein nahezu unmögliches Unterfangen

          Nun könnte man sich fragen: Was soll daran schlimm sein? In der Tat kann es sein, dass sich die so zusammengestellten Aktien eine Zeitlang tatsächlich besser entwickeln als Dax & Co. Zumal die ETF-Anbieter mittlerweile fast alles offerieren, was man sich so vorstellen kann: Es gibt sogenannte Value-ETF auf vermeintlich unterbewertete Aktien, Momentum-ETF auf Aktien mit zuletzt guter Wertentwicklung, Quality-ETF, die angeblich nur die Kurse hochsolider Firmen nachbilden, und, und, und.

          Bereits diese kleine Aufzählung macht aber klar, wo das Problem liegt: All diese ETF treffen nach vorgegebenen Regeln eine sehr konkrete Auswahl, in welche Wertpapiere sie investieren wollen und in welche nicht. Sie suchen sich also gewissermaßen nur den Ausschnitt des Marktes heraus, dem sie gute Kurszuwächse zutrauen. Mit passivem Investieren, wie die Geldanlage in ETF auch gerne genannt wird, hat dies nichts mehr zu tun.

          Stattdessen sollen die Anleger mit den neuen ETF nun das versuchen, was laut zahlreicher wissenschaftlicher Studien nur mit höllisch viel Glück gelingen kann: Sie müssen entscheiden, welche der vielen möglichen Strategien aktuell die vielversprechendste ist. Im Börsenjargon ausgedrückt: Sie sollen Market-Timing betreiben. Ein nahezu unmögliches Unterfangen.

          Der Transparenz-Gedanke leidet

          Wen wundert’s da, dass die ETF-Konstrukteure darauf vorbereitet sind, wenn sich die Anleger die richtige Auswahl selbst nicht zutrauen. Sie bieten dann sogenannte Multi-Faktor-ETF an. Diese geben vor, das optimale Mischverhältnis zwischen all den verschiedenen Anlagestilen zu kennen. Eine Wunderformel gewissermaßen. Was absurd ist: Denn wie sollten ausgerechnet die Fondsgesellschaften darauf gestoßen sein?

          Leicht verständlich sind solche ETF jedenfalls nicht mehr. Das ist aber noch nicht alles. Auch der Transparenz-Gedanke leidet. Zwar ist den Anbietern zugutezuhalten, dass man sich auf ihren Internetseiten jederzeit ein Bild von der Wertentwicklung all ihrer schönen neuen Indizes machen kann. Aber der besondere Charme des ETF-Investments geht verloren: Wenn die Kurse an den Börsen steigen oder fallen, weiß man, anders als bei Dax und Dow, nicht sofort, woran man ist. Denn die Anleger müssen erst mühsam nachschauen, wie stark beispielsweise ihr „Mini Vola“-ETF auf die Kursveränderungen reagiert hat.

          Dies ließe sich womöglich noch verschmerzen. Unangenehmer wird die Sache, wenn man die Gebühren der neuen ETF in den Blick nimmt. „Sie sind ein ganzes Stück höher als bei normalen ETF“, sagt Morningstar-Experte Masarwah. Gibt es Dax-ETF, für die nicht einmal 0,1 Prozent Gebühren anfallen, kosten die neuen Produkte schnell 0,3 Prozent oder gar 0,4 Prozent – also viermal so viel. Das ist zwar immer noch weniger als im Vergleich zu traditionellen Investmentfonds, aber trotzdem ein gehöriger Aufschlag.

          Dass die Fondsgesellschaften mit diesen Experimenten den Ruf ihres Erfolgsproduktes so leichtfertig aufs Spiel setzen, hat einen einfachen Grund. Bei klassischen Dax-ETF herrscht ein harter Preiskampf zwischen den Anbietern. Selbst minimale Gebührenerhöhungen um wenige hundertstel Prozentpunkte sind dort nicht drin. Mit den neuen ETF lässt sich erheblich mehr verdienen – schon allein deswegen, weil niemand so genau deren Zusammensetzung kennt.

          Nun ist der Wunsch nach höheren Einnahmen völlig legitim. Nur soll man es dann auch offen sagen. Das aber tun die Anbieter nicht unbedingt. „Wir wollen Anlegern eine Möglichkeit bieten, ihr Portfolio um einige sinnvolle Bausteine zu ergänzen“, heißt es beispielsweise bei db x-trackers. Vielfach sei dies der Wunsch der Kunden. Außerdem machten die Zuflüsse in die neuen Fonds bisher nur einen Bruchteil des gesamten ETF-Anlagevolumens aus. Was richtig ist. Aber natürlich liegt es im Interesse der Anbieter, dies zu ändern.

          Anleger sollten sich darauf nicht einlassen. Besser fahren sie, wenn sie ihr Geld auf wenige klassische ETF aufteilen. So kann man sich für leicht zugängliche Barometer wie den Dax entscheiden (beispielsweise über den iShares Dax-ETF) oder für den Euro Stoxx 50, der die Wertentwicklung der 50 wichtigsten Aktiengesellschaften des Euroraums abbildet (über den db x-trackers Euro Stoxx 50).

          Dass man als Anleger am Ende dann doch wieder bei jenen Fondsgesellschaften landet, die die „Smart Beta“-Idee in die Welt gesetzt haben, mag anmuten wie ein schlechter Witz, muss aber nicht stören. Gegen ihre klassisch konzipierten ETF lässt sich nichts einwenden. Nur von den neuen Zauberfonds sollte man tunlichst die Finger lassen.

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