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Anlagestrategie : Die Rückkehr der Zocker

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Je mehr sich Anleger bei Kaufentscheidungen auf Hoffnungen verlassen, anstatt auf solide Grundlagen, desto größer wird die Gefahr einer Korrektur.

          Sie sind wieder da. Als der Neue Markt noch das begehrteste Börsensegment war, schritten SIE mit mächtigen Schritten durch die virtuellen Flure der Internet-Foren. Ihr Wort war Richterspruch. Ihre Jünger zählten nach Hunderten und lieferten sich erbitterte Wortschlachten.

          Gemeint sind die selbst ernannten Aktienexperten aus Internet-Foren, die wortreich irgendwelche zweifelhaften Werte empfahlen - meist um damit selbst Geld zu verdienen. Die Baisse trieb sie ins Exil des Schweigens. Ihre Worte wurden verachtet, ihre Depots gingen in die Knie.

          Wer bietet mehr Prozent?

          Mittlerweile sind sie wieder da. Werte werden angepriesen wie die amerikanische Gameznflix, die Filme und Spiele verleiht. Die Aktie ist von ihrem Hoch bei 13 Cents im Frühjahr 2004 mittlerweile auf aktuell 0,7 Cents gefallen. Dabei hat sie am Donnerstag 40 Prozent zugelegt. Das Unternehmen verfügt gemäß letztem Quartalsbericht über 62.500 Dollar Barmittel und hat bei 160.773 Dollar Umsatz einen Betriebsverlust von 675.835 Dollar eingefahren.

          Auch Teleplus Enterprises werden empfohlen. Zum Beispiel in der Weise, daß vermutet wird, der umstrittene Börsenjournalist Markus Frick auf seiner Börsenhotline das Unternehmen empfohlen habe. Die Aktie startete im Frühjahr 2004 einst bei über zwei Euro und notiert mittlerweile bei 40 Cents. Dabei hat sie in den letzten Wochen von ihrem Tief bei 12 Cents 233 Prozent zugelegt. Das kanadische Unternehmen vertreibt Kommunikationsgeräte wie Pager, Telefone oder Satellitenschüsseln, setzte im vergangenen Quartal drei Millionen Dollar um und schreibt seit Jahren eine rote Null.

          Investoren, die auf fundamentale Daten wertlegen, kräuseln sich bei Empfehlungen wie „235 Prozent Kurspotential“ in Bezug auf Teleplus oder „Gameznflix - die 3000 Prozent- Chance“ die Nackenhaare.

          Gameznflix hat mittlerweile allein einen Freefloat von über einer halben Milliarde Aktien. Die Aktie ist auf diese Weise mit 6,4 Millionen Dollar bewertet - also mehr als dem Doppelten des auf das Jahr hochgerechneten Umsatzes. Teleplus ist mit 35 Millionen Dollar ähnlich hoch bewertet.

          Auch der Charttechniker wird nicht glücklich mit solchen Werten. Denn die Charts zeigen einen einzigen Trend - abwärts (jüngste Ausbrüche gelten noch nicht als Signale).

          Solange diese Investmentstrategien, die weitgehend auf Hörensagen und Vermutungen basieren, nur auf eine kleine Gruppe von Anlegern beschränkt bleiben, wäre das nicht weiter tragisch.

          Zunehmend mehr Hoffnungswerte

          Kritisch wird es aber dann, wenn diese Werte zunehmend gekauft werden. An den deutschen Börsen zeigt sich in den letzten Wochen ein derartiger Trend. Wer die Liste der größten Kursgewinner regelmäßig untersuchte, stieß im Mai noch vorwiegend auf Werte, die mit einem soliden Trend nach oben und starken Fundamentaldaten überzeugten - der japanische Hersteller von Rußpartikelfiltern Ibiden etwa oder die VEM Aktienbank. Letzteres Unternehmen ist auch nicht groß, hat aber eine solide Story.

          Anders sieht es derzeit aus. Seit Tagen steigt zum Beispiel die Aktie des Campingplatz-Betreibers Regenbogen. Charttechnisch liegt die Aktie dennoch im Abwärtstrend. Das Unternehmen, dessen Aktie kaum gehandelt wird und die sehr volatil ist, erwartet laut letztem Aktionärsbrief für das vergangene Jahr einen Umsatzrückgang von drei Prozent und wird in die roten Zahlen rutschen. Auf Basis der Unternehmensprognose für das laufende Jahr wird sie derzeit mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 50 gehandelt.

          Der indische Aluminumhersteller Hindalco notiert zwar mit einem KGV von 6,5. Doch die Preise für Aluminium befinden sich auf Talfahrt. Hindalco mußte in den vergangenen zwei Monaten jeweils die Preise senken.

          Über Cubist Pharmaceuticals, deren Kurs zwischen 2000 und 2002 von 72 Euro bis auf 10,70 Euro einbrach und die seitdem seitwärts tendieren, sind kaum Informationen zu erhalten. Für Myogen gibt es noch nicht einmal eine Ergebnisschätzung, genausowenig für für Global Intelligence Board. Blue Coat Systems konnten am Dienstag zehn Prozent aus 24,95 Euro zulegen. Vor fünf Jahren notierte das Papier noch bei 890 Euro.

          Nicht alles Gold, was erst mal glänzt

          Auch alte Bekannte kommen zurück - etwa Sirius Satellite, die schon vor Jahren empfohlen wurden. Der Sattelitenradio-Betreiber hat noch nie Gewinne erwirtschaftet. Das soll nach Analystenprognosen auch in diesem und dem nächsten Jahr so bleiben. Wenigstens die Umsatzentwicklung und die charttechnische Entwicklung der vergangenen beiden Jahre geben hier Anlaß zu Optimismus.

          Nicht meckern kann man am Chart von Cewe Color. Seit Jahresbeginn im fast makellosen Aufwärtstrend, ist das Unternehmen mit einem KGV von 17 nicht übertrieben bewertet. Die Hoffnungen stützen sich auf eine Erholung des Foto-Entwicklungsmarkts nach der Bereinigung desselben. Dafür gibt es durchaus Anlaß, insbesondere weil eine gewisse Tendenz zur Rückkehr zum Papierbild beobachtet werden kann.

          Doch handelt es sich um eine sich erholenden, nicht um einen Boom-Markt. Wie viel Potential nach oben mag fundamental noch zu rechtfertigen sein?

          Vorzeichen einer Korrektur?

          Das Phänomen, daß immer mehr Aktien nach oben gespült werden, an die sich mehr Hoffnungen klammern, als daß fundamentale Gründe für sie sprechen, ist kein deutsches Phänomen. Auch an den amerikanischen Börsen ist zu beobachten, daß die Aufwärtsbewegungen aktuell von vielen Unternehmen angeführt werden, die nicht zur Crème de la Crème gehören.

          Optimisten sehen darin den Beginn einer größeren Marktrally. Viel wahrscheinlicher ist, daß angesichts steigender Bewertungen in einem steigenden Markt immer mehr Anleger bereit sind mehr Risiken einzugehen und befürchten, nicht profitieren zu können. Erfahrungsgemäß ist das ein Anzeichen für eine bevorstehende Korrektur.

          Es geht nichts über eine wohl durchdachte und konsequente Anlagestrategie. Denn aus den Hoffnungswerten sind die Anleger - und vor allem die Zocker - schneller draußen als sie eingestiegen sind. Das kann bitter für das Depot werden.

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