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Finanzskandale (5): Jérôme Kerviel : Die Anonymität des kleinen Soldaten

Nach allen verfügbaren Erkenntnissen arbeitete Kerviel allein, machte allenfalls ein paar Andeutungen gegenüber einem Broker oder Freunden. Für sich persönlich zweigte er kein Geld ab. Er sei „ein kleiner Soldat gewesen, der einfach nur viel Geld für seine Bank verdienen wollte“, gibt er zu Protokoll.

Die Schlösser schnappen zu spät

Ein gutes Jahr danach hängt der SG die Affäre immer noch nach, auch wenn sich die schlimmsten Befürchtungen eines Aufkaufs oder einer Zerschlagung nicht bewahrheitet haben. Einige Fondsmanager sagen, dass der Skandal so lange auf der Bank laste, wie der Gerichtsstreit andauere. Der Erzrivale BNP Paribas prüfte ein Übernahmeangebot, entschied sich aber dagegen. Was die Finanzkrise alles noch bringen wird, weiß indes niemand.

SG-Manager dagegen finden, dass der Kerviel-Schock zur rechten Zeit gekommen sei. Noch bevor die ganze Branche wegen der Finanzkrise in die Kritik geriet, habe die SG so schon die Lehren aus ihren Schwächen gezogen, die Kontrollen verstärkt und sich reorganisiert. 100 Millionen Euro hat die Bank in die Umbauten investiert; sie schuf eine „Product Control Group“ mit 600 Mitarbeitern, die seit vergangenem November alle Ergebnisse der Bank zentral analysiert.

Verschiedene Abläufe wie die Benutzung von unternehmenseigenen Gegenparteien für Transaktionen und überhaupt alle Geschäfte, die kurzfristig storniert oder verändert werden, unterstehen nun strengeren Prüfungen. Handbücher wurden neu geschrieben, Passwörter für den Zugang zum Handelssystem werden öfter geändert, 7800 Personen bildete die Bank mit dem besonderen Verweis auf die Möglichkeit von Betrug durch Kollegen fort. Die Stabsfunktion der Händlerkontrolle erhielt mehr Unabhängigkeit. „Ohne drei Unterschriften kann man hier nichts mehr machen“, stöhnt ein Händler.

Am liebsten wieder ein Niemand sein

Die unmittelbaren Vorgesetzten Kerviels verließen die Bank freiwillig oder wurden entlassen. Doch nicht alle fielen auf die Nase. Einer der Geschassten, Pierre-Yves Morlat, der für den Aktienhandel verantwortlich zeichnete und Kerviel zum Händler beförderte, fand kürzlich eine Stelle bei Credit Suisse, wo er den Eigenhandel für Europa und Asien leiten soll.

Der Chef des Investmentbankings, Jean-Pierre Mustier, ist bei der SG jetzt Leiter der Vermögensverwaltung. Und der 58 Jahre alte Vorsitzende von Vorstand und Verwaltungsrat, Daniel Bouton, dem Präsident Nicolas Sarkozy heftige Vorwürfe machte, zog sich auf den Verwaltungsratsvorsitz zurück, überließ das operative Geschäft dem 44 Jahre alten Frédéric Oudéa - ein Generationswechsel.

Kerviel unterdessen hofft mehr als alles andere, dass er einer Gefängnisstrafe entgeht. Mit dem Bankgeschäft will der in der Bretagne aufgewachsene Franzose nichts mehr zu tun haben und sehnt sich nach einer Rückkehr zu einem anonymen Leben. „Ich war immer Mister Nobody, und ich hoffe, es so schnell wie möglich wieder zu werden.“

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