https://www.faz.net/-gv6-11q3d

Finanzskandale (14): AHBR : Für die Schieflage der AHBR mussten die Gewerkschaften bluten

Bürovilla der Allgemeinen Hypothekenbank Rheinboden im Frankfurter Westend Bild: F.A.Z. - Wonge Bergmann

Das Spiel an der Zinskurve ist auch den deutschen Gewerkschaften vertraut. Ihre Hypothekenbank verzockte Milliarden. Die Schieflage der Allgemeinen Hypothekenbank Rheinboden (AHBR) beschäftigt auch heute noch die Gerichte.

          Im Dezember 2005 befreite der amerikanische Finanzinvestor Lone Star die deutschen Gewerkschaften von einer zu groß gewordenen Last: der Allgemeinen Hypothekenbank Rheinboden (AHBR). Die Beteiligungsgesellschaft der Gewerkschaften (BGAG) musste einen „negativen Kaufpreis“ von fast 900 Millionen Euro zahlen. Ohne diese Mitgift hätte die „Heuschrecke“ Lone Star die marode AHBR nicht übernommen. Die Zinsschieflage der AHBR hatte seit dem Jahr 2002 Stützungsmaßnahmen über mehrere Milliarden Euro erfordert, die größtenteils aus den Gewerkschaftskassen geleistet werden mussten.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dem Verkauf der Hypothekenbank ging die Veräußerung der Bausparkasse BHW an die Postbank im Herbst 2005 voraus. Die BGAG und der Beamtenbund verkauften ihre BHW-Pakete von 39 beziehungsweise 36 Prozent an das Bonner Institut. Das BHW hatte bis dahin die unternehmerische Führung bei der AHBR inne und diese auch konsolidiert. Mit diesen Veräußerungen schlossen die deutschen Gewerkschaften ihr Kapitel der Gemeinwirtschaft ab. Bereits in den achtziger Jahren kam es zu gefährlichen Zusammenbrüchen beim Wohnungsbauunternehmen Neue Heimat oder der Einzelhandelskette Coop. Doch das Ende der Gemeinwirtschaft - der Gewerkschaftskonzern BGAG galt zeitweise mit mehr als 80.000 Mitarbeitern als eine der größten Wirtschaftseinheiten Deutschlands - besiegelte die Zinsschieflage der AHBR.

          Spiel an der Zinskurve

          Die Terrorangriffe am 11. September 2001 auf New York und Washington sind der Ausgangspunkt. Der damalige AHBR-Vorstand unter dem Vorsitzenden Horst-Alexander Spitzkopf tat das, was er schon die Jahre zuvor zur Freude seiner Großaktionäre BGAG (50 Prozent) und BHW (39,5 Prozent) getan hatte: Er spielte an der Zinskurve. Dies hatte bis dahin immer wieder gut geklappt und den Aktionären üppige Dividenden beschert. Die Führungsmannschaft der AHBR erwartete nach den Terroranschlägen zunächst rückläufige, dann aber wieder anziehende Zinsen. Dementsprechend wurden hohe Derivatepositionen aufgebaut. Tatsächlich kam es aber zu einem scharfen Zinsrückgang.

          Heuet heißt die AHBR Corealcredit

          Ruchbar wurde die Zinsschieflage im Frühjahr 2002, als BGAG und BHW eine erste Stützungsmaßnahme von 200 Millionen Euro stemmen mussten. Danach kam es zu einer Sonderprüfung, die von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) veranlasst wurde. Dass die Probleme der AHBR doch größer sind, als bis dahin angenommen worden war, wurde im März 2003 augenscheinlich. Die Gewerkschaftsholding und das BHW mussten ein erneutes Rettungspaket für die Bank über 450 Millionen Euro schnüren. Bereits im Herbst 2002 hatte Vorstandschef Spitzkopf seinen Hut nehmen müssen. Danach wurde der AHBR-Vorstand vollständig erneuert.

          Gewerkschaften unzureichend informiert

          Bis Ende 2004 kehrte etwas Ruhe ein. Doch diese endete jäh im Dezember 2004, als zuerst der Prüfungsverband der privaten Banken einen Nachreservierungsbedarf feststellte und kurze Zeit später auf Geheiß der Bafin die Eigentümer BHW und BGAG weitere Abschirmungen von den Zinsrisiken leisten mussten. Insgesamt wird in Finanzkreisen das Ausmaß des AHBR-Debakels auf mehr als 3 Milliarden Euro geschätzt. Das Eigenkapital der Bank belief sich aber nur auf 945 Millionen Euro. BGAG und AHBR mussten die Bank mit 1,2 Milliarden Euro stützen. Hinzu kamen in den Jahren 2005 und 2006 Verluste von insgesamt 1,6 Milliarden. Darüber hinaus musste die BGAG auch noch den Substanzverlust beim BHW verdauen, das die AHBR konsolidiert hatte. Letztendlich mussten die Gewerkschaften am meisten für die Zinsschieflage der Hypothekenbank bluten.

