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Finanzskandale (13): Julius Meinl : Die Schmach der ehrwürdigen Händlerfamilie

In besseren Zeiten ließ sich gut auftrumpfen Bild: AFP

Der Wiener Bankier Julius Meinl der Fünfte steht unter Betrugsverdacht. Ihm droht nun ein Strafprozess. Anleger fühlen sich um Hunderte Millionen Euro geprellt.

          Julius Meinl V. zählt zu den reichsten Österreichern. Nach wie vor gibt es Menschen, die sich der Verbindung zu ihm rühmen. Das Vermögen seines Clans wird auf 2 Milliarden Euro geschätzt. Doch hat der Mann mit den auffällig hervorstechenden Augen seine besten Zeiten offensichtlich hinter sich. Vor zwei Wochen wurde der Wiener wegen Fluchtgefahr im Wiener Landesgericht inhaftiert. Meinl hat neben der österreichischen Staatsangehörigkeit auch einen britischen Pass.

          Michaela Seiser

          Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Es ist der vorläufige Höhepunkt einer Affäre, die vor sieben Jahren ihren Ursprung hatte. Nur dank einer Kaution von 100 Millionen Euro wurde er zwei Tage später wieder freigelassen. Die Höhe der Sicherheit, die er zu leisten hatte, ist für österreichische Verhältnisse ein Spitzenwert. Selbst Bernard Madoff, der einen der größten Finanzskandale zu verantworten hat, musste lediglich 10 Millionen Dollar (7,6 Millionen Euro) hinterlegen, um freigelassen zu werden.

          Betrug, Untreue, Gebührenschneiderei, Fluchtgefahr

          Wie Meinl so schnell das Geld flüssig machte, ist unklar. Denn auch ein Milliardär hat nicht zwangsläufig 100 Millionen Euro in bar herumliegen. Jedenfalls wurde es von einer Liechtensteiner Bank angewiesen. Damit hat der Österreicher einen gewissen Freiheitsgrad, was Anleger empört. Doch ist ein Kautionsantrag möglich, wenn als Haftgrund Fluchtgefahr besteht. Die Kautionshöhe ergibt sich bei einem großen Ermessensspielraum des Untersuchungsrichters aus den persönlichen Verhältnissen des Beschuldigten und der vorgeworfenen Straftat.

          Tradition schützt vor Festnahme nicht

          Meinl, genannt der Fünfte, ist Aufsichtsratsvorsitzender der gleichnamigen Bank und muss sich nun zwischen Bregenz und Eisenstadt aufhalten. Seit Monaten ermittelt die Wiener Staatsanwaltschaft gegen ihn wegen des Verdachts von Betrug und Untreue sowie wegen des Vorwurfs überhöhter Gebühren im Zusammenhang mit der Immobiliengesellschaft Meinl European Land (MEL), nunmehr Atrium Real Estate. Anleger sehen einen Schaden von Hunderten Millionen Euro. Damit zählt diese Affäre zu den größten Finanzskandalen in Wien.

          Nimmersatt

          Für einen Clan, dessen Vorfahren vor eineinhalb Jahrhunderten eines der führenden Handelsimperien der Donaumonarchie gegründet haben, könnte die Schmach nicht größer sein. Deren österreichisches Filialgeschäft im für seine hohe Qualität bekannten Lebensmittelhandel mit dem Logo eines Mohren wurde 1998 an Rewe verkauft.

          Das Oberhaupt der fünften Generation dieser traditionsreichen Familie wollte nicht mehr im Delikatessenhandel seiner Altvorderen tätig sein. Vielmehr wollte der anglophile Bonvivant mit Bankgeschäften Geld scheffeln. Damit die kleine Meinl-Bank mit Sitz in der Wiener Innenstadt hohe Renditen abwerfen konnte, brauchte es neue Ertragsquellen.

          Unternehmenszweck Bankgebühren zahlen

          Eine davon war MEL, mit deren Gründung das Fiasko seinen Anfang nahm. Die Gesellschaft wurde im November 2002 zu 11,10 Euro je Anteilschein zur Gänze an das Publikum emittiert. Sie domiziliert in der britischen Steueroase Jersey, wo ein laxeres Börsenrecht als in Deutschland und Österreich gilt. Ihre Zertifikate werden jedoch an der Börse Wien gehandelt. Heute kosten Atrium Real Estate weniger als 3 Euro. Nach Bekanntwerden riesiger Rückkäufe eigener Anteilscheine Ende August 2007 ist der Wert des Papiers verglichen mit seinen Höchstwerten von 21,33 Euro auf weniger als ein Fünftel zusammengeschmolzen.

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