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Serie Finanzskandale (15): Schmidt-Tobler : Deutschlands größter Versicherungsskandal

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Doch zunächst war von Prozess und Klage keine Rede. Um 1986 begann Schmidt-Tobler mit der Provisionsjagd und vor allem in den drei Jahren bis 1992 wurde er für etwa 20 Versicherer ein begehrter Vertriebspartner. Er sei derjenige gewesen, den die Vertriebsvorstände anriefen, wenn sie im Wettstreit um das höchste Neugeschäft ins Hintertreffen gerieten.

Einer habe ihm zu Weihnachten 100.000 D-Mark in bar zugesteckt. „Weil Sie so schönes Geschäft gemacht haben“, habe der gesagt, sagt Schmidt-Tobler. Das habe er unerhört gefunden. Genommen hat er das Geld doch - und versteuert, wie er betont.

Stolperstein Informationsmangel

Gut verdient haben Schmidt-Tobler und Zantop damals auch ohne Weihnachtsgeschenke. Ihre Unterstützungskassen schlossen Policen mit Versicherungssummen von etwa 9 Milliarden D-Mark ab. Die risikofreie Gewinnmarge habe nach Abzug aller Kosten - so mancher Zuträger verdiente mit und wurde nie bestraft - etwa 7 bis 9 Promille betragen. So seien etwa 60 Millionen D-Mark zusammengekommen.

Doch dann wurden die Lebensversicherer im Sommer 1992 stutzig. Schmidt-Tobler flog auf, weil eine Versicherte schon einen größeren Lebensversicherungsvertrag abgeschlossen hatte. Mit dem neuen Vertrag überstieg sie eine Höchstsumme. Als sie darüber befragt wurde, wusste sie von der neuen betrieblichen Altersversorgung nichts.

Der Legende nach soll die Versicherte die Tochter eines ehemaligen Bundespräsidenten gewesen sein. In einer Variante der Erzählung saßen zwei Versicherungsmanager im Flugzeug nebeneinander und kamen über Schmidt-Toblers Unterstützungskassen ins Gespräch.

Vorschrift aus gutem Grund

Sicher ist, dass Schmidt-Tobler umgehend verhaftet wurde. Einige Monate verbrachte er in Untersuchungshaft. Der Prozess zog sich über Jahre hin und ging bis zum Bundesgerichtshof. Die Versicherer warfen ihm vor, dass er sie über seine Absicht, die Verträge nach Ende der Provisionshaftungszeit zu kündigen, getäuscht habe.

Schmidt-Tobler selbst glaubt, dass er nur wegen etwas bestraft wurde, was er als juristisches Detail bezeichnet: Ihm sei zum Verhängnis geworden, dass er die versicherten Personen nicht um Erlaubnis gefragt habe: „Es fehlten einfach nur die Unterschriften.“ Schmidt-Tobler benutzte, häufig ohne das Wissen der Unternehmer, Listen der Beschäftigen. Und schließlich ging offenbar auch das nicht reibungslos genug. In mindestens einem Fall fälschte er eine Urkunde.

Die Einverständniserklärung des Versicherten ist bei Lebensversicherung vorgeschrieben, weil sonst zu befürchten wäre, dass zum Beispiel der geldgierige Ehemann seine Frau versichert und sie anschließend ermordet. Schmidt-Tobler und Zantop missachteten diese Pflicht, was ein Grund für ihre Verurteilung war.

Stolperstein entfernt

Ironischerweise hat einige Jahre später der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft darauf gedrungen, dass im reformierten Versicherungsvertragsgesetz die Pflicht, das Einverständnis der Versicherten einzuholen, nicht für die betriebliche Altersversorgung gilt. Heute schreibt das Gesetz zwar wie früher vor, dass der Lebensversicherte, sofern ein anderer den Vertrag abschließt, schriftlich einwilligen muss. Dies gelte aber nicht bei „Kapitallebensversicherungen im Bereich der betrieblichen Altersversorgung“.

Schmidt-Tobler hat etwa die Hälfte seiner Gefängnisstrafe von knapp sechs Jahren absitzen müssen, den größten Teil davon im offenen Vollzug. Heute berät er wieder mittelständische Unternehmer. In der Branche sei er heute ein Ausgestoßener. Gehe er mal zu einem Branchentreffen, traue sich kaum jemand, mit ihm zu sprechen: „Wäre die Sache damals nicht gewesen, wäre ich heute ein prominenter Berater.“

Mitschuldige

Schmidt-Tobler kokettiert mit seiner Rolle: Als Experte habe er schon oft gedacht „ja, müsst ihr denn solche Fehler machen. Aber andererseits trifft es ja keine Armen.“ So redet Schmidt-Tobler noch heute. Der Vermögensschaden, den der Bundesgerichtshof allein in den Fällen der Versicherer Iduna, Hamburg-Mannheimer und Basler mit 123 Millionen D-Mark angab, ging vor allem zu Lasten der Versichertengemeinschaft.

Ganz unschuldig waren die betrogenen Versicherer nach Einschätzung eines Richters nicht. Sie seien zu einseitig am Umsatz orientiert gewesen, heißt es in einer Urteilsbegründung. Es liege ein krasses Fehlverhalten vor. Offenbar habe es gereicht, frech und fordernd aufzutreten, um die Branchenriesen zu Bittstellern zu machen.

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