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Abstieg eines Spitzenfonds : Der Frust mit den Carmignac-Fonds

Der Vermögensverwalter Edouard Carmignac. Seine Fonds waren jahrelang erfolgreich. Bild: Frank Röth

Der Franzose Edouard Carmignac ist auch in Deutschland eine große Nummer. Seine Fonds waren jahrelang erfolgreich. Jetzt häufen sich die Fehler. Ist die große Zeit des Stars vorbei?

          4 Min.

          Edouard Carmignac ist dieser Tage in China unterwegs, ausgerechnet. Der Chef der Pariser Vermögensverwaltung Carmignac Gestion hat schwierige Wochen hinter sich, was in der Karriere des Franzosen bislang nur äußerst selten der Fall war. Nicht nur die Franzosen, sondern auch viele Deutsche haben dem eleganten Herrn mit dem weißen Haar rund 52 Milliarden Euro anvertraut, weil ihm einst ein besonderes Kunststück gelang. Als im Jahr 2008 die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers die Finanzmärkte der Welt zum Absturz brachte, schaffte es Carmignac durch den geschickten Einsatz von Derivaten, das Jahr ohne Verluste zu beenden. Das machte den heute 68-Jährigen schlagartig zu einem der bekanntesten Geldverwalter Europas. Alle wollten ihr Geld bei Carmignac anlegen, seine wichtigsten Fonds - der Mischfonds Patrimoine und der Aktienfonds Investissement - gehörten lange Zeit auch zu den Favoriten deutscher Anleger.

          Dennis Kremer
          Redakteur im Ressort „Wert“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Doch derzeit ist die Stimmung schlecht am Unternehmenssitz im Zentrum von Paris, wo Carmignac und seine wichtigsten Mitarbeiter am noblen Place Vendôme residieren. Alle dort wissen: Will der Chef sich das Vertrauen der Anleger erhalten, muss er so schnell wie möglich zeigen, dass er zu einem Kunststück wie 2008 immer noch fähig ist. Denn in diesem Sommer haben Carmignac und sein Team so falsch gelegen wie lange nicht mehr - und das hat ausgerechnet mit China zu tun.

          Die Entwicklungen in dem Riesenreich, das der Franzose in diesen Tagen auf der Suche nach neuen Anlagechancen bereist, haben Carmignacs Portfolio nämlich wild durcheinandergewirbelt. Von Januar bis Ende September haben seine wichtigsten Fonds, Patrimoine und Investissement, Verluste erzielt. Die Rückgänge sind zwar nicht dramatisch, aber die Anleger sind beunruhigt. Solche Ergebnisse sind sie von Carmignac nicht gewohnt. Nicht wenige fragen sich: Ist die große Zeit des Pariser Starmanagers vorüber?

          Ist die große Zeit des Pariser Starmanagers vorüber?

          Um hierauf eine Antwort zu finden, lohnt es, sich zwei Dinge genauer anzusehen: die Fehleinschätzung, die Carmignac mit Blick auf China unterlaufen ist. Und einen Branchentrend, der alle Fondsmanager unter Druck setzt - die hohen Zuflüsse in Indexfonds (besser bekannt unter dem Kürzel „ETF“).

          Beginnen wir mit China. Wenn Didier Saint-Georges, Mitglied des Investmentkomitees und rechte Hand des Firmengründers, über den 11. August 2015 spricht, braucht er nur wenige Worte: „Uns ist da ein Fehler unterlaufen.“ Der 11. August nämlich war der Tag, an dem Chinas Notenbank zur Überraschung der Welt erklärte, dass man die Landeswährung Renminbi um gut zwei Prozent abwerte - so stark wie nie in den vergangenen zehn Jahren. In Paris blieben die Fondsmanager trotzdem ruhig. „Wir haben die schwerwiegenden Folgen dieser Entscheidung für die Finanzmärkte unterschätzt“, gibt Saint-Georges offen zu. Denn in den folgenden Tagen fielen erst in China, dann auch in Amerika und Europa die Börsenkurse kräftig, die Anleger zweifelten an Chinas Wachstumskräften. Carmignac und seine Leute hatten dies so nicht erwartet: Schon immer hatten sie eine besondere Vorliebe für Aktien aus Schwellenländern. Der Absturz der Börsen traf ihr Portfolio darum mit voller Härte.

          Dynamische Mischfonds Euroland
          Fonds Isin Wertentwicklung p.a.
          1 Jahr 3 Jahre 5 Jahre
          Allianz Flexi Euro Dynamik DE0009789834 15,5% 38,4% 42,2%
          Haspa PB Strategie Chance LU0324036036 14,8% 24,8% 24,2%
          Plusfonds DE0008471087 14,5% 38,5% 36,8%
          Generali Komfort Wachstum LU0100846798 12,9% 37,0% 37,3%
          SEB GenerationPlus DE0009769240 12,0% 31,1% 20,4%
          Warburg Defensiv-Fonds DE0009765396 6,1% 18,0% 3,1%
          Carmignac Euro-Patrimoine A EUR FR0010149179 -4,6% -4,1% 8,6%
          Quelle: Fondsweb

          Dabei hatten die Pariser durchaus geahnt, dass die Finanzmärkte sich nicht im besten Zustand befinden. In ihren Investmentberichten aus dem Frühjahr ist zu lesen, dass sie die Wachstumsaussichten der Welt schwach einschätzten und besonders eine mögliche Erhöhung des Leitzinses durch die amerikanische Notenbank mit Sorge betrachteten. „Unsere Analyse war richtig“, sagt Saint-Georges, „wir haben sie nur nicht schnell genug im Portfolio umgesetzt.“ Böse gesagt: Man hat den richtigen Zeitpunkt total verschlafen.

