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Aktienfonds : Chinafonds sind reif für einen Depotcheck

  • Aktualisiert am

Chinas Autofahrer müssen tiefer in die Tasche greifen Bild: picture-alliance/ dpa

Chinas Wirtschaft wächst und wächst. Doch mittlerweile ufern die damit verbundenen volkswirtschaftlichen Ungleichgewichte aus und gefährden die Erfolge. Eine Überprüfung des eigenen Depots erscheint daher nicht unangebracht.

          5 Min.

          Es scheint nichts über chinesische Aktien zu gehen. Ob Immobilien- oder Kreditkrise, volatile Wall Street, nichts scheint die chinesischen Börsen zu beirren. Was Wunder also, wenn Chinafonds im vergangenen Monat mit einem Wertzuwachs von rund neun Prozent wieder einmal zu den besten Fonds gehörten und damit an die starke Wertentwicklung der vergangenen Jahre anknüpfen können.

          Hintergrund ist nicht zuletzt der ungebrochene Glaube an den neuen Wirtschaftsgiganten China, der mit einem stürmischen und ungebrochenen Wachstum den bislang führenden Nationen den Rang abläuft. Im dritten Quartal legte das Bruttoinlandsprodukt der viertgrößten Volkswirtschaft der Erde um 11,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu. Im zweiten Quartal dieses Jahres hatte die Wachstumsrate sogar bei 11,9 Prozent gelegen. Der Handelsüberschuss stieg zwischen Januar und September im Jahresvergleich um 69 Prozent auf nun 185,7 Milliarden Dollar und überschritt damit schon jetzt den Gesamtwert des Vorjahres.

          Weiter stürmisches Wachstum...

          Für 2007 erwartet die Regierung in Peking ein Volumen von über 2,1 Billionen Dollar. Damit ergebe sich im Jahresvergleich ein Zuwachs um 20 Prozent, zitierte die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua aus einem Bericht des Handelsministeriums. Der Handelsüberschuss dürfte den Angaben zu folge bei 240 Milliarden Dollar liegen.

          Bild: FAZ.NET

          Außerdem sei das Volumen der Direktinvestitionen aus dem Ausland kräftig gestiegen, hieß es weiter. In den ersten drei Quartalen hätten ausländische Investoren 47,2 Milliarden Dollar investiert und damit 10,9 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

          Gleichzeitig steigt auch die Industrieproduktion. Gegenüber dem Vorjahr legte sie im September um knapp 19 Prozent zu. Und die Zeichen stehen weiterhin deutlich auf Expansion: Der Einkaufsmanagerindex erreichte im Oktober mit einem Stand von 55,2 Punkten ein 31-Monats-Hoch. Das vierte Quartal habe noch stärker beginnen als das dritte, sagt Eric Fishwick, stellvertretender Chefvolkswirt von CLSA Asia Pacific Markets, das den Index erhebt.

          ... aber auch der Ungleichgewichte

          Doch immer deutlicher tritt hervor, dass dieses Wachstum nicht eine Lösung, sondern ein Problem ist, nicht zuletzt weil das Wachstum mit hohen Kosten beim Ressourcenverbrauch und der Umweltverschmutzung einhergeht, wie auch Präsident Hu Jintao im vergangene Monat formulierte.

          Vor allem aber hat China ein Inflationsproblem. Zwar sank die offizielle Inflationsrate im September auf 6,2 Prozent von 6,5 Prozent im August. Doch liegt sie damit für die ersten neun Monate bei 4,1 Prozent und damit deutlich über den Zinsen von 3,78 Prozent für einjährige Spareinlagen. Deshalb erwarten Analysten den sechsten Zinsschritt in diesem Jahr und deshalb boomen auch die Börsen, bieten sie doch als einzige Kapitalanlage die Möglichkeit realer Renditen.

          Und das ist nur die offizielle Inflation. Denn wichtige Teile des Preissystems sind druch Kontrollen gekennzeichnet, druch die die Inflation in anderen Bereichen der Volkswirtschaft zurückgestaut wird. Was der dadurch entstehende Anpassungsbedarf bedeuten kann, bekommen die Chinesen gerade zu spüren.

          Furcht vor sozialen Unruhen

          Denn die Regierung hat am Donnerstag die Treibstoffpreise um rund acht Prozent erhöht. Nach Angaben der obersten Wirtschaftskommission soll damit der Unterschied zwischen den hohen Weltmarktpreisen für Rohöl und den staatlich niedrig gehaltenen Treibstoffpreisen verringert werden.

          Der Schritt war notwendig geworden, weil sich aufgrund der Unterbindung von Preiseffekten in erheblichem Umfang Mengeneffekte ergaben. Raffinerien hatten angesichts der niedrigen Verkaufspreise Verluste eingefahren und deshalb die Produktion gedrosselt. In einigen Regionen musste der Treibstoff rationiert werden, lange Schlangen bildeten sich an Tankstellen. Nach Berichten aus der Provinz Henan kam ein Mann in einem Streit mit anderen Autofahrern ums Leben, als er sich an einer Tankstelle vordrängeln wollte.

