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Aktienfonds : Scheinheilige Banken

Bankenviertel in Frankfurt: Die Banken jammern über den Niedrigzins, doch so finster sieht es - dank ihrer Aktienfonds - gar nicht aus. Bild: dpa

Die Banken jammern genauso laut über die Niedrigzinsen wie die Sparer. Das ist scheinheilig, denn dank der Niedrigzinsen verdienen sie gut an ihren Aktienfonds.

          Die Klage ist des Kaufmanns Gruß, weiß der Volksmund. Gleichwohl ist die Jammerei der Bankkaufleute über die niedrigen Zinsen im Augenblick auffällig. Egal, ob es Deutsche-Bank-Chef Jürgen Fitschen ist („Zwei, drei Jahre werden wir damit leben müssen“), Commerzbank-Chef Martin Blessing („Die Sparer werden am Ende alle weniger haben“) oder Sparkassenpräsident Georg Fahrenschon („Es werden einige schwierige Jahre auf uns zukommen“): Ein tiefer Seufzer über die Niedrigzinsphase darf im Augenblick in keiner Banker-Rede fehlen. Auch wenn nur selten einer den Mut hat, EZB-Präsident Mario Draghi für seine Geldpolitik offen anzugreifen – über die Mickerzinsen meckern alle.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Für viele Banker ist das Jammern dabei die Versöhnung mit den Kunden. Man hat jetzt etwas, worüber man gemeinsam klagen kann. Vorbei die Zeit unmittelbar nach der Finanzkrise, als sich die Banker von ihren Kunden immer nur für die Verfehlungen ihrer Branche und die Rettung auf Steuerzahlerkosten beschimpfen lassen mussten. Jetzt hat man wenigstens ein gemeinsames Leid. Schließlich bringen die Niedrigzinsen die Sparer um ihren verdienten Lohn fürs Sparen – und die Bank um ihre bitter benötigte Marge. Schon schreien die ersten Sparkassenchefs nach Hilfe vom Staat. Eine Sparprämie soll Sparern und Banken gleichermaßen zugutekommen.

          Manche Bereiche der Banken profitieren vom Niedrigszins

          Doch ein genauerer Blick lohnt sich: Sind die Banken wirklich in dem Maße Opfer der Niedrigzinsen, wie sie es selbst gern glauben machen wollen? „Das stimmt nur zum Teil“, sagt Dirk Schiereck, Bankenprofessor in Darmstadt. „Manche Bereiche in den Banken leiden unter der Zinssituation – andere profitieren sogar ganz ordentlich davon.“ Je nachdem, zu welcher Abteilung ein Banker gehört, ist er deshalb gut oder schlecht auf die Geldpolitik und die Niedrigzinsen zu sprechen. Und je nach dem, wie stark eine Bank von dem einen oder anderen Bereich abhängt, geht es ihr derzeit insgesamt gut oder schlecht.

          Der Bereich der Banken, der tatsächlich leidet, ist das Geschäft mit den Spareinlagen. Traditionell nehmen Banken Einlagen von Anlegern entgegen, die kurzfristig fällig sind. Und vergeben Kredite an Unternehmen und Hausbauer, die auf längere Zeit festgeschrieben werden. Weil normalerweise die Zinsen für kurzfristige Geldgeschäfte niedriger sind als für langfristige, lässt sich daran verdienen. „Fristentransformation“ nennen das die Banken. Wenn aber alle Zinsen, ob kurz oder lang, praktisch null sind oder sogar negativ werden, droht dieses Geschäftsmodell zusammenzubrechen. Ungünstig, wenn man wie so manche Sparkasse auf dem Land fast vollständig davon abhängig ist.

          Zugleich gibt es andere Bereiche in den Banken, die an der Niedrigzinsphase ganz ordentlich verdienen. Das sind vor allem die Sparten, die von der Vermittlung und dem Verkauf von Wertpapieren leben. Allen voran die Fondsgesellschaften wie die DWS (Deutsche Bank), Union Investment (Volksbanken) und Deka (Sparkassen). Die Fondsgesellschaften verdienen gut – und von den Gewinnen profitieren die Muttergesellschaften, die Banken.

          Bankkunden suchen in Anlageprodukten höhere Zinsen

          Vergangene Woche beispielsweise stellte Union Investment die Geschäftszahlen für 2014 vor. Das sogenannte Nettoneugeschäft stieg um stolze 38 Prozent, das Geschäft mit institutionellen Investoren sogar um 73 Prozent. „Das verwaltete Vermögen von professionellen Investoren hat zum Jahresende mit 130 Milliarden Euro einen neuen Höchststand erreicht“, verkündete Vorstandschef Hans Joachim Reinke stolz. Als Grund nannte er ausdrücklich die Niedrigzinsen. Seine Eigentümer, unter anderem die Volksbanken, werden sich freuen.

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