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Finanzskandale (11): James Fisk : Vom Wanderzirkus zur Wall Street

Nach dem Krieg schien ihn das Glück jedoch erst einmal zu verlassen. Sein neugegründetes Textilgeschäft in Boston ging nach kurzer Zeit bankrott, und auch seine ersten Gehversuche an der Wall Street scheiterten. Doch Fisk ließ sich nicht entmutigen: Wie Zeitgenossen schildern, ging es ihm ohnehin nie um das Geld an sich, sondern um die Herausforderung, es auf möglichst abenteuerliche Weise zu erlangen. Dementsprechend war ein Geschäft für Fisk umso reizvoller, je riskanter es war.

Richtig bergauf ging es für ihn jedoch, als er Ende der sechziger Jahre auf Daniel Drew traf: einen ebenso skrupellosen Geschäftsmann wie Fisk, der ihm jedoch mit 68 Jahren einiges an Erfahrung voraushatte. Fisk lernte seinen neuen Kompagnon kennen, wie er die meisten seiner Geschäftsfreunde kennenlernte - indem er ihn übers Ohr haute. Drew reagierte jedoch nicht verärgert, sondern war beeindruckt von Fisk und machte ihn prompt zu seinem Partner.

Frischgedruckte Aktien auf den Markt geworfen

Drew focht zu dieser Zeit gerade einen Kampf mit dem Eisenbahn-Tycoon Cornelius Vanderbilt um die Erie Railroad aus, eine Eisenbahnlinie, die von New York an die kanadische Grenze führte. Die beiden Kontrahenten waren schon öfter aneinandergeraten, doch 1866 kam es zum Showdown. Vanderbilt, der in New York nur der „Commodore“ genannt wurde, hatte Interesse an dem Unternehmen, das von Drew faktisch beherrscht wurde. Um Einfluss zu gewinnen, erwarb Vanderbilt einen großen Anteil Erie-Aktien.

Doch so schnell wollte Drew sich nicht geschlagen geben. Er lieh der Gesellschaft knapp 3,5 Millionen Dollar aus seinem Privatvermögen, für die er sich das Recht auf Aktien als Sicherheit nahm - vorgeblich, um das marode Schienennetz zu modernisieren. In Wirklichkeit hatte er jedoch auf fallende Aktienkurse gesetzt. Dafür, dass seine Spekulation aufging, sorgte er selbst. Er hatte sich eigens eine Druckerpresse besorgt, und als der Zeitpunkt günstig war, schmiss er die frischgedruckten Erie-Aktien in einem Schwung auf den Markt. Der Preis der Aktie sank binnen weniger Tage um mehr als ein Drittel. Gut 5 Millionen Dollar wanderten aus Vanderbilts Taschen in die von Drew.

Die Rache des Commodore

Daraufhin lenkte Vanderbilt ein und erkannte die faktische Kontrolle des Trios, das mittlerweile aus Drew, Fisk und einem gewissen Jay Gould bestand, über Erie an. Vanderbilt verabredete mit seinen ehemaligen Widersachern, den Erie-Kurs gemeinsam zu manipulieren. Sie wollten ihn erst in die Höhe treiben, um dann Kasse zu machen. Doch nach einigen Monaten musste der Commodore erkennen, dass er wieder einmal hereingelegt worden war. Fisk und Drew hatten das Spiel hintertrieben und entgegen der Abmachung Aktien verkauft. Wieder einmal hatten sie auf Vanderbilts Kosten abkassiert.

Nun sann Vanderbilt auf Rache. Er bestach einen New Yorker Richter, der daraufhin entschied, dass Drew bis auf weiteres keine Geschäfte mehr im Namen von Erie machen durfte. Doch auch Drew und Fisk wussten um die Korrumpierbarkeit der Justiz und fanden ihrerseits einen Richter, der die Entscheidung seines Kollegen wieder aufhob.

Kriegskasse gegen Vanderbilt gefüllt

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