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Alan Greenspan : „Die Finanzkrise ist nicht unsere Schuld“

  • Aktualisiert am

Der Boom der vergangenen Jahre ist vorbei?

Wenn die langfristigen Zinsen steigen, ist der Boom definitionsgemäß vorbei.

Sie waren als junger Mann Saxophonist in einer Jazz-Band. Spielen Sie heute noch?

Nein, nicht mehr. Ich spiele Klavier, Klarinette und ein wenig Flöte, aber kein Saxophon mehr.

Ihr Nachfolger als Fed-Chairman, Ben Bernanke, spielte in der Oberschule Saxophon in einer Marschkapelle.

Tatsächlich? Das wusste ich nicht.

Dann können Sie uns auch nicht sagen, wer der bessere Spieler von Ihnen beiden ist?

Wahrscheinlich der, der zuletzt geübt hat.

Aber das musikalische Talent ist auffällig. Welche Fähigkeiten bringt ein Musiker mit, die einem Fed-Chairman zugutekommen?

Mathematiker lieben häufig Bach und Mozart. Niemand kann sagen, woran das liegt. Vielleicht wird eines Tages ein Genom entdeckt, das eine Liebe zu Bachs und Mozarts Musik bewirkt und das gleich neben dem Genom für Differentialgleichungen liegt. Sicher ist es von Vorteil, ein guter Mathematiker zu sein, denn Geldpolitik hat viel mit Mathematik zu tun. Die Fähigkeit, mathematische Modelle als Vereinfachung der Wirklichkeit zu durchdenken, hilft einem Notenbanker.

Hat Ihnen Ihre Leidenschaft für Baseball auch geholfen?

Nur insoweit, als ich dadurch schon früh den Umgang mit der Bruchrechnung gelernt habe. Die durchschnittliche Schlagleistung eines Baseballspielers wird ja in Brüchen ausgedrückt.

Ist Geldpolitik denn nun eher eine Wissenschaft oder eine Kunst?

Sie ist der Versuch, abstrakte Modelle der Wirklichkeit in praktische Politik zu übersetzen. Um eine Entscheidung über höhere oder niedrigere Zinsen, über mehr oder weniger Liquidität zu treffen, muss man sich auf ein Modell stützen, denn die Realität ist viel zu kompliziert. Ein Notenbanker muss sich gut in der Natur des Menschen auskennen, um das Handeln der Menschen zu verstehen und einzuschätzen. Immer wieder gibt es Phasen, in denen die Märkte vom Überschwang oder der Furcht der Anleger bestimmt werden.

Ist die aktuelle Hypothekenkrise ein klassischer Fall von Furcht?

Ja. Wenn es einen „Furcht-Index“ gäbe, wäre das für mich nützlicher als ausgefeilte ökonometrische Modelle.

Wann wird diese Furcht weichen?

Ein Ende ist noch nicht abzusehen. Die Spannungen im Bankensystem treten gerade zutage, und zumindest hier in den Vereinigten Staaten steht uns noch ein deutlicher Rückgang der Häuserpreise bevor. Das wird unweigerlich Spuren im Konsum hinterlassen, denn der private Verbrauch wird zu einem großen Teil nicht aus dem laufenden Einkommen, sondern aus Vermögenswerten finanziert, die auf Kredit erworben wurden.
Sie beschreiben die marktbestimmenden Gefühle von Überschwang und Angst als Teile der menschlichen Natur. Als Notenbanker sind Sie auch ein Mensch.

Das habe ich gemerkt.

Ergriff Sie manchmal auch die Angst?

Natürlich. Aber es geht darum, das zu bekämpfen und sicherzustellen, dass Angst nicht das Urteilsvermögen verändert.

Greenspans Memoiren entstanden in der Badewanne

Alan Greenspan, der kurz vor dem Börsenkrach von 1987 vom damaligen Präsidenten Ronald Reagan zum Chairman der amerikanischen Federal Reserve berufen worden war, ist ein absoluter Insider von Washington. Das zeigt sich unter anderem daran, dass der 81 Jahre alte Mann, der achtzehneinhalb Jahre an der Spitze der Notenbank gestanden hat, auf Außenwirkung völlig verzichten kann. Seine Beratungsgesellschaft „Greenspan Associates“ hat ihre Büros zwar in bester Lage. Der Name Greenspan steht aber weder auf der Liste am Empfang des Bürohauses noch neben den Eingangstüren im achten Stock.

Werbung muss Greenspan nicht mehr machen, er kann sich die Kunden aussuchen. Seine ersten Beraterverträge hat er dieses Jahr mit der Allianz-Tochtergesellschaft Pimco und der Deutschen Bank abgeschlossen. Nachdem er im Januar 2006 als Fed-Chef abgetreten war, wollten praktisch alle Banken den bekanntesten Notenbanker der Welt verpflichten. Doch Greenspan schrieb zunächst seine Memoiren. „The Age of Turbulence“ ist diese Woche erschienen, auf Deutsch als „Mein Leben für die Wirtschaft“ im Campus-Verlag.

Unumwunden direkt

Für das Buch soll der amerikanische Penguin-Verlag 8 Millionen Dollar gezahlt haben. Entstanden ist es in Greenspans Badewanne. Das hatte Greenspan jüngst in einem Interview mit seiner Frau, der bekannten Fernsehjournalistin Andrea Mitchell, offenbart. Im Nachwort des Buchs dankt er einer Assistentin, die das „oft durchnässte“ und kaum entzifferbare handschriftliche Manuskript abgetippt hat.

Als Fed-Chairman war Greenspan für seine „Fed-Speak“ genannte verklausulierte Sprache bekannt, im Gespräch ist er allerdings unumwunden direkt. Auch das Buch erzählt in klarer Sprache von Greenspans Feuertaufe beim Börsenkrach von 1987, von der Internetblase der neunziger Jahre, für die Greenspan den Begriff vom „irrationalen Überschwang“ geprägt hat, sowie von den Terroranschlägen vom 11. September 2001 - eine Nachricht, die Greenspan im Flugzeug mitgeteilt wurde.

Auf gutem Weg, Berufsmusiker zu werden

Greenspans Erinnerungen behandeln auch seine Kindheit und Jugend im New Yorker Viertel Washington Heights, wo der Sohn jüdischer Einwanderer aufgewachsen war. Bevor er an der New York University Wirtschaft studierte, war er auf gutem Weg, Berufsmusiker zu werden. Er tourte als Saxophonist mit einem Jazzorchester. Während die anderen Musiker in den Pausen zusammensaßen und Marihuana rauchten, las der junge Alan Bücher über die Wall Street. Beliebt war er trotzdem. Schließlich machte er die Steuererklärungen für die Band.

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