https://www.faz.net/-gv6-10ff9

Anlagestrategie : Wie man das Erdbeben an der Wall Street überlebt

  • -Aktualisiert am

Keine Panik! Bild: AP

Der derzeitige, große Umbruch am Aktienmarkt wirkt sich auf die Portfolios der Anleger deutlich aus. Doch es gibt Möglichkeiten, etwas für dessen Schutz zu tun.

          3 Min.

          Wenn Sie zu denjenigen Investoren gehören, die sich am Morgen des 15. September eines neuen Gefahrenniveaus in der über ein Jahr alten Finanzkrise bewusst wurden und sich fragen, was die drastisch veränderte Landschaft an der Wall Street für Ihr Portfolio bedeutet, sind Sie nicht allein.

          Der folgenschwere Konkursantrag von Lehman Brothers, die Verstaatlichung von AIG und das voraussichtliche Verschwinden von Merrill Lynch durch eine Fusion mit der Bank of America brachten den Markt aus Angst vor beachtlichen Verlusten ins Taumeln.

          Bottom-Picking besser über Index

          Wer sich zu etwas Bottom-Picking im Finanzsektor verführt sieht, tut besser daran, gleich einen ganzen Index von Privatkundenbanken zu kaufen als irgendeine einzelne Aktie, meint Bill Larkin, Portfoliomanager für festverzinsliche Wertpapiere bei Cabot Money Management. Angesichts der verwobenen Schuldverhältnisse im Bankwesen wisse man kaum, welche Banken einem Adressenausfallrisiko bei Lehman ausgesetzt sind und ob sie am Ende des Bankrottprozesses der Lehman Brothers entschädigt werden.

          Wer von einer Verschlimmerung der Lage im Finanzsektor ausgeht, könnte Short-Positionen an Anteilen von Finanzunternehmen eröffnen, so wie Lou Stanasolovich, Geschäftsführer von Legend Financial Advisors. Er ist der Ansicht, dass sich Nahrungsmittelaktien in naher Zukunft als Gewinner herausstellen könnten, nachdem sich Anleger nun zunehmend von Finanz- und Rohstoffwerten zurückziehen.

          Klarheit über Depots von Nöten

          Die Panik, die diese noch nie da gewesene Folge von Ereignissen hervorrief, wäre unnötig, wenn Investoren sich einen Überblick über ihre Verluste verschafften, sagt Ken Kamen, Vorsitzender von Mercadien Asset Management. Zuerst müssten die Investoren ihre Verluste in Anteile aus festverzinslichen Wertpapieren, Barmitteln und Eigenkapital in ihren Portfolios aufgliedern. Wenn ihre Eigenkapitaldecke beispielsweise um 10 Prozent sinkt, entspricht dies nur der Hälfte des Minus im breiteren Aktienmarkt, was etwas Trost spenden dürfte, da ihre Anlagen breit gefächert sind. Wenn jedoch das Gesamtportfolio 30 bis 40 Prozent seines Werts verloren hat, legt dies nahe, dass sein Vermögen allzu sehr auf Aktien konzentriert war, so Kamen.

          Investoren, deren Portfolios im Vergleich zum breiteren Markt nicht so viel an Wert verloren haben, sollten ruhig schlafen können. Wenn man sich nicht sicher ist, was die Marktturbulenzen für das eigene Portfolio bedeuten, sollte das ein Warnschuss sein, dass man sich wohl etwas mehr mit seinen Investitionsentscheidungen befassen sollte.

          Kapitalbewahrung ist entscheidend

          Egal, wie Ihr Portfolio im Vergleich zu anderen abschneidet, Kapitalbewahrung sollte für konservative Investoren an erster Stelle stehen, so Larkin. Man müsse sich entscheiden, wann man Verluste einschränken und aus Positionen aussteigen sollte, anstatt mit seinen Aktien auf eine wahnwitzige Talfahrt zu gehen. „Wenn Sie risikoscheu sind, wollen Sie bezüglich Ihrer derzeitigen Bestände vorsichtig sein.“ Nach der Ankündigung vom 7. September, dass Fannie Mae und Freddie Mac unter staatliche Verwaltung gestellt wurden, haben deren Vorzugsaktien „den gesamten Vorzugsmarkt mit auf ihren Steilflug nach unten genommen“, so Larkin.

