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Amerikanische Finanzmärkte : Sind Sie bereit für eine „leichte Stagflation“?

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Bild: FAZ.NET

Die amerikanische Zentralbank senkt massiv den Leitzins, die Börsen nehmen es positiv. Doch den Vereinigten Staaten könnte eine wirtschaftliche Stagnation bei gleichzeitiger Inflation bevorstehen, an der Preisfront verschärft sich die Lage.

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          Erleben die Vereinigten Staaten nach den 1970er-Jahren eine erneute Stagflation, also das doppelte Dilemma einer wirtschaftlichen Stagnation bei zugleich hoher Inflation? Allein das Wort lässt Erinnerungen an die erfolglose Anti-Inflationskampagne „Whip Inflation Now“ (WIN) des damaligen amerikanischen Präsidenten Gerald Ford aufkommen.

          Die unlängst gemeldeten Wirtschaftsdaten signalisieren bereits ein erhöhtes Stagflationsrisiko. Der renommierte internationale Vermögensverwalter Marc Faber geht in seinem jüngsten Börsenbrief „Gloom Boom & Doom Report“ sogar davon aus, dass „wir uns bereits in einer Stagflation befinden: Kein reales Wirtschaftswachstum - oder Rezession - bei gleichzeitiger Inflation.“

          Amerikanische Volkswirtschaft am Rande einer Rezession

          Fest steht, dass die amerikanische Volkswirtschaft am Abgrund einer Rezession entlang taumelt. Am 30. Januar meldeten Regierungsstatistiker, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Abwärtssog des sich weiter abschwächenden Häusermarktes im vierten Quartal 2007 um magere 0,6 Prozent gestiegen ist. Im Gesamtjahr 2007 verzeichnete das BIP mit 2,2 Prozent das geringste Wachstum seit fünf Jahren.

          Während Veröffentlichungen wie der BIP-Bericht auf eine Abschwächung der amerikanischen Wirtschaft hindeuten, versucht die Fed mit einer aggressiven Zinssenkungspolitik, eine mögliche Rezession bereits im Keim zu ersticken. Am 30. Januar senkte die Notenbank den Leitzins um 50 Basispunkte auf drei Prozent. Das Engagement der amerikanischen Währungshüter ist unübersehbar: In nur acht Tagen wurde der als Schlüsselzins geltende Satz für Tagesgeld um insgesamt 1,25 Prozentpunkte gekappt.

          An der Preisfront verschärft sich derweil die Lage. Der BIP-Bericht meldet für das vierte Quartal 2007 einen Anstieg der Konsumgüterpreise von 3,8 Prozent, während im Quartal zuvor noch ein Zuwachs von 1,8 Prozent verzeichnet wurde. Die Lebenshaltungskosten gemessen am häufiger beachteten Verbraucherpreisindex (VPI) stiegen im vergangenen Jahr spürbar um 4,1 Prozent - die höchste Steigerungsrate seit 17 Jahren. Im Schlussquartal 2007 kletterte der VPI gar um 5,6 Prozent. Unabhängig davon, wie man die Verbraucherpreisinflation nun messen mag, sie liegt in jedem Fall weit über dem Zielkorridor der Fed (ein bis zwei Prozent).

          Und wenn mit einem VPI-Anstieg von vier Prozent noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht ist? Angesichts der Tatsache, dass die Fed den Leitzins unter das Niveau der Preissteigerungsrate gesenkt hat, ist ein späterer Inflationsdruck durchaus wahrscheinlich. Ein schwacher Dollar sowie steigende Preise für Energie, Lebensmittel und Rohstoffe erhöhen derweil den Aufwärtsdruck auf die Gesamtinflation. „Wir befinden uns in einem Umfeld überdurchschnittlicher Inflationsrisiken“, sagt James Paulsen, leitender Anlagestratege bei Wells Capital Management.

          Schwacher Dollar sowie steigende Preise für Energie, Lebensmittel und Rohstoffe

          Allerdings rechnen nur wenige Experten mit dem in den 1970er-Jahren beobachteten Szenario zweistelliger Inflationsraten. Der globale Wettbewerb bei Gütern und Dienstleistungen übt einen Abwärtsdruck auf die Preise aus. Gleiches trifft auf die aktuelle Krise auf dem amerikanischen Häusermarkt zu.

          Angesichts der schmerzlichen geldpolitischen Erfahrungen der siebziger Jahre sind viele Volkswirte zudem davon überzeugt, dass die Fed eine Wiederholung der damaligen Entwicklungen nicht zulassen werde. „In der Philosophie der Fed nimmt das Inflationsproblem heute einen größeren Raum ein als noch in den 1970er-Jahren“, meint Mark Thoma, Volkswirt an der Universität von Oregon. „Die Fed ist zwar nicht allmächtig, sie kann die Inflation jedoch in Schach halten“, ergänzt James Hamilton, Volkswirtschaftler an der Universität von Kalifornien in San Diego.

          Dies könnte jedoch ein schwacher Trost sein. Das Risiko für Unternehmen, Verbraucher und Investoren besteht in einer anderen Art der Stagflation - nennen wir sie „Stagflation light“, definiert als eine über den Erwartungen liegende Inflationsrate (etwa ein Anstieg des VPI um 5,6 Prozent) und einem hinter den Erwartungen zurückbleibendem Wirtschaftswachstum (etwa eine Zuwachsrate von 0,6 Prozent).

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