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Serie Finanzskandale (15): Schmidt-Tobler : Deutschlands größter Versicherungsskandal

  • -Aktualisiert am

Reinhard Schmidt-Tobler in seinem Büro Bild: Mutter, Anna

Übermäßige Provisionen, garantierte Rückkaufswerte und die Gier nach Umsatz bereiteten den Boden für einen der größten Betrugsfälle der Versicherungsbranche. Einige der Ingredienzen des Skandals gelten noch immer.

          5 Min.

          Ein Formfehler, ein rechtlicher Kniff in letzter Instanz hat den wohl größten deutschen Versicherungsskandal der letzten Jahrzehnte beendet. So sieht es zumindest der wegen Betruges verurteilte Reinhard Schmidt-Tobler. In den neunziger Jahren war der gewiefte Provisionsjäger erst ein umworbener Vertriebsexperte und wenig später einer der meistgehassten Männer der Branche. Heute ist es um Schmidt-Tobler still geworden, aber die Erwähnung seines Namens kann Versicherungsvorständen noch immer den Zorn ins Gesicht treiben.

          Schmidt-Tobler empfängt in Hamburg-Altona im 13. Stock eines Hochhauses mit weitem Blick auf die Elbe und den Hafen. Kunstblumen schmücken die Fensterbank. Das Büro erinnert an ein Wohnzimmer, tiefe schwarze Ledersessel auf nicht mehr ganz weißem Teppich. Ohne Umschweife gerät Schmidt-Tobler ins Erzählen. Es geht um Tarife, Provisionen, Formeln, Stornoabschläge und Rückkaufswerte - das Grundvokabular aus Schmidt-Toblers Zeit, als er an ganz großen Rädern drehte. Die Lässigkeit, mit der die Versicherer üppige Provisionen gezahlt haben und damit die für sie verlustreichen Geschäfte erst ins Rollen brachten, wirkt im Zusammenhang mit der heutigen Finanzkrise wie ein Déjà-vu.

          Betrug oder Schlamperei?

          „Rechtlich heißt es Betrug, so hat der Bundesgerichtshof entschieden“, sagt Schmidt-Tobler. Aber in Wahrheit habe er nur die nachlässig kalkulierten Tarife der Versicherer ausgenutzt. Er habe ihnen massenweise das Neugeschäft geliefert, nach dem alle gierten.

          Und so funktionierte die Masche: Schmidt-Tobler hatte in seiner Zeit als Mathematiker bei den Versicherern Condor und Albingia die Schwachstellen kennengelernt. Viele Lebensversicherer zahlten exorbitant hohe Provisionen von bis zu 5 Prozent der Versicherungssumme, wobei die vermittelten Verträge nur wenige Jahre laufen mussten, bis die Provisionen endgültig verdient waren.

          Hinzu kam, dass die Aufsichtsbehörden auf Druck der Verbraucherschützer garantierte Mindestrückkaufswerte für den Fall der vorzeitigen Kündigung vorschrieben. Etwa die Hälfte der eingezahlten Prämien mussten ausgezahlt werden. Wegen dieser Konstellation ergaben sich für Schmidt-Tobler vermeintlich todsichere Geschäfte.

          Rein und Raus

          Ein Beispiel: Ein Versicherer zahlte seinen Vermittlern bis zu 4,5 Prozent der Versicherungssumme als Provision, sagt Schmidt-Tobler. Die jährlichen Prämienzahlungen entsprachen bei Policen mit langen Laufzeiten etwa 2 Prozent der Versicherungssumme, und die Haftungszeit, nach der die Provision endgültig verdient war, betrug drei Jahre. Damit reichte die Provision für die Prämienzahlungen in den ersten zwei Jahren und drei Monaten. Für die restlichen neun Monate musste Schmidt-Tobler in Vorleistung gehen und sich einen Bankkredit (über 1,5 Prozent der Versicherungssumme) verschaffen.

          Nach drei Jahren waren schließlich die Provisionen verdient, und der Vertrag konnte gekündigt werden, bei einem Rückkaufswert von etwa 3 Prozent der Versicherungssumme, die Hälfte der eingezahlten Prämien war ja als garantierter Mindestrückkaufswert vorgeschrieben. Unter dem Strich bleibt in diesem Beispiel also ein Ertrag von etwa 1,5 Prozent der Versicherungssumme, abzüglich der Nebenkosten.

          Provisionsabschöpfung als Massengeschäft

          Tatsächlich waren die Margen meist geringer, aber es lohnte sich dennoch. „Es war so, als ginge man zur Bank und gibt einen Hunderter und bekommt sechs Zwanziger als Wechselgeld“, sagt Schmidt-Tobler: „Das möchte man natürlich öfter tun.“ Und der Mathematiker Schmidt-Tobler fand gemeinsam mit seinem Kompagnon, dem Makler Dieter Zantop, einen Weg, die Provisionsabschöpfung zum Massengeschäft zu machen.

          Unternehmern machten sie die betriebliche Altersversorgung über den Weg der Unterstützungskassen schmackhaft. Das hatte für die Unternehmen steuerliche Vorteile und verschaffte ihnen Liquidität. Für Schmidt-Tobler und Zantop war dabei entscheidend, dass sie an Listen von Mitarbeitern kamen. Nun konnten sie ohne großen Aufwand für Hunderte von Personen kapitalgedeckte Lebensversicherungen abschließen.