          Offenbar fühlte sich die Führungsspitze der Gewerkschaften über das wahre Ausmaß der AHBR-Schieflage unzureichend informiert, als die Gewerkschaftsholding BGAG Ende 2004 um eine weitere Risikoabschirmung anklopfen musste. Denn kurz danach zog der damalige IG-Metall-Chef Jürgen Peters die Bremse und kündigte im Januar 2005 den Rückzug der BGAG aus den Bereichen an, in denen sich ein gewerkschaftliches Engagement überholt hat. Damit war nicht nur der Verkauf des BHW samt AHBR besiegelt, sondern auch das Ende von Rolf-J. Freyberg als langjähriger Vorstandschef der Gewerkschaftsholding.

          Härtetest für den Pfandbrief

          Mit einem Pfandbriefumlauf von 55 Milliarden Euro war die AHBR die viertgrößte Pfandbriefemittentin hierzulande. Das Institut galt in den Augen von Bafin-Präsident Jochen Sanio deshalb als systemrelevant. Die Zuspitzung der Krise nach dem Verkauf des BHW an die Postbank im Herbst 2005 galt als Härtetest für den Pfandbrief, das Erfolgsprodukt des deutschen Finanzplatzes. Die Investoren waren über die weitere Zukunft der AHBR verunsichert, so dass der Handel mit AHBR-Pfandbriefen zeitweise zum Erliegen kam. Beruhigende Kommentare der Ratingagenturen zur Qualität der Deckungsstöcke und ein von den privaten Banken gespannter Liquiditätsschirm über 2,5 Milliarden Euro nahmen den Druck von der AHBR und ihren Pfandbriefen. Im Dezember 2005 erfolgte dann der Verkauf an Lone Star.

          Das Spiel an der Zinskurve hat auch die Depfa Bank und damit ihre Muttergesellschaft Hypo Real Estate ruiniert. Die Fristentransformation gehört zum täglichen Bankgeschäft. Das Institut vergibt langfristige Kredite, die es kurzfristig refinanziert. In Zeiten einer normalen Zinskurve sind die langfristigen Zinsen deutlich höher als die kurzfristigen. Durch die Fristentransformation kann eine Bank diese Differenz positiv nutzen. Bis zu einem gewissen Ausmaß ist dies vertretbar, auch wenn die goldene Bankregel eine vollständige Fristenkongruenz zwischen Krediten und Refinanzierung, also zwischen Aktiv- und Passivseite der Bilanz, vorgibt.

          Ungesundes Risikoverhältnis

          Bei der AHBR war das Risikoverhältnis alles andere als gesund. Das Geschäftsmodell muss fast ausschließlich auf Zinsspekulation beruht haben. Das räumten AHBR-Manager ein, die vom Jahr 2003 an die Schieflage zu verwalten hatten. Und Zinsspekulationen waren bei der Frankfurter Hypothekenbank nicht wirklich neu. Denn bereits 1991 geriet das Vorgängerinstitut Allgemeine Hypothekenbank (AHB) deshalb in Schwierigkeiten. Schließlich gehört das gefährliche Spiel an der Zinskurve schon zu den Geburtsfehlern der 1962 gegründeten AHB. Denn zu ihren Gründungsvätern gehörte der Münchner Finanzmakler Rudolf Münemann, der in den fünfziger und sechziger Jahren mit seinen riskanten Finanzierungen von Industrieunternehmen die Kritik der etablierten Banken auf sich zog und schließlich Schiffbruch erlitt. Münemann (“Aus kurz mach lang“) zählt zu den Protagonisten der Fristentransformation in Deutschland. Noch heute gilt unter Bankern das „Münemann-Spiel“ als Synonym für eine riskante Fristentransformation.

          Marktbeobachter verfolgten die AHBR schon vor Bekanntwerden der Zinsschieflage im Frühjahr 2002 mit Skepsis. Begriffe wie „Hypo-Hedge-Fonds“ oder gar „Zockerbude“ fielen durchaus, wenn Banker hinter vorgehaltener Hand das Geschäftsmodell der Gewerkschaftsbank charakterisierten. Die Eigentümer störte das nicht, denn sie erfreuten sich bis zum Jahr 2002 über regelmäßig hohe Gewinne. Das riskante Zinsrad erkannten sie nicht. Die unternehmerische Führung bei der AHBR hatte nicht die BGAG, sondern das BHW inne. Der damalige Aufsichtsratsvorsitzende der AHBR war Reinhard Wagner, seinzerzeit Vorstandschef des BHW. Er hatte bei der Bausparkasse in Hameln als erfolgreicher Vertriebsmann Karriere gemacht. Die Kenntnisse, um die Risiken von Zinsspekulationen einzuschätzen, hatte er offenbar nicht.

