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Aktienmärkte : Amerika bringt alles ins Rutschen

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

An den Kapitalmärkten greift die Angst vor einer Rezession um sich. Anleger können sich wappnen: Sie investieren in große Konzerne aus Europa.

          Aus der Furcht ist fast schon Gewissheit geworden. Es ist nicht mehr die Frage, ob Amerika in die Rezession schlittert, sondern nur noch: Wie lange hält sie an? Und wie schnell wird der kranke Mann Amerika nun Deutschland, Europa und die Schwellenländer anstecken? Nach den Hiobsbotschaften aus Übersee gingen die Börsen jedenfalls weltweit auf Talfahrt.

          Der Deutsche Aktienindex Dax, der die Aktien der 30 größten deutschen Unternehmen bündelt, beendete die vergangene Woche tiefrot und setzt seine Talfahrt mit einem außerordentlichen Kursverlust am Montag fort. In drei Wochen verlor er gut 15 Prozent an Wert. Nun machen sich die Analysten auf die Suche nach neuen Antworten. Denn die alten tragen nicht mehr.

          Das böse R-Wort

          Das Schlimmste an der amerikanischen Immobilienkrise sei bereits überstanden, hatten viele auch hierzulande schon laut gehofft. Die Manager der größten deutschen Banken tönten noch am Jahresende, ihre Unternehmen seien „kaum betroffen“, sie gingen sogar „gestärkt aus der Krise hervor“. Nun müssen sie nach und nach offen legen, wie schlimm die Kreditkrise sie doch getroffen hat und welche Löcher sie in die Bilanzen reißt. Es sei kein Ende der Finanzkrise abzusehen, bevor alle Zahlen auf dem Tisch lägen, stellt Norbert Walter, Chefökonom der Deutschen Bank, klar.

          Niemand bezweifelt mehr ernstlich, dass die Vereinigten Staaten vom Virus des Wirtschaftsabschwungs befallen sind. Manche nennen es nur noch nicht Rezession, sondern wie UBS-Analyst Giorgio Cortiana „eine relativ starke abschwächende Tendenz“. Origineller heißt das: Es ist eine gefühlte Rezession, und sie hat längst begonnen. Manche fragen sogar, ob sie nicht schon im letzten Quartal 2007 eingesetzt habe.

          Zweifel an der Wirksamkeit von Zinssenkungen

          Notenbankchef Ben Bernanke steht schon als Ersthelfer bereit und hat als Notfallmedizin weitere Zinssenkungen im Gepäck. Die könnten die amerikanische Wirtschaft noch ankurbeln, hofft er. Marktbeobachter erwarten, dass er schon am 30. Januar den Leitzins heruntersetzen wird. Erst mal. Denn eine schnelle und drastische Zinssenkung in der Not, die schon beim letzten großen Crash im Jahr 2000 funktioniert hat, müsste doch jetzt wieder wirken. Oder?

          Manche bezweifeln das: Es werde zu viel Zeit vergehen, bis diese Erleichterung die Konsumenten erreiche, warnt Jörg Krömer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Im Jahr 2000 klappte es, weil hauptsächlich Unternehmen in der Schuldenklemme saßen. Jetzt sind es die Verbraucher. Für die hat der amerikanische Präsident George W. Bush ein 140 Milliarden Dollar schweres Konjunkturprogramm parat. Er will die Steuern senken, um zu stützen, was noch zu stützen ist. Wenn auch diese Hilfe zu spät kommt, stehen Amerika trotzdem zwei aufeinanderfolgende Quartale ins Haus, in denen die Wirtschaft schrumpft - eine Rezession. Schon gibt es Anzeichen, dass die Hypothekenkrise auf die Gewerbeimmobilien übergreift (vgl. Die Kreditkrise erfasst die Gewerbeimmobilien).

          Schwächen in der Schwellenländer-Story

          Es ist noch nicht lange her, da feierten die Optimisten lautstark die Gewinner der Globalisierung: Die asiatischen Staaten seien nun die Motoren der Weltwirtschaft, hieß es. Sie würden sich bald von der Lokomotive Amerika abkoppeln und eigenständig weitertuckern, allen voran China mit seinen zehn Prozent Wachstum. Die Märkte in Fernost seien wettbewerbsfähig genug, trügen ohnehin schon einen großen Teil zum Weltwirtschaftswachstum bei und genügten sich mit fast zweieinhalb Milliarden Konsumenten notfalls selbst.

          Auch Europa habe sich vom großen Bruder abgenabelt. Die Unternehmensgewinne stiegen fünf Jahre prächtig, die Arbeitslosigkeit sank, der Euro ging auf Höhenflug. Einige sahen ihn schon als neue Leitwährung der Welt.

          Diese optimistische Sicht hat die Weltbank vergangene Woche jäh zerstört. Sie belegt, dass der Anteil Chinas und Indiens an der Weltwirtschaft geringer ist als gedacht. Beide zusammen tragen nur 13 Prozent zur Weltwertschöpfung bei. Amerika sei mit 21 Prozent immer noch die Nummer eins.

          Hoffnung auf Europa

          Gleichzeitig beweisen die Märkte, dass auch in Europa die Bindung an Amerika größer ist als gehofft. Der Ifo-Geschäftsklimaindex, der als historisch verlässlichste Prognose für Firmenaktivitäten gilt, fällt wieder. Die Investoren reagieren verschnupft. Haben wir uns das Rezessionsvirus eingefangen?

          Nein, wenn es gut läuft, bleibt der Euroraum halbwegs immun, sagen Analysten wie Goldman Sachs' Chefvolkswirt Dirk Schumacher: „Wir gehen davon aus, dass Deutschland und Europa einen Kollateralschaden abbekommen. Aber wir schlittern nicht in die Rezession.“

          Deutschland werde mit der Situation sogar besser fertig als der Rest. „Natürlich können Sie ein Szenario entwerfen, das auch der deutschen Konjunktur das Genick bricht, räumt er ein. Aber dafür müsste Amerika in eine starke Rezession rutschen. Der Euro müsste auf 1,60 Dollar steigen, das erst würde den Export abwürgen. Der Ölpreis müsste weiter steigen, was er - zumindest für einen kurzen Moment - nicht tut. Wenn all das passiert, bricht auch die deutsche Wirtschaft ein. Doch davon geht derzeit keiner aus.

          Verunsicherte Anleger sollten jetzt auf große und globale Unternehmen setzen, sogar auf Technologieriesen. Die profitieren von jeder Wirtschaftslage. Lieber europäisch investieren und defensive Branchen wie Pharma oder Nahrungsmittel wählen. Langfristig in Asien bleiben und die Turbulenzen aussitzen, aber kurzfristig eher den brasilianischen Markt favorisieren. Und notfalls Verkaufsoptionen kaufen, um das Depot abzusichern.

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