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Anlagestrategie : Deutsche Aktien verlieren Heimvorteil

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Bild: F.A.Z.

Deutsche Aktien verlieren ihren Heimvorteil bei den deutschen Anlegern. Global ausgerichtete Aktienfonds profitierten in den ersten elf Monaten des Jahres 2009 überdurchschnittlich von der Wiederentdeckung der Aktie.

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          Deutsche Aktien verlieren ihren Heimvorteil bei den deutschen Anlegern. Global ausgerichtete Aktienfonds profitierten in den ersten elf Monaten des Jahres 2009 überdurchschnittlich von der Wiederentdeckung der Aktie. Global ausgerichtete Aktienfonds verzeichneten mit 3,5 Milliarden Euro den stärksten Anstieg unter den Aktien-Publikumsfonds. Dies geht aus der jüngsten Statistik des Fondsbranchenverbands BVI hervor.

          In deutsche Aktienfonds zahlten die Anleger nur knapp 2,8 Milliarden Euro mehr ein, als sie im Jahresverlauf abzogen. Die Mittelzuflüsse in deutsche Aktienfonds machten sogar nur 32 Prozent der Zuflüsse in globale, europäische und auf Schwellenländer spezialisierte Aktienfonds aus. Dabei zogen die Anleger sogar schwerpunktmäßig Geld aus internationalen Aktienfonds ab, besonders aus Nordamerika und Japan.

          Anleger setzen auf global investierte Aktienfonds

          Im vergangenen Jahr haben globale Aktienfonds in der BVI-Statistik somit erstmals von deutschen Aktienfonds die Führung beim Netto-Mittelaufkommen übernommen. Mit diesem Wechsel unter den Spitzenreitern hat sich das Verhalten der deutschen Anleger grundlegend verändert. Jahrelang beklagten die Finanzbranche, aber auch Ökonomen ein irrationales Verhalten der deutschen Privatanleger: Sie gaben heimischen Aktien den Vorzug und ließen die Vorteile einer internationalen Diversifizierung ihres Portfolios ungenutzt.

          Unter dem Stichwort "Home Bias" (Heimat-Vorliebe) wurde dieses Phänomen in der Fachwelt diskutiert. Der deutsche Anleger verzichte auf diese Weise freiwillig auf durchschnittlich ein Prozent Rendite, rechneten vor wenigen Jahren die Ökonomen Rüdiger von Nitzsch und Olaf Stotz vor (F.A.Z. vom 8. Juni 2005: ). Selbst wenn die Kosten zur vollständigen Absicherung eventueller Währungsrisiken berücksichtigt würden, ließe sich eine höhere Rendite erzielen als mit einer Ausrichtung allein auf den heimischen Aktienmarkt.

          Als Gründe für den "Home Bias" wurde neben höheren Transaktionskosten für ausländische Werte und geringen Informationen über diese Titel auch in der Psyche des Anlegers gesucht. Die Ökonomen führten zur Erklärung die Ambiguitätsaversion an: Menschen lehnen ein Risiko demnach eher ab, wenn sie dieses schlecht einschätzen können. Wer zu wenig über die Aktie weiß, in die er investiert, fühlt sich demnach unwohl. Wer dagegen in heimische Titel anlegt, glaubt zu wissen, was er tut.

          Die Ökonomin Susanne Lapp hatte 2002 gar eine umfangreiche Untersuchung darüber verfasst, in der sie beklagte, dass die deutschen Anleger nicht gern über die Landesgrenzen hinausschauen. Sie forderte eine Reform der gesetzlichen Regelung zur Vermögensbildung, um Geldanlagen in ausländische Werte nicht länger zu diskriminieren. Offenbar wurden die Vorschläge aus der Ökonomie gehört. Mit der Einführung des Euro, zunächst 1999 auf den Finanzmärkten, dann auch Anfang 2002 als Bargeld, wuchs jedoch auch Europa aus Anlegersicht stärker zusammen.

          Heute machen die deutschen Anleger selbst an den Grenzen Europas nicht halt: Den größeren Teil ihres Vermögens, das sie in Aktienfonds investieren, haben sie international gestreut: 52,5 Milliarden Euro lagen 2009 per Ende November in globalen Aktienfonds, knapp 34 Milliarden Euro in europäischen Fonds, 15,8 Milliarden Euro in Fonds mit Anlageschwerpunkt auf dem Euroraum - und nur noch 28,9 Milliarden Euro in deutschen Aktienfonds. Damit kamen heimische Produkte in diesem Vergleich gerade noch auf 28 Prozent.

          Deutsche Privatanleger weniger provinziell als lange gedacht?

          Offenbar sind die deutschen Privatanleger weniger provinziell als lange gedacht. Jedenfalls sind sie in dieser Hinsicht sogar vielen institutionellen Investoren wie Versicherern, Versorgungswerken, Sozialversicherungsträgern oder auch Stiftungen einen Schritt voraus. "Großinvestoren und Vermögensverwalter richten sich oft zu stark an ihren Heimatmärkten aus", beklagt Hartmut Leser, Geschäftsführer der britischen Fondsgesellschaft Aberdeen Asset Managers in Frankfurt. Der größte Teil des Vermögens, das sie verwalten, liege in europäischen Anleihen und nur ein geringer Teil in Aktien - dieser auch vorwiegend in Titeln europäischer Herkunft.

          Unter dem Eindruck der Finanzkrise hat die Risikoscheu der institutionellen Anleger in Deutschland eher zugenommen. Zum Jahreswechsel 2009/2010 waren vor allem Konzepte mit Wertsicherungsklauseln oder Kapitalgarantie gefragt, heißt es beispielsweise bei der Fondsgesellschaft Lupus Alpha.

          Dass deutsche Aktien ihren Heimvorteil verlieren, hat auch Folgen für die börsennotierten Unternehmen: Deutsche Anleger halten nur noch an gut einem Drittel der 30 Dax-Unternehmen die Mehrheit, hatte jüngst das "Handelsblatt" berichtet. Beim Chemiekonzern Bayer oder auch bei der Deutschen Börse halten ausländische Anleger mittlerweile 80 Prozent des Kapitals.

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