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Finanzskandale (5): Jérôme Kerviel : Die Anonymität des kleinen Soldaten

Er hat Glück, denn in London kommt es im Juli 2005 zu den schweren Terroranschlägen. „Die Märkte fallen nach den Attentaten von London. Und ich gewinne den Jackpot - 500.000 Euro“, sagt er später den Ermittlungsbehörden.

Seinen Chefs fällt auf, dass er zu viel Risiko auf sich genommen hat, und sie verwarnen ihn. Doch Kerviel kümmert das wenig. „Ich bekam Lust, weiterzumachen. Es gibt da einen Schneeballeffekt.“ Der Händler geht mit erstaunlicher Energie eine Transaktion nach der anderen ein und erfindet genauso viele Scheingeschäfte.

Überforderter Vorgesetzter

Im November 2007 fragt die Terminbörse Eurex bei der SG nach, wie ein Händler für 1,2 Milliarden Euro in zwei Stunden 6000 Terminkontrakte kaufen könne. Kerviel hat für den Dax beispielsweise nur die Autorisierung für 200 bis 300 Kontrakte.

Kerviels Vorgesetzter Eric Cordelle erkundigt sich bei seinem Untergebenen, doch gibt sich mit ausweichenden Antworten Kerviels zufrieden. Später wird Cordelle in einem Zeitungsinterview sagen, wie leicht der Weg in seiner Abteilung von einer zur nächsten Null war: „Um 1,19 Milliarden Euro zu kaufen, reicht ein etwas häufigerer Mausklick.“

Cordelle stellt Kerviel öfter zur Rede - am Kaffeeautomaten. Dort genügen ihm ein paar Worte, und die Sache ist wieder erledigt. Der Vorgesetzte bezeichnet sich selbst als fachfremd und überlastet. Er erhalte täglich zu viele E-Mails, doch nicht die richtigen. Hätte er gewusst, dass die Eurex 6000 Transaktionen in zwei Stunden entdeckt habe, dann hätte er sofort reagiert, sagt er später.

Kontrollen ohne Konsequenzen

Die von der Bank eingesetzten internen Ermittler schreiben bald darauf: „Die Prozesse werden eingehalten. Doch niemand ergreift die Initiative, die Richtigkeit von Kerviels Angaben zu überprüfen, obwohl diese unglaubhaft erscheinen. Wenn die Vorgesetzten gewarnt werden, reagieren sie nicht.“ 75 interne Kontrollen verlaufen zwischen Ende 2006 und Januar 2008 im Sande.

Der junge Händler scheut jedoch auch keine Anstrengung, um seine Geschäfte zu verschleiern. Er kommt morgens als Erster und geht abends als Letzter. Täglich verbringt er mehrere Stunden mit seinen Scheingeschäften. Selbst am Wochenende ist er im Büro und verzichtet mit ausdrücklicher Erlaubnis seiner Chefs auf Urlaub; die Genehmigung dafür ist ein weiterer Fehler der Vorgesetzten.

Soldat im Hamsterrad

Kerviel loggt sich auch unter den Passwörtern von Kollegen ein, annulliert viele Transaktionen, bevor sie fällig werden, und erfindet danach gleich neue. So vermeidet er Anzahlungen sowie die Überstellung von Wertpapieren.

„Ich bin in eine Spirale geraten, die sich selbst am Laufen hielt. Doch meine Vorgesetzten gossen Öl hinein, damit alles rund lief“, sagt er nun. An einem eng besetzten Händlertisch, wo die Kollegen nur 30 bis 40 Zentimeter entfernt säßen, sei nichts verborgen geblieben. Die Abteilung habe seine Risiken gekannt, darauf beharrt Kerviel; abends seien die Vorgesetzten gekommen und hätten ihn für seine Gewinne sogar gelobt. Und er sagt: „Ich wünschte, jemand hätte mir gesagt: ,Hör auf mit diesem Unsinn!'“

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