          Wenig profitables Geschäft

          Die Finanzkrise hat nicht nur im Fall HRE gezeigt, dass die Spekulation entlang der Zinskurve unter Banken stark grassiert hat, obwohl daran etliche Institute in den vergangenen Jahrzehnten zugrunde gegangen sind. So gerieten die IKB und die Sachsen LB aufgrund ihrer außerhalb der Bilanz geführten Zweckgesellschaften in eine Schieflage. Das Geschäftsmodell dieser Einheiten bestand einzig und allein aus der Refinanzierung erworbener langfristiger Anleihen über die Emission kurzfristiger Schuldtitel.

          Zinsschieflagen gab es darüber hinaus bei der Essen Hyp, die von der Commerzbank aufgefangen werden musste, und der Düsseldorfer Hypothekenbank, die seit April 2008 vom Einlagensicherungsfonds der privaten Banken geführt wird. Dass gerade Hypothekenbanken für die Zinsspekulation anfällig sind, liegt an ihrem oftmals wenig profitablen Geschäft. AHBR, Essen Hyp und Düsseldorfer Hyp bauten deshalb insbesondere das Portfolio an langfristigen Staatsanleihen aus. Diese Titel können am Markt problemlos erworben werden. Über die anschließende kurzfristige Refinanzierung werden die bescheidenen Zinserträge aus dem margenarmen Hypotheken- und Staatsfinanzierungsgeschäft aufgepäppelt. Nähern sich aber die kurz- den langfristigen Zinsen an, kann sich die Ertragslage dramatisch bis hin zum Zusammenbruch verschlechtern.

          AHBR beschäftigt die Gerichte

          Die Schieflage der AHBR beschäftigt auch heute noch die Gerichte. So will das inzwischen in Corealcredit Bank umgetaufte Institut Schadensersatz von den ehemaligen Vorstandsmitgliedern. Darüber hinaus kommt es vor dem Oberlandesgericht Frankfurt zu einem Kapitalmusterverfahren wegen des Kapitalschnitts, den Lone Star kurz nach der Übernahme im Januar 2006 durchführte. Dieser belastete die Genussscheingläubiger mit 360 Millionen Euro. Die Kläger sind der Ansicht, dass sie die Genüsse nicht erworben hätten, wenn ihnen der drohende Verlust bekannt gewesen wäre. Sie sind der Meinung, dass die Pflichtmitteilung vom Januar 2006, in der die AHBR die Investoren über die Verlustbeteiligung informiert hatte, zu spät erfolgt sei. Musterkläger in dem Prozess ist der Elektronikeinzelhändler Conrad. Auch der Hamburger Verleger Heinz Heinrich Bauer zählte im Jahr 2006 als Genussscheingläubiger noch zu den Widersachern gegen den Kapitalschnitt von Lone Star. Im aktuellen Musterverfahren zählt er dem Vernehmen nach aber nicht mehr zu den Klägern.

          Die Corealcredit Bank befindet sich seit der Lone-Star-Übernahme nach einer radikalen Restrukturierungsphase mittlerweile auf dem Pfad der Erholung und schreibt wieder Gewinne. Das deutlich schlanker aufgestellte Institut konzentriert sich mit seinen 176 Mitarbeitern - Anfang 2002 waren es noch 538 - auf die gewerbliche Immobilienfinanzierung. Derzeit steht die Corealcredit Bank in Verhandlungen mit dem staatlichen Bankenrettungsfonds Soffin. Dabei geht es um Garantien für Anleihen in mittlerer dreistelliger Millionenhöhe.

          Weitere Themen

          Rekordstände überraschen die Analysten

          Finanzmärkte : Rekordstände überraschen die Analysten

          Die Finanzmärkte werden immer zuversichtlicher: Die Wall Street hakt ihre Rezessionsängste ab und wichtige Indizes steigen auf Rekordhochs. Der Dax trotzt einem schwachen Ifo-Index.

          SAP-Aktie auf Rekordhoch

          Nach Bilanzveröffentlichung : SAP-Aktie auf Rekordhoch

          Der angekündigte Umbau hinterlässt tiefe Spuren in der Quartalsbilanz von SAP, doch Konzernchef Bill McDermott verbreitet viel Optimismus bei Analysten und Anlegern. Die Aktie des wertvollsten deutschen Dax-Konzerns steigt auf ein Rekordhoch.

          Topmeldungen

          Wegen schwerer Untreue angeklagt: Hannovers Oberbürgermeister Stefan Schostok

          Rathausaffäre in Niedersachsen : Ohne Einsicht und völlig unbeirrt

          Die Staatsanwaltschaft Hannover hat SPD-Politiker Stefan Schostok wegen schwerer Untreue angeklagt. Der Oberbürgermeister will weiter im Amt bleiben. Doch die Anklage bringt ihn ins Wanken – und mit ihm die hannoversche SPD.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.