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Aktienmärkte : Was weiß der Dax von der Krise?

Bild: F.A.Z.

Erst hat der Dax die Krise nicht erkannt. Dann ist er nicht tief genug gefallen. Bei Lichte besehen, sind diese Vorwürfe jedoch unberechtigt. Der Dax als Frühindikator funktioniert ziemlich gut.

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          4-0-0-0: Vier Ziffern standen für die Hoffnung, dass der Dax nun den schlimmsten Kurssturz hinter sich hat. Seit Oktober hielt diese Hoffnung, denn seitdem stoppte der Index in jeder Schwächephase knapp über der Schwelle von 4000 Punkten. Jetzt ist die Zuversicht zerstört. Der Dax ist weit unter diese Marke gerutscht und notierte zeitweise auf unter 3800 Punkten. Wer 1997 gekauft hat, hat nichts verdient – in zwölf Jahren.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Für die Konjunktur bedeutet dieser neuerliche Kurssturz ein Horrorszenario, sagen die einen. Denn die Aktienmärkte nähmen die Wirtschaftsentwicklung schon ungefähr sechs Monate vorweg. Für das Jahresende 2009 hieße das: Der von Ökonomen bisher angenommene Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um satte drei Prozent ist noch viel zu harmlos. Gegner dieser Theorie sagen: Der Dax als Frühindikator hat in dieser Krise versagt. Sonst müsste er angesichts der größten Rezession seit den 30er Jahren weit unter das Niveau von 2000 Punkten fallen. Das nämlich war der Tiefpunkt vor der letzten, viel harmloseren Rezession nach dem Platzen der Internetblase im Jahr 2000.

          Nachvollziehbar - aber falsch

          Beide Meinungen sind nachvollziehbar. Aber sie sind falsch. Der Dax als Frühindikator funktioniert ziemlich gut. Im Jahr 1992 beendete er seine Talfahrt, obwohl die Konjunktur sich weiter verschlechterte und erst 1993 aus der Rezession kam (Siehe Grafik, Teil I). Und auch die aktuelle Krise hat er angedeutet. Im Juli 2007 erreichte er seinen Höchststand und stagnierte dann, als Krisennachrichten gehäuft auftraten, bevor er im Januar 2008 erstmals kräftig einbrach (siehe Grafik, Teil III). Die Konjunktur brummte da noch, die Arbeitslosigkeit ging in den folgenden Monaten weiter stark zurück. Die wirtschaftliche Wende im Herbst 2008 hat der Dax damit vorweggenommen. Und das, obwohl er nicht ahnen konnte, wie es genau weitergehen sollte: dass die amerikanische Regierung die Investmentbank Lehman Brothers in die Insolvenz schicken und damit der Welt einen Schock verpassen würde.

          Dass der Index mal ein falsches Signal gibt, ist trotzdem immer möglich. Zum Beispiel, wenn die Gewinnerwartungen steigen, weil die Unternehmen die Kosten senken. Dann steigt der Index möglicherweise, obwohl sich die gesamtwirtschaftliche Lage nicht aufhellt. Darum ist der Dax auch nicht der beste Konjunkturindikator, hat Unicredit-Volkswirt Andreas Rees ausgerechnet. Die Geschäftserwartungen der Unternehmen, die das Münchener Ifo-Institut abfragt, sind genauer – der Dax ist allerdings auch ganz gut.

          Problem mit den Prognosen

          Ein Problem teilt der Dax aber mit den anderen Prognosen: Wann genau ihre Vorhersagen eintreffen, ist nicht ganz klar. Nicht immer läuft der Dax der Wirtschaft sechs Monate voraus. Manchmal waren es in der Vergangenheit neun Monate, manchmal auch nur zwei. Aber er war immer früher dran als die Konjunktur. Das ist auch nicht überraschend. Denn eine Eintrübung deutet sich immer an. Die Manager in den Unternehmen werden pessimistischer. Und die Auftragseingänge sinken. Bis sich das dann in tatsächlich sinkenden Unternehmensgewinnen äußert, vergehen Monate. Veröffentlicht wird der Gewinn wiederum einige Wochen später.

          Die Aktionäre können das schon früher ahnen – möglicherweise verkaufen pessimistische Manager ihre Aktien schon, bevor die erste Konjunkturumfrage schlecht ausfällt, allein weil die Gespräche auf dem Flur sorgenvoller werden. Auf diese Weise bündelt der Dax das Wissen der Aktionäre.

          Warum aber fällt er dann nicht mindestens so tief wie vor der letzten Rezession im Jahr 2003, die doch viel harmloser war? Damals verlor der Index insgesamt 75 Prozent. In dieser Krise hat der Dax aber nur die Hälfte seiner Punkte verloren. Die Antwort liegt in den besonderen Umständen des Internetbooms: Damals waren die Deutschen außergewöhnlich aktienverrückt, immer mehr Geld floss an die Börse, so entstand eine Preisblase. In wenigen Monaten stieg der Index damals von 5500 auf 8000 Punkte. Diese Übertreibung musste anschließend korrigiert werden. Erst danach kam der Konjunkturabschwung, der die Kurse ebenfalls halbierte (siehe Grafik, Teil II).

          Hinzu kommt: Selbst wenn die düstersten Prognosen für 2009 noch übertroffen werden, fällt die deutsche Wirtschaftsleistung gemessen am BIP nur auf das Niveau von ungefähr 2005 zurück (siehe Grafik links oben). Damals lag der Dax bei knapp unter 4000 Punkten. Es ist daher längst nicht gesagt, dass er nun unter die damaligen Werte fallen muss. Auch Unicredit-Volkswirt Rees, der den Zusammenhang von Dax und Wirtschaftsleistung untersucht hat, sagt: „Der Index zeigt schon jetzt viel mehr Pessimismus an als andere Konjunkturindikatoren.“

          Was zeigt der jüngste Kursrutsch des Dax?

          Und was zeigt uns dann der jüngste Kursrutsch des Dax? Noch nichts. Denn der Index ist nur mit seiner Kursentwicklung über mehrere Monate aussagekräftig. Tages- oder Wochenschwankungen bedeuten nicht viel. Hier können kurzfristige Spekulanten auf schnelle Gewinne aus sein, oder Fonds einfach nur Liquidität brauchen. „Kurzfristig ist die Börse fast reine Psychologie ohne fundamentale Aussagekraft“, sagt Börsenpsychologe Joachim Goldberg. Bleibt der Dax aber über längere Zeit deutlich unter 4000 Punkten, ist das ein Warnsignal. Dann könnte die Rezession noch viel heftiger ausfallen als bisher angenommen.

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