          Während Stanoslovich sich nicht sicher ist, ob irgendeine Anlagenklasse zur Zeit als sicherer Hafen betrachtet werden kann, empfiehlt er, sich an hochwertige festverzinsliche Anlagen, wie Schatzanweisungen, zu halten. Des Weiteren rät er zu ertragsreichen Währungsspielen wie mit dem japanischen Yen oder dem Schweizer Franken. Beide Währungen sind Wetten auf das nachlassende Vertrauen in den Dollar - und, um etwas weiter auszuholen, in die amerikanische Wirtschaft -, wobei der Yen für gewöhnlich an Wert gewinnt, wenn amerikanische Aktien in der Flaute stecken, bemerkt Stanoslovich.

          Kamen sagt, er empfehle seinen Kunden stets, Geld für sechs Monate zur Verfügung zu haben, so dass sie keine Aktien verkaufen müssen, wenn deren Kurse rückläufig sind. In der jetzigen Lage sei aber anzuraten, Barmittel für neun Monate oder gar ein ganzes Jahr zur Hand zu haben, da niemand weiß, wann sich der Markt erholen wird.

          Alternative Anlagen im Visier

          Eine der sichersten Methoden, Geld zu halten, „wenn man nach Sicherheiten sucht und bereit ist, sehr niedrige Erträge in Kauf zu nehmen“, sind Bankeinlagen, sagt Jeffrey Camarda, Geschäftsführer von Camarda Financial Advisors in Fleming Island, Florida.

          David Joy, Chefmarktstratege bei RiverSource Investments in Minneapolis tendiert eher zu alternativen Investitionsmöglichkeiten, wie Währungen auf Grundlage börsengehandelter Fonds, anstatt mehr Geld zu halten, um die Portfolios seiner Kunden zu fächern. Er habe sein Engagement in Währungen durch den Absolute-Return-Währungsfonds seiner Firma verstärkt, einer quantitativen Strategie, bei der man Short- und Long-Positionen auf verschiedene Währungen eröffnet. Diese Strategie steht praktisch in keinem Zusammenhang zum Aktienmarkt, ergänzt er.

          Joy glaubt, dass es sich nach den Korrekturen in diesen Sektoren lohnt, in Energieaktien, wie die von Erdölerzeugern - und insbesondere Erdölfeldservice- und Erdölfeldausrüstungs-Anbietern - zu investieren. Derselbe Gedankengang gelte für Wachstumsmärkte, wo der MSCI Emerging Markets Index im vergangenen Jahr 30 Prozent abgab.

          Viele gute Geschäfte

          Die meisten Investoren sollten die turbulenten Ereignisse im Finanzsektor im Hinblick auf die Gestaltung langfristiger Möglichkeiten betrachten, so Joy: „Vieles wurde überhöht bewertet und ist jetzt zurück an einer Stelle, an der es für langfristige Investoren vermutlich sein Geld wert ist.“

          Niemand weiß, ob die Aktienmärkte so weit korrigiert haben, dass es sicher ist, wieder Geld in sie zu stecken. Aber für geduldige Zeitgenossen, die ihr Geld auf mehr als zwei Jahre anlegen wollen, bieten sich einige gute Geschäfte, die man sich nicht entgehen lassen sollte, schließt Joy.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kampf gegen Corona : Dem Virus davonfliegen

          Die ersten Länder haben damit begonnen, ihre Bürger aus Wuhan ausfliegen. Für die politische Führung in Peking wird die Lage kritisch, viele Chinesen rufen nach Konsequenzen. Dafür geht es dem ersten deutschen Erkrankten besser.
          Die Spieleentwickler Michael Geithner und Martin Thiele-Schwez

          Kartenspiel zur DDR-Geschichte : „Am Ende verliert die Stasi immer“

          Vor dem Ende der DDR versuchten Stasi-Mitarbeiter, massenhaft Akten zu vernichten. Das ist auch das Ziel eines neuen Spiels: Dokumente verschwinden lassen. Was Spieler dabei über die deutsche Geschichte lernen, erklärt einer der Entwickler im Interview.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.