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Anlagestrategie : Ab ins Ausland, Anleger!

  • -Aktualisiert am

Warum in der Nähe bleiben, wenn das Gute liegt so fern? Bild: Pilar, Daniel

Bisher waren fast alle Depots viel zu deutsch. Dabei verdienen Weltbürger viel besser als Patrioten. Das scheint sich jetzt doch herumgesprochen zu haben, was so manchen Experten überrascht.

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          Große Völkerwanderungen hat es immer wieder gegeben. Gerade in den ganz schweren Jahren einer Wirtschaft sind massenhaft Menschen ausgewandert, um ihr Glück im Ausland zu suchen. Diesmal ist das alles etwas anders: Die Krise hat auch im Ausland Arbeitsplätze vernichtet, deshalb kehren ungewöhnlich viele Deutsche wieder in die Heimat zurück. Etwas anderes aber transferieren sie seitdem vermehrt in die Ferne: ihr Geld.

          Gerade die weltweit investierenden Aktienfonds haben in den vergangenen Monaten einen Riesenzulauf an Anlegern erfahren. Auch die schwankenden Schwellenländer konnten wieder mächtig Geld einsammeln (siehe Infografik). All das wundert selbst langjährige Marktbeobachter, denn immer wieder hatten sie genau das empfohlen - aber ohne Erfolg.

          Lange treu

          Denn das Anlegen im Ausland ist gut. So bleibt das Risiko nicht nur in einem Land, sondern es verteilt sich auf möglichst viele Staaten. Das wiederum erhöht nachweislich die Rendite des Depots, so haben es Ökonomen immer wieder vorgerechnet. Trotzdem waren und blieben die Depots der meisten deutschen Anleger vor allem eines: ziemlich deutsch.

          Außer vier, fünf großen Standardaktien von heimischen Traditionskonzernen kam ihnen kaum was ins Depot. Und wenn sie Fonds kauften, dann natürlich welche, die ihr Geld über ebendiese Dax-30-Werte verteilten. Dieser „Home Bias“, wie Ökonomen das Festhalten an heimischen Werten nennen, gilt übrigens nicht nur für Privatanleger, sondern auch für professionelle Fondsmanager. Diversifikation? Fehlanzeige.

          Die Welt im Depot

          Aber das scheint sich zu ändern, stellen Aktionärsverbände erfreut fest. Wenn auch nur sehr langsam, deshalb wird es auch noch Jahre dauern, bis die deutschen Anleger von Patrioten zu Weltbürgern geworden sind. Aber: Während Anleger im Krisenjahr 2008 noch massenhaft aus Fonds flohen, kauften sie 2009 wieder kräftig Anteile zu. Und diesmal deutlich weltgewandtere: „Was Fonds angeht, werden Aktionäre immer internationaler“, sagt Franz-Josef Leven vom Deutschen Aktien Institut, „sie legen immer häufiger in breit streuende weltweite Aktienfonds an. Der Anteil rein deutscher Fonds geht dagegen zurück. Wir begrüßen das.“

          Denn damit erkaufen sich die Privatsparer grundsätzlich die Möglichkeit, mehr Ertrag einzufahren. Rund einen Prozentpunkt Rendite kostet es sie nämlich, wenn sie sich zu stark an heimischen Werten festklammern, haben die Ökonomen am Mannheimer Lehrstuhl für Behavioral Finance von Professor Martin Weber ermittelt. Besser wäre es, das Depot so auszurichten, dass der Anteil deutscher Aktien ungefähr dem Anteil entspricht, den Deutschland auch am Weltaktienmarkt hat: etwa vier Prozent. Die übrigen 96 Prozent sollten über Aktien aus dem Rest der Welt verteilt sein.

          Was der Bauer kennt

          Das wäre der Idealzustand für ein neutrales Depot. In der Realität ist es bisher genau andersherum: Schätzungen gehen davon aus, dass derzeit 75 bis 90 Prozent der Aktien in den Depots einheimische sind. „Wenn der deutsche Privatanleger ins Ausland geht, dann vor allem in die Nachbarländer, in die Niederlande oder in die Schweiz. Nach Singapur oder Kanada wagen sich wenige“, moniert Weber die mangelnde Diversifikation. Zwar ist es immer noch besser, nur deutsche Aktien zu besitzen als gar keine. Aber noch besser ist eben ein breite Streuung.

          Dabei hatten sich Privatanleger schon bis auf eine 50-Prozent-Quote an die optimale Depotstreuung herangearbeitet. Doch dann kam der New Economy Crash - und alle kehrten in die Heimat zurück.

          Den Home Bias haben Menschen immer und überall - aus drei Gründen: Erstens glauben sie, dass sie die Perspektiven heimischer Firmen besonders gut einschätzen können. Die Medien berichten schließlich viel über sie, und fast jeder kennt jemanden, der bei Siemens, BASF oder Bayer arbeitet. Doch wer kennt schon KLA Tencor? Man glaubt, einen Informationsvorsprung bei deutschen Firmen zu haben, und tappt in die Falle der Selbstüberschätzung. Auslandsaktien dagegen schreiben wir zehn Prozent mehr Risiko zu und unterschätzen ihre Rendite um zwei bis vier Prozent.

          Kostenfurcht

          Zweitens scheuen viele Anleger den Aufwand, den der Kauf ausländischer Aktien mit sich bringt. Man muss entweder hohe Abwicklungskosten zahlen oder die Papiere umständlich an ausländischen Börsen ordern. Drittens drohen auch noch Währungsrisiken, die jede gute Kursentwicklung zunichte machen können. Aber all das gehört bald der Vergangenheit an.

          Für den Kauf von ausländischen Einzelaktien gelten diese Hindernisse zwar weiter. Aber die kauft kaum ein Anleger (siehe Infografik). Zum Glück, wie Rüdiger Nitzsch findet, Professor für Entscheidungsforschung und Finanzdienstleistungen an der Universität Aachen: „Es gibt nämlich keinen rational nachvollziehbaren Grund dafür, dass Anleger mit dieser Art von Stock Picking versuchen, ihre Rendite zu erhöhen. Wer das glaubt, erliegt ebenfalls der Selbstüberschätzung.“

          Und immer wieder ETFs

          Nun aber sorgen vor allem die kostengünstigen Index-Fonds (ETF) dafür, dass das Heimspiel in deutschen Depots langsam abnimmt. Vor allem ETF-Anleger nämlich greifen überproportional nicht zu Fonds auf den deutschen Dax, sondern zu denen auf den europäischen Euro-Stoxx-Index oder gleich zu Fonds auf den weltweiten MSCI World. In den Augen der Finanzdienstleistungsprofessoren ist das genau der richtige Weg.

          Bis der Anteil der heimischen Aktien auf ein erträgliches Maß abgenommen hat, werden zwar noch etliche Jahre vergehen. „Wenn wir in 15 Jahren nur noch rund 20 Prozent deutsche Werte in den Depots finden, können wir froh sein“, sagt Nitzsch. Der Rest sollten dann etwa zu gleichen Teilen nordamerikanische, europäische und asiatische sein. Auf jeden Fall aber geht der Blick ins Ausland in die richtige Richtung.

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