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Geldpolitik : Die Suche nach dem Zinsmörder

Die untergehende Sonne scheint am Abend des 20.04.2016 durch die Zentrale der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main (Hessen). Bild: dpa

Was führt zu niedrigen Zinsen? Die Meinungen dazu gehen auseinander. Das Research Institut von Flossbach von Storch hat den Schuldigen bereits gefunden.

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          Warum sind die Zinsen so niedrig, wie derzeit der Fall? Diese Frage stellen sich nicht nur viele Sparer, sondern stellte auch Thomas Mayer vom Research Institut Flossbach von Storch in Frankfurt – auch wenn er sie überspitzter formulierte: „Wer hat den Zins umgebracht?“ Die zwei Hauptverdächtigen sind die Zentralbanken und die Umstände. In der Debatte um die Frage, was zu den sinkenden Zinsen führt, gibt es zwei große Strömungen. Zum einen die Keynesianer und Neoklassiker und zum anderen die Vertreter der österreichischen Schule.

          Antonia Mannweiler

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Während erstere, aus Sicht von Mayer, die niedrigen Zinsen auf eine „Ersparnisschwemme“ und ein strukturell schwaches Wirtschaftswachstum zurückführen, vertritt letztere die Hypothese, dass die Zentralbanken dafür verantwortlich sind. „Die Keynesianer nehmen an, dass das Geld vom Himmel fällt“, sagte Mayer. So bestünde in deren Rechnung ein Ungleichgewicht zwischen der Investitionsrate und den Ersparnissen, da der Bankensektor und der Kapitalmarkt nicht in die Rechnung einbezogen werden.

          Empirisch nicht belegbar

          In einer Studie, die Mayer zusammen mit Gunther Schnabl, VWL-Professor an der Universität Leipzig, vorstellte, geht es darum, mit den Hypothesen der Keynesianer aufzuräumen. So ließe sich etwa die These, dass der niedrige Zins mit einer alternden Gesellschaft zusammenhänge, empirisch nicht belegen, sagte Schnabl. Das Argument, dass eine immer älter werdende Gesellschaft mehr Geld für das Alter zur Seite lege, könne man anhand der Fakten nicht erkennen. Eher im Gegenteil: In Japan habe die Sparquote beispielsweise nicht zugenommen, sondern abgenommen.

          Und auch ein strukturell schwaches Wirtschaftswachstum als Grund für die niedrigen Zinsen, sei nicht zu halten. Die Grenzproduktivität des Kapitals für Industrieländer wie Amerika, Japan oder Deutschland sei konstant geblieben – lediglich in China nehme sie ab. Auf die Frage, wo denn der natürlich Zins liege, konnte Mayer keine Antwort geben. Doch er müsse positiv sein – das gebiete die ökonomische Logik. Zeit sei ein endliches Gut, und das habe in der Ökonomie immer einen positiven Wert – vorausgesetzt, dass der Zins der Preis der Zeit ist.

          Die beiden Studienautoren gingen auch darauf ein, dass die niedrigen Zinsen nicht zu einem Wirtschaftswachstum geführt haben, sondern den gegenteiligen Effekt hatten und das Wachstum abschwächten. Dies wird damit begründet, dass durch die Zinsen zwar Anreize für Finanzinvestitionen geschaffen wurden, nicht aber für Realinvestitionen. Und weil die Unternehmen sich weiterhin mit billigen Krediten finanzieren können, blieben Strukturanpassungen aus, womit auch das Wachstumspotenzial zurückgehe. „Die Nullzinspolitik verhindert Anpassungen“, sagte Schnabl dazu.

          Verlierer und Gewinner

          Verlierer der Notenbankpolitik seien die jungen Menschen, betonte der Professor. Auch weil diese von sinkenden Reallöhnen betroffen seien. Reiche hätten dagegen von der Politik am ehesten profitiert. Ein Grund dafür sei, dass die Vermögenspreise durch den niedrigen Zins nach oben gedrückt wurden. Die  Zentralbanken haben nach Meinung von Schnabl asymmetrisch gehandelt. In Krisen seien die Zinsen sehr stark gesenkt worden, aber eben nicht in gleichem Maße wieder erhöht, wenn es die wirtschaftliche Lage zugelassen hätte.

          „Ich würde einen Ausstieg aus dieser Politik fordern“, konstatierte Schnabl. Sobald man die Zinsen aber zu schnell zu stark anhebe, gingen alle „bankrott“. Daher könne man die Zinsen nur langsam anheben, erklärte er. Möglich sei etwa eine Zinserhöhung von jährlich 25 Basispunkten. Das sei auf ein Jahr gesehen nicht viel, würde aber eine graduelle Veränderung ermöglichen. Dies sei jedoch erst der zweite Schritt. Im ersten Schritt müsse man die Anleihekäufe der Zentralbanken beenden und auf weitere Zinssenkungen verzichten. Die müsse jedoch international koordiniert werden. Im Idealfall stiegen dadurch die Produktivität und die Löhne. „In meinem Modell führt ein steigender Zins zu einem steigenden Wachstum“, sagt Schnabl. Er drehe den Trend um. Dafür müsse man aber kurzfristig das „Tal der Tränen“ durchschreiten, doch fehle der Mut dafür.

          Mayer sei wenig hoffnungsvoll, dass es dazu komme: „Das System wird weiter belastet.“ Die nächste Finanzkrise werde seiner Meinung nach größer und werde dann die Frage nach einem Systemwechsel aufwerfen. Das gegenwärtige System sei an seine Grenzen gestoßen.

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