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Serie Finanzskandale (15): Schmidt-Tobler : Deutschlands größter Versicherungsskandal

  • -Aktualisiert am

Reinhard Schmidt-Tobler in seinem Büro Bild: Mutter, Anna

Übermäßige Provisionen, garantierte Rückkaufswerte und die Gier nach Umsatz bereiteten den Boden für einen der größten Betrugsfälle der Versicherungsbranche. Einige der Ingredienzen des Skandals gelten noch immer.

          Ein Formfehler, ein rechtlicher Kniff in letzter Instanz hat den wohl größten deutschen Versicherungsskandal der letzten Jahrzehnte beendet. So sieht es zumindest der wegen Betruges verurteilte Reinhard Schmidt-Tobler. In den neunziger Jahren war der gewiefte Provisionsjäger erst ein umworbener Vertriebsexperte und wenig später einer der meistgehassten Männer der Branche. Heute ist es um Schmidt-Tobler still geworden, aber die Erwähnung seines Namens kann Versicherungsvorständen noch immer den Zorn ins Gesicht treiben.

          Schmidt-Tobler empfängt in Hamburg-Altona im 13. Stock eines Hochhauses mit weitem Blick auf die Elbe und den Hafen. Kunstblumen schmücken die Fensterbank. Das Büro erinnert an ein Wohnzimmer, tiefe schwarze Ledersessel auf nicht mehr ganz weißem Teppich. Ohne Umschweife gerät Schmidt-Tobler ins Erzählen. Es geht um Tarife, Provisionen, Formeln, Stornoabschläge und Rückkaufswerte - das Grundvokabular aus Schmidt-Toblers Zeit, als er an ganz großen Rädern drehte. Die Lässigkeit, mit der die Versicherer üppige Provisionen gezahlt haben und damit die für sie verlustreichen Geschäfte erst ins Rollen brachten, wirkt im Zusammenhang mit der heutigen Finanzkrise wie ein Déjà-vu.

          Betrug oder Schlamperei?

          „Rechtlich heißt es Betrug, so hat der Bundesgerichtshof entschieden“, sagt Schmidt-Tobler. Aber in Wahrheit habe er nur die nachlässig kalkulierten Tarife der Versicherer ausgenutzt. Er habe ihnen massenweise das Neugeschäft geliefert, nach dem alle gierten.

          Und so funktionierte die Masche: Schmidt-Tobler hatte in seiner Zeit als Mathematiker bei den Versicherern Condor und Albingia die Schwachstellen kennengelernt. Viele Lebensversicherer zahlten exorbitant hohe Provisionen von bis zu 5 Prozent der Versicherungssumme, wobei die vermittelten Verträge nur wenige Jahre laufen mussten, bis die Provisionen endgültig verdient waren.

          Hinzu kam, dass die Aufsichtsbehörden auf Druck der Verbraucherschützer garantierte Mindestrückkaufswerte für den Fall der vorzeitigen Kündigung vorschrieben. Etwa die Hälfte der eingezahlten Prämien mussten ausgezahlt werden. Wegen dieser Konstellation ergaben sich für Schmidt-Tobler vermeintlich todsichere Geschäfte.

          Rein und Raus

          Ein Beispiel: Ein Versicherer zahlte seinen Vermittlern bis zu 4,5 Prozent der Versicherungssumme als Provision, sagt Schmidt-Tobler. Die jährlichen Prämienzahlungen entsprachen bei Policen mit langen Laufzeiten etwa 2 Prozent der Versicherungssumme, und die Haftungszeit, nach der die Provision endgültig verdient war, betrug drei Jahre. Damit reichte die Provision für die Prämienzahlungen in den ersten zwei Jahren und drei Monaten. Für die restlichen neun Monate musste Schmidt-Tobler in Vorleistung gehen und sich einen Bankkredit (über 1,5 Prozent der Versicherungssumme) verschaffen.

          Nach drei Jahren waren schließlich die Provisionen verdient, und der Vertrag konnte gekündigt werden, bei einem Rückkaufswert von etwa 3 Prozent der Versicherungssumme, die Hälfte der eingezahlten Prämien war ja als garantierter Mindestrückkaufswert vorgeschrieben. Unter dem Strich bleibt in diesem Beispiel also ein Ertrag von etwa 1,5 Prozent der Versicherungssumme, abzüglich der Nebenkosten.

          Provisionsabschöpfung als Massengeschäft

          Tatsächlich waren die Margen meist geringer, aber es lohnte sich dennoch. „Es war so, als ginge man zur Bank und gibt einen Hunderter und bekommt sechs Zwanziger als Wechselgeld“, sagt Schmidt-Tobler: „Das möchte man natürlich öfter tun.“ Und der Mathematiker Schmidt-Tobler fand gemeinsam mit seinem Kompagnon, dem Makler Dieter Zantop, einen Weg, die Provisionsabschöpfung zum Massengeschäft zu machen.

          Unternehmern machten sie die betriebliche Altersversorgung über den Weg der Unterstützungskassen schmackhaft. Das hatte für die Unternehmen steuerliche Vorteile und verschaffte ihnen Liquidität. Für Schmidt-Tobler und Zantop war dabei entscheidend, dass sie an Listen von Mitarbeitern kamen. Nun konnten sie ohne großen Aufwand für Hunderte von Personen kapitalgedeckte Lebensversicherungen abschließen.

          Der Geschäftsbeschaffer

          Am Ende waren es rund 25.000, häufig junge Frauen mit Versicherungssummen von 240.000 D-Mark, wobei bei verschiedenen Versicherern jeweils auf einen Namen mehr Verträge abgeschlossen wurden. Informiert haben Zantop und Schmidt-Tobler die versicherten Menschen nur in den wenigsten Fällen: „Weil es in der Branche nicht üblich war und auch von den Versicherern nicht verlangt wurde.“ Aber es war gesetzlich vorgeschrieben und sollte später vor Gericht zum Stolperstein werden.

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