          Der Geschäftsbeschaffer

          Am Ende waren es rund 25.000, häufig junge Frauen mit Versicherungssummen von 240.000 D-Mark, wobei bei verschiedenen Versicherern jeweils auf einen Namen mehr Verträge abgeschlossen wurden. Informiert haben Zantop und Schmidt-Tobler die versicherten Menschen nur in den wenigsten Fällen: „Weil es in der Branche nicht üblich war und auch von den Versicherern nicht verlangt wurde.“ Aber es war gesetzlich vorgeschrieben und sollte später vor Gericht zum Stolperstein werden.

          Doch zunächst war von Prozess und Klage keine Rede. Um 1986 begann Schmidt-Tobler mit der Provisionsjagd und vor allem in den drei Jahren bis 1992 wurde er für etwa 20 Versicherer ein begehrter Vertriebspartner. Er sei derjenige gewesen, den die Vertriebsvorstände anriefen, wenn sie im Wettstreit um das höchste Neugeschäft ins Hintertreffen gerieten.

          Einer habe ihm zu Weihnachten 100.000 D-Mark in bar zugesteckt. „Weil Sie so schönes Geschäft gemacht haben“, habe der gesagt, sagt Schmidt-Tobler. Das habe er unerhört gefunden. Genommen hat er das Geld doch - und versteuert, wie er betont.

          Stolperstein Informationsmangel

          Gut verdient haben Schmidt-Tobler und Zantop damals auch ohne Weihnachtsgeschenke. Ihre Unterstützungskassen schlossen Policen mit Versicherungssummen von etwa 9 Milliarden D-Mark ab. Die risikofreie Gewinnmarge habe nach Abzug aller Kosten - so mancher Zuträger verdiente mit und wurde nie bestraft - etwa 7 bis 9 Promille betragen. So seien etwa 60 Millionen D-Mark zusammengekommen.

          Doch dann wurden die Lebensversicherer im Sommer 1992 stutzig. Schmidt-Tobler flog auf, weil eine Versicherte schon einen größeren Lebensversicherungsvertrag abgeschlossen hatte. Mit dem neuen Vertrag überstieg sie eine Höchstsumme. Als sie darüber befragt wurde, wusste sie von der neuen betrieblichen Altersversorgung nichts.

          Der Legende nach soll die Versicherte die Tochter eines ehemaligen Bundespräsidenten gewesen sein. In einer Variante der Erzählung saßen zwei Versicherungsmanager im Flugzeug nebeneinander und kamen über Schmidt-Toblers Unterstützungskassen ins Gespräch.

          Vorschrift aus gutem Grund

          Sicher ist, dass Schmidt-Tobler umgehend verhaftet wurde. Einige Monate verbrachte er in Untersuchungshaft. Der Prozess zog sich über Jahre hin und ging bis zum Bundesgerichtshof. Die Versicherer warfen ihm vor, dass er sie über seine Absicht, die Verträge nach Ende der Provisionshaftungszeit zu kündigen, getäuscht habe.

          Schmidt-Tobler selbst glaubt, dass er nur wegen etwas bestraft wurde, was er als juristisches Detail bezeichnet: Ihm sei zum Verhängnis geworden, dass er die versicherten Personen nicht um Erlaubnis gefragt habe: „Es fehlten einfach nur die Unterschriften.“ Schmidt-Tobler benutzte, häufig ohne das Wissen der Unternehmer, Listen der Beschäftigen. Und schließlich ging offenbar auch das nicht reibungslos genug. In mindestens einem Fall fälschte er eine Urkunde.

          Die Einverständniserklärung des Versicherten ist bei Lebensversicherung vorgeschrieben, weil sonst zu befürchten wäre, dass zum Beispiel der geldgierige Ehemann seine Frau versichert und sie anschließend ermordet. Schmidt-Tobler und Zantop missachteten diese Pflicht, was ein Grund für ihre Verurteilung war.

          Stolperstein entfernt

          Ironischerweise hat einige Jahre später der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft darauf gedrungen, dass im reformierten Versicherungsvertragsgesetz die Pflicht, das Einverständnis der Versicherten einzuholen, nicht für die betriebliche Altersversorgung gilt. Heute schreibt das Gesetz zwar wie früher vor, dass der Lebensversicherte, sofern ein anderer den Vertrag abschließt, schriftlich einwilligen muss. Dies gelte aber nicht bei „Kapitallebensversicherungen im Bereich der betrieblichen Altersversorgung“.

          Schmidt-Tobler hat etwa die Hälfte seiner Gefängnisstrafe von knapp sechs Jahren absitzen müssen, den größten Teil davon im offenen Vollzug. Heute berät er wieder mittelständische Unternehmer. In der Branche sei er heute ein Ausgestoßener. Gehe er mal zu einem Branchentreffen, traue sich kaum jemand, mit ihm zu sprechen: „Wäre die Sache damals nicht gewesen, wäre ich heute ein prominenter Berater.“

          Mitschuldige

          Schmidt-Tobler kokettiert mit seiner Rolle: Als Experte habe er schon oft gedacht „ja, müsst ihr denn solche Fehler machen. Aber andererseits trifft es ja keine Armen.“ So redet Schmidt-Tobler noch heute. Der Vermögensschaden, den der Bundesgerichtshof allein in den Fällen der Versicherer Iduna, Hamburg-Mannheimer und Basler mit 123 Millionen D-Mark angab, ging vor allem zu Lasten der Versichertengemeinschaft.

          Ganz unschuldig waren die betrogenen Versicherer nach Einschätzung eines Richters nicht. Sie seien zu einseitig am Umsatz orientiert gewesen, heißt es in einer Urteilsbegründung. Es liege ein krasses Fehlverhalten vor. Offenbar habe es gereicht, frech und fordernd aufzutreten, um die Branchenriesen zu Bittstellern zu machen.

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