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Staatsanleihen : Amerikas Zinskurve weckt Rezessionsängste

Er will weiter an Amerikas Zinsschraube drehen: Fed-Chef Jerome Powell Bild: AP

Die Zinskurve amerikanischer Staatsanleihen verunsichert Anleger. Die zweijährige Rendite liegt erstmals seit Juli 2007 höher als die fünfjährige. Das gilt an den Finanzmärkten als Vorbote einer Rezession.

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          Die Zinskurve der amerikanischen Staatsanleihen verunsichert die Investoren. Erstmals seit Juli 2007 rentieren zweijährige Titel höher als fünfjährige. Zudem ist der Renditeabstand zwischen zwei- und zehnjähriger Anleihe auf 0,14 Prozentpunkte gesunken, das niedrigste Niveau seit mehr als einem Jahrzehnt. Dass die zweijährige Rendite über der fünfjährigen liegt, werten Investoren als Vorzeichen für eine inverse Zinskurve. Von dieser wird dann gesprochen, wenn die zweijährigen Zinsen über dem Niveau der zehnjährigen liegen. Das gilt an den Finanzmärkten als Vorbote einer Rezession.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Die Rezessionsangst erhebt wieder ihr hässliches Haupt“, sagte Stephen Innes, Chefhändler für den asiatisch-pazifischen Raum beim Wertpapierhaus Oanda, mit Blick auf die jüngste Entwicklung. Sie drückte auf die Stimmung an den New Yorker Aktienmärkten. Der Dow-Jones-Index der Standardwerte gab bis Handelsende um 3,1 Prozent auf 25 027 Punkte nach. Am Vortag hatte der Waffenstillstand im Handelsstreit zwischen den Vereinigten Staaten und China für Kursgewinne gesorgt. Doch am Dienstag machten sich Zweifel breit: „Es ist nicht klar, worauf sich die beiden Seiten geeinigt haben – wir wissen nur, dass es einen begrenzten Waffenstillstand gibt“, sagte Ökonom Scott Brown vom Finanzdienstleister Raymond James.

          Über allem steht der Handelsstreit

          Der Handelsstreit dämpft auch die Erwartungen für das Wirtschaftswachstum. Diese Sorgen spiegelt der amerikanische Anleihemarkt wider: Die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihe ist unter 3,0 Prozent gefallen, während die zweijährige Rendite auf 2,83 Prozent gestiegen ist. Als normal gilt eine Zinskurve, wenn die kurzfristigen Zinsen unter den langfristigen liegen. Dreht sich die Kurve aber, erwarten die Anleger in Zukunft eine schwächere Wirtschaft und fallende Zinsen. Sie schichten sehr rasch aus kurzlaufenden Anleihen in lange Laufzeiten um, weil hier die Zinsen noch attraktiv sind.

          Das hat zur Folge, dass am kurzen Ende die Zinsen steigen und am langen Ende sinken. Eine inverse Zinskurve spiegelt auch die Einschätzung der Anleger wider, die gegenwärtige Geldpolitik sei zu straff. Die Analysten der niederländischen Rabobank begründen die jüngste Entwicklung amerikanischer Zinsen mit der wachsenden Angst vor einer Abkühlung der Weltkonjunktur. Schon jetzt kann die amerikanische Zinskurve am kurzen Ende, also zwischen zwei- und fünfjähriger Laufzeit, als invers bezeichnet werden.

          Das betrachtet Antoine Bouvet, Zinsstratege der japanischen Bank Mizuho, als Zeichen für ein nahendes Ende des Zinserhöhungszyklus der amerikanischen Notenbank Federal Reserve. In der vergangenen Woche hatte Fed-Präsident Jerome Powell dies angedeutet und eine kleine Börsenhausse ausgelöst. Er hatte das aktuelle Leitzinsniveau als nahe dem neutralen Bereich eingestuft. Neutral sind die Zinsen dann, wenn sie die Konjunktur weder stimulieren noch bremsen. An den Finanzmärkten wird mit einem schwächeren Wachstum der amerikanischen Wirtschaft gerechnet. Sogar eine leichte Rezession wird im Jahr 2020 für möglich gehalten.

          Die nächste Leitzinserhöhung wird kommen

          Die Investoren stellen sich darauf ein, dass die Fed in der kommenden Woche den Leitzins noch einmal erhöht. Allerdings gibt es Zweifel, wie viele Zinserhöhungen im kommenden Jahr zu erwarten sind. Derzeit liegt der Leitzins der Fed in der Spanne von 2,00 bis 2,25 Prozent. Für die Sitzung des Offenmarktausschusses am 18. und 19. Dezember gilt am Markt eine weitere Zinsanhebung um 0,25 Prozentpunkte als sicher. Im kommenden Jahr liegen die Erwartungen bei drei Zinsschritten von jeweils 25 Basispunkten, so dass die Spanne Ende 2019 zwischen 3,00 und 3,25 Prozent liegen würde.

          Der einflussreiche Chef der Fed in New York, John Williams, geht von Zinserhöhungen in mehreren Schritten aus. Dies sei die beste Antwort auf den nachhaltigen Wirtschaftsaufschwung, sagte er am Dienstag. Die amerikanische Wirtschaft dürfte 2019 um 2,5 Prozent wachsen. Es wäre dann die längste Aufschwungphase in Amerikas Geschichte. Der Arbeitsmarkt sei auch in einer starken Verfassung, die Inflation zudem nahe dem Ziel der Fed. Die Analysten der DZ Bank erwarten schon im ersten Halbjahr 2019 den Leitzins auf einem Niveau von 3,0 Prozent.

          An den amerikanischen Finanzmärkten dreht sich nun die Diskussion darum, ob die teilweise inverse Zinskurve schon eine neue Rezession signalisiert. Der Aktienstratege der Investmentbank Jeffries, Sean Darby, bezweifelt das. Andere Marktdaten legten nahe, dass eine Rezession nicht unmittelbar bevorstehe. Auch der Einkaufsmanagerindex der amerikanischen Industrie bestätigte für November einen robusten Zustand der Konjunktur. Zudem werden technische Faktoren wie der Bilanzabbau der Fed angeführt. Die Notenbank baut ihr Anleiheportfolio um 50 Milliarden Dollar im Monat ab. Damit entzieht sie dem Markt Liquidität, was sich am kurzen Ende der Zinskurve stärker auswirkt.

          Während die Fed seit Ende 2015 ihren Leitzins schon achtmal angehoben hat, will die Europäische Zentralbank (EZB) ihre erste Zinserhöhung frühestens nach dem Sommer 2019 vornehmen. Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer erwartet den ersten Zinsschritt erst im März 2020, weil es zu viele Abwärtsrisiken gebe. Dazu zählt er die Exporte nach China, den Haushaltsstreit mit Italien sowie den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union. Krämer erwartet keinen Zinserhöhungszyklus: „Eine wirkliche Wende der Geldpolitik ist im Euroraum weiterhin nicht in Sicht.“

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