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Aktionäre : Die Macht der Minderheit

Bild: F.A.Z.

Die Unternehmen laden zur Hauptversammlung. Auch Anleger mit wenigen Anteilen haben Rechte. Und sie müssen die Mehrheit nicht fürchten. Wie Aktionäre um ihr Recht kämpfen können.

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          Der Fall der Deutschen Börse ist noch in guter Erinnerung: Vor einem Jahr schafften es angelsächsische Minderheitsaktionäre erstmals, den Vorstandsvorsitzenden eines Dax-Unternehmens zum Rücktritt zu drängen. Nur einen Monat später warf der Chef des Maschinenbauers und M-Dax-Titels IWKA kurz vor der Hauptversammlung das Handtuch, auf der dem Vorstand die Entlastung verweigert wurde.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auf dem Aktionärstreffen von Daimler-Chrysler in der kommende Woche wird sogar ein Kleinaktionär für Unruhe sorgen. Er hat es geschafft, eine Abstimmung über eine Sonderprüfung zur Produktion des Kleinwagens Smart und der Luxuslimousine Maybach auf die Tagesordnung setzen zu lassen (siehe auch: Aktionäre gegen Großkonzerne: Zwei Beispiele).

          Querulanten-Image

          Die Fälle zeigen: Selbst Aktionäre, die vergleichsweise wenige Anteile besitzen, können in den Unternehmen, deren Miteigentümer sie sind, etwas bewegen - wenn sie genügend Mitstreiter finden (siehe auch: Gewußt wie: Was Aktionäre erreichen können). Die Orte der Auseinandersetzung sind die Hauptversammlung und zunehmend die Gerichte. Daher wird es jetzt wieder spannend: Im April und Mai finden die meisten Aktionärstreffen statt.

          Das Gewicht der Privatanleger ist dabei gering - selbst wenn sie ihre Stimmen bündeln und sich von Aktionärsvereinigungen wie der SdK oder der DSW vertreten lassen. Denn sie werden das Image von Querulanten nicht mehr los.

          Vorstände nehmen sie daher weit weniger ernst als etwa Publikumsfonds. Und das, obwohl auch die Fonds selten mehr als fünf Prozent an einer Aktie halten. „Unsere Meinung findet mehr Aufmerksamkeit, als es unserem Anteil an den Unternehmen entspricht“, räumt denn auch Hans-Werner Martin von der Union Investment ein.

          Hauptversammlung ist nicht der Ort der Schlachten

          Die Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken ergreift wie die Konkurrenten DWS oder die SEB Invest jedes Jahr auf Hauptversammlungen das Wort, obwohl sie in den üblichen direkten Gesprächen mit dem Management besser und ausführlicher kritisieren könnte als in einer zehnminütigen Rede vor den Aktionären.

          „Wir wollen damit den Unternehmen zeigen, daß wir das ernst meinen, was wir vorher im kleinen Kreis gesagt haben. Das gilt für Kritik, aber auch für Lob“, begründet Martin. Der DIT, die Fondsgesellschaft der Allianz/Dresdner-Bank-Gruppe, hält davon nichts: „Solche Reden sind eine reine PR-Veranstaltung. Es ist problematisch, wenn sich die Fonds von mehr als tausend deutschen Hauptversammlungen zwei oder drei herauspicken, die sie dann besuchen“, klagt Heinrich Durstewitz vom DIT.

          Die eigentlichen Schlachten werden aber nicht auf der Hauptversammlung ausgetragen. Denn für Minderheitsaktionäre ist es schwierig, Mehrheiten für ihre Anträge zu bekommen, wenn sie nicht vom Unternehmen mitgetragen werden. Vorschläge der Verwaltung werden hingegen in der Regel mit Zustimmungsquoten von mehr als 90 Prozent durchgewunken.

          Gekämpft wird vor Gericht

          Gekämpft wird statt dessen zunehmend vor Gericht. Hier können die Anteilseigner stärker ihre Macht ausspielen. Wird etwa eine Sonderprüfung auf der Hauptversammlung abgelehnt, können Aktionäre sie vor dem Kadi erzwingen, wenn Unregelmäßigkeiten im Unternehmen nicht ausgeschlossen werden können. Dazu müssen die Kläger nur Aktien mit einem Anteil von einem Prozent am Gesamtbestand oder im Nennwert von 100.000 Euro besitzen.

          Regelmäßig Streit vor Gericht gibt es bei Squeeze-outs, wenn also der Hauptaktionär versucht, die wenigen noch frei umlaufenden Aktien gegen eine Abfindung der Besitzer einzuziehen. Häufig entscheiden dann Gerichte über die angemessene Höhe, und die Kläger bekommen einen Nachschlag.

          So haben sich gerade Celanese und einige ihrer Kleinaktionäre auf eine höhere Abfindung geeinigt. Im vergangenen Jahr bekamen die ehemaligen Hoechst-Eigner mehr Geld. Und aktuell klagen gerade einige Anteilseigner von T-Online gegen eine ihrer Meinung nach zu niedrige Entschädigung bei der Verschmelzung mit der Telekom.

          Auch Berufskläger werden aktiv

          Vor Gericht ziehen allerdings auch sogenannte Berufskläger. Sie wollen die Unternehmen erpressen, indem sie Beschlüsse der Hauptversammlung anfechten, wodurch sie für einige Monate verhindern können, daß sie in Kraft treten. Drängt die Zeit, etwa bei Fusionen oder einer Kapitalerhöhung, sind manche Gesellschaften bereit, die lästigen Kläger mit Barem zum Schweigen zu bewegen - und schon ist deren Ziel erreicht.

          „Die Zahl dieser Berufskläger hat sich in den vergangenen Jahren vervielfacht und dürfte bis zu fünfzig Leute umfassen“, schätzt Theodor Baums, Professor für Bankrecht an der Universität in Frankfurt am Main und ehemals Vorsitzender der Regierungskommission für gute Unternehmensführung. „Besonders anfällig sind kleinere Unternehmen, weil sie oft juristisch nicht so gut beraten werden und schneller Formfehler begehen, die Angriffsfläche für eine Klage bieten.“

          Voraussetzung für ein Verfahren ist aber immer, daß ein entsprechender Antrag auf der Hauptversammlung abgelehnt wurde. Daher ist die Bedeutung des Treffens nicht zu unterschätzen. Unruhige Hauptversammlungen drohen in diesem Jahr VW, Daimler, Telekom und der Deutschen Bank.

          „Bei Volkswagen sollte Aufsichtsratschef Piech wegen seiner Interessenkonflikte sofort zurücktreten“, fordert Reinhild Keitel von der SdK. Bei der Deutschen Bank werde es Kritik dafür geben, daß mit Clemens Börsig ein Vorstandskollege von Josef Ackermann Aufsichtsratsvorsitzender wird und damit künftig seinen ehemaligen Chef kontrollieren soll. Und die Telekom muß Streit über die seit einem Jahr auf Eis liegende Fusion mit T-Online fürchten.

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