          Nun soll bloß niemand behaupten, er hätte dies besser gekonnt. Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass nichts so schwierig ist wie das sogenannte Market-Timing: also Aktien so teuer wie möglich zu verkaufen und so günstig wie möglich zu kaufen. Doch genau dahinter verbirgt sich das viel grundsätzlichere Problem, mit dem sich auch hochdekorierte Geldanleger wie Carmignac auseinandersetzen müssen: Nie war es für Anleger so leicht, auf sie zu verzichten. Fondsmanager versagen nämlich in aller Regel darin, mit ihren Portfolien höhere Zuwächse zu erzielen als der Aktienmarkt als Ganzes. Eine aktuelle Studie von S&P Dow Jones zeigt gar, dass mehr als 95 Prozent der Manager regelmäßig daran scheitern. In früheren Zeiten blieb Anlegern trotzdem kaum etwas anderes übrig, als dies hinzunehmen.

          ETFs - eine Alternative

          Heute allerdings haben sie eine Alternative: ETF. Die Indexfonds bilden die Wertentwicklung eines Börsenindex wie des Dax exakt nach und kosten obendrein weniger Gebühren als die klassischen Fonds. Die Gefahr, dass ETF schlechter abschneiden als der Markt, besteht zudem per definitionem nicht: Sie sind gewissermaßen der Markt. Edouard Carmignac gehört zwar mit Blick auf die vergangenen zehn Jahre zu den wenigen Fondsmanagern, die bessere Ergebnisse erzielt haben als die meisten Konkurrenten. Doch auch wenn er dies nie zugeben würde, stellen Indexfonds eine ernste Gefahr für ihn da: Ein weiterer Fehler wie in China - und die Anleger sind weg.

          Thomas Lancereau, Leiter der Frankreich-Abteilung des Analysehauses Morningstar, drückt dies moderater aus, meint aber im Kern dasselbe, wenn er sagt: „Carmignac hat in früheren Jahren herausragend gut gearbeitet, zeigt aber in jüngster Zeit beim Stock-Picking einige Schwächen.“ Hinter dem Fachbegriff verbirgt sich genau die Disziplin, in der sich ein Fondsmanager gegenüber ETF eigentlich auszeichnen sollte - bei der Auswahl von Aktien, die sich besser entwickeln als der Markt im Durchschnitt. Auch weil Carmignac dies zuletzt nicht gelang, hat Morningstar die Bewertung für den Patrimoine-Fonds und den Investissement-Fonds von „Silber“ auf „Bronze“ herabgesetzt. Die Botschaft ist klar: Im Zeitalter der ETF können selbst Branchenhelden keine Schonung mehr erwarten. Die Epoche der Starmanager neigt sich dem Ende entgegen.

          Es ist wenig überraschend, dass die Carmignac-Leute dies ganz anders sehen. Sicher, gerade durchlaufe man eine Schwächephase. Aber eigentlich stünden klassischen Fondsmanagern günstige Zeiten bevor. Das Argument geht so: Wer wie Carmignac davon überzeugt ist, dass der Weltwirtschaft unruhige Monate drohen und dass die lockere Geldpolitik der Zentralbanken die Märkte nicht weiter befeuern kann, muss konstatieren: Große Zuwächse sind an den Börsen unter diesen Umständen nicht zu erwarten, auch Indexfonds bringen dann kaum Rendite ein. Für Fondsmanager sei dies die Gelegenheit, sich durch eine eigene Meinung vom Rest des Marktes abzugrenzen, sagt der Carmignac-Vertraute Saint-Georges. Zurzeit versuche man dies durch Käufe von Aktien, die möglichst wenig unter einem Rückgang der Weltwirtschaft zu leiden hätten. Dazu zählt er Aktien von Pharmaunternehmen und von Technologiefirmen wie Google, deren Produkte heute für viele Menschen unverzichtbarer Bestandteil des Alltagslebens sind. Gleichzeitig ist das Portfolio durch Derivate vor größeren Verlusten geschützt.

          Saint-Georges hat recht: Nur mit einer starken Überzeugung, die den Ansichten der meisten Marktteilnehmer zuwiderläuft, können Fondsmanager sich heute noch vom Durchschnitt abheben. Geht die Wette auf, ist man der strahlende Sieger. Wahr ist aber auch: Geht sie schief, wenden sich die Anleger in Scharen ab. Carmignacs Zeit mag noch nicht vorbei sein. Aber er wird es in Zukunft verdammt schwer haben.

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