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Anlagestrategie : Die Hausse hat noch ein weiteres Standbein

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Bild: FAZ.NET

Der Dax steigt nun schon seit vier Jahren. Da Börse keine Einbahnstraßen sind, drängt sich die Frage auf, wie lange das noch so weiter gehen kann. Theoretisch beginnt jetzt aber erst Stufe drei in einer typischen Hausse.

          Nach der tiefen Baisse, die im Jahr 2000 nach dem Platzen der Internetblase einsetzte, befinden sich die meisten Weltbörsen nun schon seit vier Jahren im Aufwind. Auch am deutschen Aktienmarkt steigen die Kurse kontinuierlich. Der Dax hat seit März 2003 schon um rund 240 Prozent zugelegt.

          Da Aktienmärkte bekanntlich keine Einbahnstraßen sind, ist die Frage berechtigt, ob die Notierungen nicht auch bald wieder einmal den Weg Richtung Süden einschlagen werden. Zumal es inzwischen einige Begleitumstände gibt, die nachdenklich stimmen. So gibt es wieder einige Börsen, an denen sich die Anleger ähnlich gierig verhalten, wie es bei uns im Jahr 1999 auf dem Höhepunkt der damaligen Internethausse war. In China reißen sich die Anleger wahllos um fast alle Neuemissionen, und selbst in einem beschaulichen Land wie Estland schnellt die Zahl der Depots markant nach oben, wenn nur über die Kontoeröffnung bei einem bestimmten Institut neue Aktien ergattert werden können. Auch in Vietnam, einem Land mit nur begrenzter Aktienkultur, mischen inzwischen Taxifahrer und Studenten eifrig an der Börse mit. Das sind Bestandsaufnahmen, die antizyklisch agierende Anleger zu einer gewissen Vorsicht mahnen.

          Von Euphorie kann bei den deutschen Anlegern noch keine Rede sein

          Allgemeingültige Schlüsse können daraus aber auch nicht abgeleitet werden, von einer weltweiten Aktieneuphorie kann noch keine Rede sein. Vielmehr werden die Diskussionen unter den Investoren durch Verweise auf die vielen Risiken dominiert. Als Gefahr wird dabei vor allem auf die Immobilienblase in Amerika verwiesen sowie die Möglichkeit eines Dollar-Crash. Erstaunlich daran ist nur, dass es dem Dow Jones Industrial Average trotzdem gelungen ist, auf ein neues Rekordhoch vorzustoßen. Selbst die restriktiver gewordene Geldpolitik konnte ihn daran nicht hindern.

          Auch in Deutschland sind noch keine echten Übertreibungen beim Anlegerverhalten festzustellen. Blickt man beispielsweise auf die hiesigen Privatanleger, so scheint denen noch immer der Schrecken in den Gliedern zu sitzen. Trotz des haussierenden Dax ist die Zahl derjenigen, die ihr Geld in Aktien oder indirekt in Aktienfonds investieren, in den vergangenen Jahren sogar drastisch gesunken. Daraus lässt sich schließen, dass sich die Baisse, die sich nach dem Platzen der Kursblase ab dem Jahr 2000 einstellte, tief in das Bewusstsein der Anleger eingegraben hat. Von zu viel Optimismus oder Euphorie kann hierzulande folglich noch nicht die Rede sein.

          Haussen verlaufen normalerweise in drei Phasen

          Mut macht auch der Blick auf die Börsenhistorie. Zumindest dann, wenn auch diese Hausse wieder nach dem typischen Strickmuster ablaufen sollte. Dann dürfte es noch zu früh sein, das Ende des Bullenmarktes der vergangenen Jahre auszurufen. Denn normalerweise durchlaufen Bullenmärkte drei Phasen. Die erste Phase ist dabei liquiditätsgetrieben, da von einer expansiven Geldpolitik begleitet. In jetzigen Fall war das im Jahr 2003 der Fall.

          Die zweite Phase wird von einer anziehenden Konjunktur und steigenden Unternehmensgewinnen begleitet (dieses Mal seit Mitte 2004), und in Phase drei wird der Aktienkauf wieder zu einem Massenphänomen. Zuvor zurückhaltende Anleger mischen plötzlich wieder mit, die Kursvolatilität steigt und die Bewertungen steigen. Das Ganze mündet dann in der Regel in einer Blase, die dann irgendwann platzt. Noch ist diese Endstufe aber zumindest an der hierzulande vorsichtigen Grundhaltung der Privatanleger gemessen nicht erreicht. Traditionell erstreckt sich die dritte Stufe der Hausse über zwei bis drei Jahre.

          Die Hausse stirbt in der Regel erst in der Euphorie

          Hinzu kommt, dass viele Börsen im historischen Vergleich eher noch günstig bewertet sind. Das gilt etwa für die deutschen Standardwerte, aber auch in Amerika sind die Standardwerte verglichen am langfristigen durchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnis und gemessen an den Renditen am Anleihemarkt eher moderat bewertet. Viele Marktteilnehmer sind zudem noch eindeutig unterinvestiert, das gilt selbst für erfahrene Profis wie die Versicherungen. Bis sich das entscheidend ändert, wird es noch eine Zeit lang dauern.

          Auch historisch erstreckt sich die dritte Stufe eines Bullenmarktes in der Regel über mehrere Jahre. Sollte das auch dieses Mal wieder so sein, dann dürfte sich noch einiges an den Börsen verdienen lassen. Von Kaufpanik kann in Deutschland und allgemein in Westeuropa jedenfalls in den meisten Fällen noch nicht die Rede sein. Aber erst wenn diese einsetzt, wird es zunächst richtig interessant, weil dann die Kurse nur noch nach oben schießen und sich richtig gute Gewinne machen lassen.

          Erst wenn dann alle mitmischen und die Stimmung völlig überreizt ist, wird es deswegen dann gefährlich. Denn ein von echter Gier geprägtes Anlegerverhalten ist noch immer das beste Indiz dafür ist, dass der Bullenmarkt sich dem Ende zuneigt. Vermutlich befinden wir uns aktuell aber erst in der Spätphase der Hausse.

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