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Aktienfonds : Das Russland-Kartenhaus

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Der russische Aktienmarkt verzeichnet derzeit hohe Kursverluste, ohne dass eine Tendenzwende absehbar wäre. Vor allem wegen politischen Situation ziehen viele Kapitalanleger ihr Geld von der Börse Moskau ab. Russland-Fonds können sich dem nicht entziehen.

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          Jahrelang haben die Banken den Fondskäufern geraten, in die Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien und China zu investieren. Aus den Anfangsbuchstaben dieses Länderquartetts haben die Marketingexperten dann auch noch das Kunstwort „Bric“ gebildet.

          Nun sind die Hoffnungen der Fondsanleger, was Russland betrifft wohl in Rauch aufgegangen. In den vergangenen drei Monaten haben die Fonds, die auf Russland und die übrigen Nachfolgestaaten der Sowjetunion spezialisiert sind, mehr als 20 Prozent an Wert verloren. Seit einem Hoch Mitte Mai hat der Index nun mittlerweile 40 Prozent abgegeben.

          Der RTS verliert am Dienstag weiter

          Und das Elend scheint noch nicht zu Ende zu sein. Der Leitindex der Börse Moskau RTS verlor bis zum Dienstagnachmittag weitere 6 Prozent. Mit dem fallenden Ölpreis wurden die Kursverluste begründet. Doch die wahren Ursachen dürften tiefer liegen.

          Der schier unerschöpfliche Rohstoffreichtum in den Weiten Sibiriens schien die Hausse bei russischen Aktien zu rechtfertigen: Erdöl, Erdgas, Holz, Gold, Zink und auch Kohle ließen die ehemals staatlichen Konzerne - und viele Oligarchen - im Reichtum schwimmen.

          Sicher, die Notierungen vieler Rohstoffe sind in den vergangenen Monaten zurückgegangen - doch noch nicht auf ein Niveau, das Anleger schon wirklich beunruhigen müsste.

          Der Konflikt mit Georgien belastet

          Es ist vielmehr die politische Lage, die viele Anleger beunruhigt und sie dazu bringt, ihre Kursgewinne mitsamt dem eingesetzten Kapital zu repatriieren. Der Krieg gegen Georgien hat den internationalen Anlegern vor Augen geführt, dass die politische Klasse in Moskau bereit ist, außenpolitische Ziele notfalls auch militärisch zu begleiten.

          Als der russische Präsident Dmitri Medwedew im Fernsehen bekanntgab, Russland erkenne die von Georgien abtrünnigen Gebiete Südossetien und Abchasien als unabhängig an, stürzte der RTS-Index auf seinen niedrigsten Stand seit November 2006.

          Georgien ist geopolitisch vor allem deshalb für den Westen wichtig, weil eine wichtige Ölpipeline das Land von Ost nach West durchquert. Sollte wegen der militärischen Auseinandersetzungen weniger Öl vom Kaspischen Meer nach Europa fließen, dürften sich diese Spannungen auch direkt auf die Rohstoffmärkte und die Börsen der Welt auswirken.

          Politische Spannungen mit der Ukraine

          Zudem sind die Beziehungen zwischen der Ukraine und Russland derzeit angespannt. Und die Ukraine ist nicht nur wegen des Marinestützpunkts auf der Krim-Halbinsel für Russland von Bedeutung. Auch haben die beiden Länder eine 1576 Kilometer lange gemeinsame Grenze - das ist doppelt so viel wie die Grenze zwischen Russland und Georgien.

          Noch ist unklar, welche Ziele Moskau gegenüber Kiew verfolgt und welche Mittel die russische Staatsführung zu ihrer Verwirklichung einzusetzen bereit ist. Doch nachdem die internationalen Anleger nun die Moskauer Börse verlassen, geraten vor allem die Aktien der Kreditinstitute VTB Bank und Sberbank unter Druck. Sie verloren am Dienstag mehr als 10 Prozent an Wert. Die Rohstoffaktien Gasprom und Surgutneftegas standen ohnehin unter Abgabedruck.

          Hohe Verluste für den DWS Russia

          Zu den größten Verlierern dieser politischen Spannungen unter den deutschen Fonds zählt der DWS Russia (Isin: LU0146864797), der in den vergangenen sechs Monaten fast ein Viertel seines Wertes einbüßte. Das ist auch nicht verwunderlich, sind doch die Sberegat Bank und Gasprom die beiden Werte, die am stärksten in dem Fonds vertreten sind.

          Nur unwesentlich besser hat sich der JPM Russia A (Dist) geschlagen, der auf Dollar-Basis unter der Isin-Nummer LU0215049551 von der Fondsgesellschaft JP Morgan Asset Management vertrieben wird. Mehr als ein Fünftel seines Werts hat er in den vergangenen sechs Monaten verloren.

          Kapitalwachstum in weiter Ferne

          „Die Erzielung eines langfristigen Kapitalwachstums“ sei das Ziel dieses Fonds, heißt es in den Unterlagen von JP Morgan. Dies dürfte angesichts der längerfristigen Aussichten auf dem russischen Aktienmarkt in die Ferne rücken.

          „Kaum jemand will noch an der Börse Moskau investieren“, heißt es nun bei den Banken. Die Frage ist jedoch nicht so sehr, ob noch jemand kaufen will, sondern was die Anleger tun sollen, die noch in Moskau engagiert sind. Für sie geht es zunächst wohl darum, ihre Verluste zu begrenzen. Denn das Russland-Kartenhaus scheint nun, was die Finanzmärkte betrifft, zusammenzubrechen. Das Tröstliche daran ist, dass viele Anleger in Russland ihren Einsatz jahrelang kräftig mehren konnten.

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