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Scalable Capital : Nächstes deutsches Start-Up knackt die Milliarden-Bewertung

Die Gründer von Scalable Capital Bild: Scalable Capital

Nach Blackrock kann das Münchener Fintech Scalable Capital auch den chinesischen Großinvestor Tencent überzeugen. Die Gründer haben große Pläne und eine klare Meinung zu Spacs.

          3 Min.

          Es war eine lange Sitzung am Montagabend. Um 23 Uhr ist dann alles in trockenen Tüchern gewesen und auch vom Notar abgesegnet, wie Erik Podzuweit, einer der Gründer und Geschäftsführer von Scalable Capital, im Gespräch mit der F.A.Z. berichtet. 180 Millionen Dollar nimmt das Münchener Fintech in einer neuen Finanzierungsrunde auf, die etwa zur Hälfte von dem chinesischen Tech-Konzern Tencent gestellt wird. Damit knackt das erst im Jahr 2015 als Robo-Advisor an den Start gegangene Unternehmen die Milliarden-Bewertung und ist seinen Investoren nun 1,4 Milliarden Dollar wert.

          Tim Kanning
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Podzuweit kann seine Freude nicht verhehlen: „Mit Blackrock haben wir schon seit 2017 den größten westlichen Vermögensverwalter an Bord. Jetzt haben wir auch noch den größten chinesischen Wagniskapitalgeber überzeugt.“ 6,5 Prozent des Münchener Unternehmens gehören nun dem Konzern Tencent, der vor allem für das chinesische Whatsapp-Pendant Wechat bekannt ist, aber auch größere Beteiligungen an Tesla, Spotify und Snapchat hält. Auch bei der Berliner Neo-Bank N26 haben sich die Chinesen schon eingekauft.

          Chatplattformen und Videos geplant

          Bei Scalable Capital teilen sich die Anteilseigner laut Podzuweit nun in drei etwa gleich große Gruppen auf: ein Drittel hält Blackrock, ein Drittel halten die Gründer und Mitarbeiter und ein Drittel verschiedene Wagniskapitalgeber, zu denen nun auch Tencent zählt. Inhaltlich wollen sich die Chinesen in München nicht einmischen. Auch ein Markteintritt von Scalable in Asien ist laut Podzuweit derzeit nicht angedacht. Es gibt aber große Pläne, bei denen die Münchener sich einiges bei den Machern des Bezahldienstes Wechat Pay abgucken können: „Wir wollen mehr soziale Elemente in den Broker integrieren, seien es Chatplattformen, auf denen sich die Nutzer über bestimmte Aktien austauschen können oder seien es Erklär-Videos von Youtubern zu bestimmten Anlage-Themen.“

          Gestartet war Scalabe Capital im Jahr 2015 als Robo Advisor, der Anlegern vor allem über verschiedene Indexfonds (ETF) eine automatisierte Geldanlage anbietet. Inzwischen ist aus Scalable Capital ein ausgewachsener Neo-Broker geworden, über den Kunden auch Wertpapiere handeln und Sparpläne anlegen können. Dabei hat Scalable ein neues Bezahlmodell á la Netflix aufgelegt, mit einer monatlichen Flatrate von 2,99 Euro. Umgerechnet mehr als 5 Milliarden Dollar hätten Kunden inzwischen bei Scalable angelegt, sagt Podzuweit. Zwei Drittel davon entfielen auf den Robo-Advisor und ein Drittel auf das Broker-Geschäft.

          Frankreich, Spanien und Italien im Blick

          Zuletzt sei wegen des Börsen-Aufschwungs vor allem das normale Anlagegeschäft stark gewachsen. Längerfristig geht Podzuweit davon aus, dass sich beide Segmente die Waage halten. Auch die Expansion ins Ausland steht nun auf dem Programm: „Im zweiten Halbjahr wollen wir auch aktiv nach Frankreich, Spanien und Italien expandieren.“ Die Zahl der Mitarbeiter steigt rasant. Ende 2020 beschäftigte Scalable noch 140 Frauen und Männer, aktuell sind es 240. Bis Ende des Jahres rechnet Podzuweit mit 400 Mitarbeitern.

          Mit der neuen Finanzierungsrunde habe Scalable Capital nun einen komfortablen Puffer für das geplante Wachstum, sagt Podzuweit. Von 50 Millionen Euro, die das Start-up im vergangenen Jahr aufgenommen hatte, habe es noch gar nichts angerührt. „Langfristig können wir uns einen Börsengang vorstellen, aber nicht in den nächsten ein, zwei Jahren“, sagt Podzuweit.

          „Promis, die keine Ahnung vom Fach haben“

          Auch die zuletzt aus dem Boden sprießenden Spacs, also Börsenmäntel, die zunächst ohne Inhalt Geld von Anlegern einsammeln, um dann geeignete Übernahmeobjekte auszumachen, hätten schon mehrmals bei Scalable angeklopft, erzählt Podzuweit: „Die sehe ich aber eher kritisch. Sicher gibt es auch gute Spacs, aber viele wollen nur von der aktuellen Börseneuphorie profitieren und werben mit irgendwelchen Promis, die gar keine Ahnung vom Fach haben.“

          Zuletzt haben mehrere deutsche Start-Ups große Finanzierungsrunden vermeldet und gelten nun offiziell als „Einhörner“ – sie sind also mit mehr als einer Milliarde Euro bewertet. Erst vor wenigen Wochen hatte etwa der Berliner Online-Broker Trade Republic mit einer Mega-Finanzierung für Aufsehen gesorgt. Insgesamt 900 Millionen Dollar hatten verschiedene Investoren um den Risikokapitalgeber Sequoia in das auch erst fünf Jahre alte Unternehmen gesteckt und es damit zu einem der wertvollsten europäischen Finanz-Start-Ups gemacht. Rund 5 Milliarden Dollar ist Trade Republic nun wert, nachdem die Bewertung Ende 2020 noch bei 730 Millionen Dollar gelegen hatte. Die Berliner Neobank N26 wird aktuell mit 3,5 Milliarden Dollar bewertet.

          Die Investoren rechnen offenbar damit, dass sich Finanzgeschäfte immer weiter aufs Handy verlagern. Podzuweit erwartet das naturgemäß auch so und sieht sich durch den Heimatmarkt seines neuen Großinvestors bestätigt: „Mobile Broker werden immer wichtiger. Die Leute machen ihre Börsengeschäfte am Handy. In Asien ist das noch stärker ausgeprägt. Da haben viele Menschen überhaupt keinen Computer, ihr Zugang zum Internet ist das Handy.“

          Für große Investoren macht Scalable Capital aber auch das Geschäft mit anderen Unternehmen, interessant. So hat das Fintech laut Podzuweit die Anlage-Plattform für die englische Großbank Barclays entwickelt und ähnliche Projekte mit der spanischen Banco Santander und der österreichischen Raiffeisenbank International umgesetzt. In Deutschland ist Scalable vor allem über eine Kooperation mit der größten Direktbank ING groß geworden, die den Robo-Advisor direkt an ihr Onlinebanking angeschlossen hat.

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