          Die seit mehr als einem Jahr erste Preiserhöhung wollte Peking aus Angst vor sozialen Unruhen eigentlich vermeiden, da man die Folgen der Inflation fürchtet. Doch es zeigt sich einmal mehr in der Praxis, dass an der ordnungspolitischen Erkenntnis kein Weg vorbeiführt, dass man Marktkräfte allenfalls beeinflussen, nicht aber dauerhaft außer Kraft setzen kann.

          Außenwirtschaft mit Schlagseite

          Auch die Preise für Frachtgüter, Flugtickets oder Überlandtransporte sollen steigen. Bahnfahrkarten und andere öffentliche Transportmittel sollen aber nicht mehr kosten. Auch Taxiunternehmen werden subventioniert, um die Auswirkungen für die Verbraucher in Grenzen zu halten. Das wird aber auf Dauer nicht durchzuhalten sein. Denn Subventionen ziehen Ineffizienzen nach sich. Kapital wird fehlalloziiert, die Kostenkontrolle unterbleibt, weil Ressourcen nicht erkauft, sondern politisch erhandelt werden müssen.

          Gleichzeitig erhöht der inländische Inflationsdruck den Druck auf die Regierung, den Yuan aufzuwerten. Auch dies ist eine alte Erkenntnis der ökonomischen Theorie: Ein auf Kostenvorteilen basierender Exportüberschuss führt zu einer Aufwertung. Ist der Wechselkurs aber fixiert, führt ein Festhalten daran im Rahmen der sogenannten „Beggar-my-neighbour-policy“ aufgrund der hohen Importpreise zur Inflation, weil das durch den Exportüberschuss steigende Inlandseinkommen ein Ansteigen der Importe bewirkt, die aber teuer gehalten sind.

          Der Yuan verzeichnete in den vergangenen Tagen die stärkste Aufwertung seit der Aufweichung des festen Wechselkursregimes im Jahr 2005 und notiert mit 7,461 Yuan für den Dollar auf dem höchsten Stand seiner Geschichte. Mittlerweile werden am Devisenmarkt in zwölf Monaten bereits Kurse unter sieben Yuan erwartet. Auch eine sechste Zinserhöhung wird China wohl nicht erspart bleiben.

          Latente Probleme mit Überkapazitäten

          Mittlerweile mehren sich auch bei Analysten kritische Stimmen. Mark Mobius, Fondsmanager des Templeton Asian Growth Fund, ist zwar für Asien optimistisch. Doch die Inflation in China sieht er als „potentielles Problem“. Mobius glaubt indes, dass die Regierung ein sorgfältiges Gleichgewicht zwischen geldpolitischen Straffungsmaßnahmen und wirtschaftlicher Entwicklung beibehalten kann.

          Ähnlich vertrauensvoll äußert sich Mingchun Sun von der Bank Lehman Brothers: Die schwächere Weltwirtschaft und der Einfluss von Zinserhöhungen, die Aufwertung des Yuan, das Heraufschrauben der Reservenanforderungen der Banken und Eingriffe zur Abkühlung des Exports dürften in den kommenden Quartalen stärkeren Einfluss auf die chinesische Volkswirtschaft gewinnen.

          Andererseits fasst Mingchun die Gefahren in deutlichen Worten zusammen: „Bei einem Einbruch könnte sich in China ein ernstes Problem mit Überkapazitäten zeigen, das zu ausufernden Vorräten, Arbeitslosigkeit, einem Berg uneinbringlicher Kredite und einem starken Rückgang der Unternehmensgewinne führt.“

          Preis- und Qualitätsdumping

          Auch die außenwirtschaftlichen Kosten des chinesischen Booms treten immer deutlicher zutage. So hat die europäische Stahlindustrie bei der EU-Kommission zwei Antidumpingklagen gegen Stahlimporte unter anderem aus China eingereicht.

          Zudem sah sich China gezwungen, die Exporte von mehr als 700 Spielzeugfabriken zu stoppen. Nach dem zahlreichen Rückrufen wurde nach Inspektionen von mehr als 1.700 Fabriken inspiziert. Dabei wurde 423 Fabriken die Exportlizenz entzogen, 341 weitere dürfen vorläufig kein Spielzeug mehr ausführen weitere 690 Unternehmen müssen Verbesserungen vornehmen. Nur 16 Prozent der Fabriken bestanden die Untersuchungen ohne Probleme.

          Zuletzt wurde eine Halloween-Verkleidung zurückgerufen, weil die Farbe der Zähne die vorgeschriebenen amerikanischen Höchstwerte für den Bleigehalt um rund hundert Prozent überschritt. Der japanische Hersteller Tomy, der etwa die „Transformers“ und „Thomas, die Lokomotive“ herstellt, erwägt bereits seinen Produktionsanteil in China in den kommenden drei Jahren von 90 Prozent auf unter 40 Prozent zu senken.

          Vorsichtige Investoren sollten daher ihre China-Engagements überprüfen und ihre Depot-Struktur anpassen. Besser ist es, die letzten Prozentpunkte Rendite zu verpassen, als einen Großteil davon wieder zu verlieren.

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