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Wechsel in die Industrie : Banker haben immer weniger Lust aufs Banking

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Die Zahl der Ex-Banker in der Realwirtschaft wächst deshalb stetig. Statistiken dazu gibt es noch nicht, aber zahlreiche Beispiele. Johannes Borsche verlässt Anfang des Jahres Morgan Stanley, um als Finanzchef für Nestle Waters Deutschland anzuheuern. Die Tochtergesellschaft des Schweizer Nahrungsmittelriesen ist für Mineralwasser-Marken wie Vittel oder San Pellegrino bekannt. Sein ehemaliger Branchenkollege Patrick Treuer ist von der Credit Suisse zum Rohstoffhändler Louis Dreyfus gewechselt. Nun feilt er in der brasilianischen Wirtschaftsmetropole Sao Paulo an der Strategie der Dreyfus-Tochtergesellschaft Biosev, die auf Zucker und Ethanol spezialisiert ist.

Vom „Gier-Banker“ zum Klinikmanager

Auch für Bankvorstände ist ein Seitenwechsel mittlerweile kein Tabu mehr. Ende März verlässt Bayern-LB-Finanzchef Stephan Winkelmeier die Münchner Landesbank, um als Geschäftsführer beim Mittelständler Senata aus Freising anzufangen. Es sei eine Lebensentscheidung gewesen, mit 46 Jahren „deutlich außerhalb der Regulierung und fernab der Finanzdienstleistungsbranche noch einmal einen Neuanfang zu machen“, sagt Winkelmeier, als er seinen Abschied verkündet.

Jochen König hatte diesen Schritt bereits im Jahr 2009 gemacht. Viele Jahre vermittelte er für die Royal Bank of Scotland Finanzinvestoren Kredite für Firmenkäufe. Nach dem Ausbruch der Krise 2008 bricht dieses Geschäft jedoch ein. Als sein Vater dann das Busunternehmen der Familie in Wirges im Westerwald verkaufen will und keine guten Angebote bekommt, nutzt König die Chance zum Absprung. Nun leitet er „König’s Reisen“ in dritter Generation.

Jens-Peter Neumann verantwortete bis Ende 2009 das Kapitalmarktgeschäft der Dresdner Bank in London. Als ihm das Institut nach der Übernahme durch die Commerzbank wegen Milliarden-Verlusten seinen Bonus nicht ausbezahlen will, erstreitet er diesen vor Gericht. Die „Bild“-Zeitung verpasst ihm deshalb den Beinamen „Gier-Banker“, in der Bankenbranche dürfte er damit verbrannt sein. Eugen Münch, Gründer der Krankenhauskette Rhön-Klinikum, schreckt das aber nicht ab. Er schätzt Neumann als Sparrings-Partner, mit dem er neue Ideen diskutieren kann. Als Münch Ende 2012 einen neuen Finanzchef braucht, wechselt Neumann vom Rhön-Aufsichtsrat in den Vorstand. Dort fühlt er sich so wohl, dass er seinen Vertrag 2013 um weitere drei Jahre verlängert.

Banker-DNA statt Ingenieurskunst

Auch in Großunternehmen sind ehemalige Banker keine Seltenheit mehr. Bei manchem Konzern besteht sogar die gesamte Kapitalmarktabteilung aus ehemaligen Mitarbeitern von Deutscher Bank, JP Morgan und anderen Häusern. „Was wir hier machen, ist Bankgeschäft auf der anderen Seite des Schreibtisches“, sagt ein Manager, der für die Finanzierung eines Großkonzerns zuständig ist. „Für mich ist es wichtig, Mitarbeiter mit Banker-DNA zu haben. Das erleichtert den Dialog mit der anderen Seite. Einen Ingenieur kann ich in meiner Abteilung nicht gebrauchen.“

Für die Kommunikation mit den Aktionären seien Ex-Banker ebenfalls prädestiniert, sagt der Manager. „Gespräche mit Investoren sind für Banker ein Heimspiel. Die wissen, wie der Kapitalmarkt tickt.“ Außerhalb dieses Geschäftsbereichs ergibt es aus Sicht von Personalberater Kasten allerdings nur für bestimmte Konzerne Sinn, Personal von Geldhäusern ab zu werben. „Banker können besonders Unternehmen weiterhelfen, die regelmäßig zukaufen oder vor einer großen Umstrukturierung stehen.“

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