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Finanzplatz Australien : Bocken und Blocken in Sydney

Anzeigetafel mit dem Markenzeichen der Australischen Börse in Sydney Bild: Reuters

Ein Systemausfall hat zum Wochenstart die Börse in Sydney lahm gelegt. Das Ereignis wirft ein Schlaglicht auf die Probleme des australischen Finanzplatzes – und auf die Reibereien des Landes mit der Supermacht China.

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          Die Hoffnung stirbt zuletzt. Das gilt insbesondere für Australien, wo sehr optimistisch veranlagte Menschen leben. Und doch platzte den Börsianern unter ihnen am Montag die Hutschnur. Denn einmal mehr fiel der Handel an der Börse Sydney aus. Die Systeme bockten. Erst nur für Minuten, dann den ganzen langen Montag über. Dominic Stevens, dem Chef der Australian Securities Exchange (ASX), blieb nichts als eine Entschuldigung. Zumal kurz zuvor die brandneue Internetseite der ASX zusammengebrochen war. Dann vertröstete Stevens noch auf die erhoffte Wiederaufnahme des Handels am heutigen Dienstag.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Die Peinlichkeit aber endet damit noch nicht. Denn der Ausfall lag nicht, wie zunächst vermutet, an chinesischen Hackern – ganz im Gegenteil: Die ASX nutzt ein Handelssystem der Nasdaq in New York. Das aber weist Startschwierigkeiten auf. Zumindest dann, wenn Anleger mehrere Positionen in einer Order kaufen wollten.

          Und das wollten sie am Montag. Während die Märkte der Region, getrieben von dem erwarteten Einzug von Joe Biden ins Weiße Haus, den Corona-Impfungen am Horizont und dem am Sonntag unterzeichneten ostasiatisch-pazifischen Handelsabkommen RCEP, zulegten, hatten Spekulanten in Australien das Nachsehen. Die Händler verloren ihre sicher geglaubten Gebühren. Vor allem aber mussten die geplanten Börsengänge von Native Mineral Resources (NMR) und Einzelhändler Universal Store vertagt werden.

          Fragezeichen hinter der Börse

          Nicht nur wegen des Ausfalls stehen Fragezeichen hinter der Börse. Es ist unklar, ob der Aufschwung auf starken Füßen steht. Zwar gab die Notenbank erste Zeichen der Entwarnung, hatte aber zuvor den Leitzins nicht grundlos auf das Rekordtief von 0,1 Prozent zurückgefahren. Corona hatte den Kontinent zuvor in die erste Rezession seit 26 Jahren getrieben. Inzwischen aber zieht der immerwährende Gradmesser „down-under“, der Immobilienmarkt, wieder an. In Sydney wurden die Versteigerungen am Samstag bei bestem Frühlingswetter zum Freudenfest für die Verkäufer.

          Andere hingegen ringen um ihr geschäftliches Überleben. Allen voran der Multimilliardär James Packer mit seinem Casino-Konzern Crown Resorts. Ihm droht der Entzug der Lizenz für die neue Mega-Spielhölle im Zentrum Sydneys, weil die Manager sich aufführten, als gehöre ihnen die Welt. Die Aktie verlor ein Drittel ihres Wertes – kann Crown in den neuen Turm am Hafen einziehen, hat sie Potential.

          Allerdings braucht das Casino chinesische Zocker. Doch auch das wird schwer. Denn Peking bockt und blockt: Mal halten seine Grenzer Wein aus Australien auf, mal Holz, mal Gerste oder Rindfleisch, jeweils in nicht zufälliger Abhängigkeit von den Äußerungen australischer Politiker über die kommunistische Diktatur. Graham Bradley, der frühere Chef der Lobbyisten des Business Council of Australia, fasst die Stimmung zusammen: „Ich kenne keinen Manager, der denkt, die australische Regierung habe das Verhältnis zu China in den vergangenen vier Jahren gut gesteuert.“

          Bradley steht nicht im Verdacht, zum Kommunismus konvertiert zu sein. Aber er und viele seiner Einkommensklasse sehen die Dollarnoten schmelzen, die der China-Export bringt. Zuletzt stöhnte Richard Goyder, der Vorsitzende des Verwaltungsrates des Gasriesen Woodside Petroleum, Chinesen hätten den Kauf eines Anteils am Scarborough-Gasfeld für 16 Milliarden australische Dollar (9,8 Milliarden Euro) aufgegeben. Dabei ist die Bodenschatz-Industrie weiterhin eine der gewinnträchtigen Wetten im Aktienmarkt: Der Erzpreis liegt in China oberhalb der 100-Dollar-Grenze. Vorreiter wie BHP, Rio Tinto oder Fortescue (FMG) aber fördern die Tonne für weniger als 20 Dollar. Den besten Gewinn lieferte die FMG-Aktie: Seit einem Jahr legte ihr Kurs von 9 auf fast 17 australische Dollar zu. Dem Konzern hilft, dass er nun stark in grüne Energie investiert. Damit will er nicht nur kostengünstig den eigenen Bedarf sichern, sondern sich auch ein zweites Standbein schaffen. Hoffnung keimt auch an anderer Stelle. Am Sonntag war auch Australien dem Handelspakt RCEP beigetreten, der von Peking bestimmt wird. Das könnte, legt sich der Pulverdampf erst, für ein wenig Entspannung über die Grenzen hinweg sorgen.

          Am Ende setzt sich immer noch australische Gelassenheit durch. So auch bei Alice Barbery, der Chefin von Universal Store, dessen Börsengang am Montag ins Wasser gefallen war: „Es ist das Jahr 2020. Menschen haben bei den Waldbränden ihre Häuser, bei Corona ihr Leben verloren. Da kann ich doch wegen so etwas nicht Trübsal blasen. Am Dienstag sind wir wieder da, das Leben geht weiter.“

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