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Aktienmarkt : Chinas Börse lässt weiter Dampf ab

  • Aktualisiert am

Bild: Bloomberg

Nach massiven Kursgewinnen in den vergangenen Monaten zeigt sich die chinesische Börse nun seit ein paar Tagen von der schwachen Seite. Am Montag ging es um 8,3 Prozent nach unten. Das dürfte noch nicht alles gewesen sein.

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          Nach massiven Kursgewinnen in den vergangenen Monaten zeigt sich die chinesische Börse nun seit ein paar Tagen von der volatilen Seite. Hatte der Shanghai Stock Exchange Composite Index in den vergangenen zwei Jahren bis zu 335 Prozent zugelegt, so liegt er inzwischen etwas mehr als 15 Prozent unter dem noch vor wenigen Tagen erreichten Allzeithoch.

          Verkaufspanik habe an Chinas Leitbörse Schanghai am Montag zu den zweithöchsten Kursverlusten der vergangenen zehn Jahre geführt. Vor allem Kleinanleger verkauften ihre Papiere. Das dürfte kaum verwundern. Denn angesichts der Kursdynamik, die den chinesischen Markt zuletzt nach oben getrieben hatte, und angesichts der Bewertung der Aktien mit einem durchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnis von mehr als 40 war schon eine gehörige Portion Naivität nötig, um von einer dauerhaften Fortsetzung dieser Entwicklung auszugehen.

          Panikverkäufe unter Privatanlegern

          Es dürfte dieselbe Art von Naivität gewesen sein, die Anleger in den neunziger Jahren in die Technologie- und Internetwerte an Märkten wie der Nasdaq oder am Neuen Markt getrieben hatte. Allerdings scheint es nun einen kleinen Unterschied zu damals zu geben. Denn während damals sogar selbst professionelle Anleger und Analysten an die angebliche „neue Ära“ glaubten, so geben sie sich mit Blick auf China zumindest zum Teil etwas realistischer: Viele Fondsmanager und Analysten sehen nach den exorbitanten Zuwächsen von fast 200 Prozent in den vergangenen eineinhalb Jahren noch Spielraum für weiter fallende Kurse, heißt es nun.

          Bild: UBS FX Strategy

          „Das sind offensichtlich Panikverkäufe und die Stimmung greift schnell auf den gesamten Markt über“, sagte Wang Jing von Everbright Securities der Nachrichtenagentur Reuters und „mich würde es nicht wundern, wenn der SSEC in den kommenden Tagen auf 3.000 Punkte fällt - was dann einen Abschlag von jüngsten Allzeithoch von 30 Prozent bedeuten würde.“

          Möglicherweise wäre der Index schon am Montag deutlich massiver gefallen. Allerdings verhinderten die Handelsbedingungen einen noch größeren Absturz, denn einzelne Aktien dürfen in China pro Tag nur um maximal zehn Prozent fallen. Tatsächlich erreichten hunderte von Wertpapieren dieses Limit voll und noch mehr zumindest annähernd. Das zeigt, dass der Verkaufsdruck ziemlich ausgeprägt war.

          So sah sich denn auch die Regierung bemüht, das Vertrauen in die Märkte zu wahren. Auf den Titelseiten großer staatlicher Zeitungen wurde versichert, der mittel- und langfristige Ausblick für China sei positiv. Das mag einerseits beruhigend klingen. Auf der anderen Seite dürfte die Korrektur jedoch mehr als willkommen sein. Immerhin hatte die Administration in den vergangenen Tagen und Wochen mit verschiedenen Ansätzen versucht, die Kursrally an der Börse zu bremsen. Denn es war offensichtlich, dass diese nicht nachhaltig sein konnte.

          Kursblasen durch überzogene Erwartungen oder inflationäre Tendenzen

          Kursblasen werden in der Regel durch überzogene Erwartungen oder auch durch inflationäre Tendenzen - der Zimbabwe Stock Exchange (ZSE) Industrials Index hat aufgrund der Hyperinflation im Lande auf Sicht eines Jahres um 44.000 Prozent zugelegt - ausgelöst. In China dürfte es eine Kombination zwischen beidem gewesen sein. Denn einerseits hatte die Kursexplosion in China ein wahres Aktienfieber ausgelöst: Inzwischen gibt es 100 Millionen Aktiendepots, täglich kamen zuletzt etwa 300.000 neue dazu. Alle wollten am „Aufschwung“ teilhaben. Andererseits war und ist die reale Rendite verzinslicher Anlagen aufgrund der im Vergleich mit dem Wirtschaftswachstum eindeutig zu niedrigen Zinsen und rasch steigender Preise unattraktiv. Aus diesem Grund spielt die Regierung nun offensichtlich nach der Erhöhung der Stempelsteuer auch mit dem Gedanken, die Steuern auf Erträge von Zinsanlagen abzuschaffen, um sie für die im Überfluss vorhandenen Ersparnisse attraktiver zu machen. Fragt sich nur, ob das glaubwürdig ist.

          Tatsache ist, dass in China nicht nur die Summe der Ersparnisse groß ist, die auf der Suche nach attraktiven Anlagemöglichkeiten für alle möglichen Exzesse sorgt. Gleichzeitig wird diese Liquidität noch durch die mehr oder weniger feste Bindung der Währung des Landes an den Dollar verstärkt. Diese mag auf der einen Seite die Exportwirtschaft des Landes fördern, macht auf der anderen jedoch Interventionen notwendig, die wiederum zu einer massiven Zunahme der Währungsreserven führen. Das gilt nicht nur für China, sondern für viele andere Staaten der Region ebenso.

          So mögen Experten anführen, die Probleme des chinesischen Marktes seien regional begrenzt und wären nicht sonderlich bedeutungsvoll für die globalen Finanzmärkte. Allerdings kann das täuschen. Denn da auch die Währungsreserven der asiatischen „Produktionsplattform-“ und der „Rohstoff- und Energiestaaten“ nach Anlagemöglichkeiten - Stichwort „Wealth Funds“ - suchen, lässt sich das Problem nicht isolieren. Letztendlich scheint die internationale Liquidität zu hoch zu sein. Sie wird dadurch ausgelöst, dass viele Regionen über ihre Währungen an die amerikanische Geldpolitik gekoppelt sind. Und diese ist zumindest für China viel zu locker.

          In diesem Sinne gibt es nur zwei Auswege: Entweder die asiatischen Staaten machen eine eigenständige restriktivere Geldpolitik, die auch zu einer Anpassung der internationalen Ungleichgewichte führt. Oder die Vereinigten Staaten müssen geldpolitisch auf die Bremse treten. Bei beiden Szenarien sind die Konsequenzen letztlich nicht absehbar. Allerdings dürften die Volatilitäten zunehmen. Genau die lassen viele Anlagestrategien der vergangenen Jahre hinterfragen.

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