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Firmeninsolvenzen : Zinserhöhungen dürften Unternehmen unter Druck bringen

  • Aktualisiert am

Air Berlin hatte mehr als 8000 Mitarbeiter. Bild: Reuters

Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank wird vielfach für Verzerrungen kritisiert. Auch bei den Unternehmensinsolvenzen verdeckt sie das wahre Bild.

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          Der deutschen Wirtschaft scheint es blendend zu gehen. Trotz schlagzeilenträchtiger Insolvenzen wie denen von  Air Berlin, Alno oder Solarworld, ist die Zahl der Firmeninsolvenzen in Deutschland auf den niedrigsten Stand seit 1994 gesunken. Was aber in der Erfolgsmeldung vom Dienstag unterging, ist die Warnung vor der Zukunft, die Creditreform mit auf den Weg gab.

          Denn es ist nicht die positive wirtschaftliche Entwicklung, zumindest nicht allein, die Insolvenzen verhindert. Vielmehr sorgen die niedrigen Zinsen dafür, dass sich Unternehmen auch bei einer operativ weniger günstigen Lage leichter über Wasser halten können. Zum einen müssen Unternehmen weniger zahlen, zum anderen könne sich auch Banken leichter refinanzieren und so im Zweifelsfall einen wichtigen Schuldner länger über Wasser halten als in Zeiten einer restriktiveren Zentralbankpolitik.

          „Im Durchschnitt sind - insbesondere im Mittelstand - rund zwei Drittel der Vermögenswerte mit Fremdkapital finanziert“, heißt es dazu etwa von Creditreform. Trotz historisch niedriger Kreditzinsen und einer allgemein guten Ertragslage könne gut mehr als jedes siebte Unternehmen seine Zinsen nicht aus dem Betriebsgewinn, also dem Gewinn vor Zinsen und Steuern, bestreiten. Das bedeutet, dass diese Unternehmen entweder vorhandene Rücklagen auflösen oder neue Schulden aufnehmen müssen, um alte zu bedienen.

          Folgen eines Zinsanstiegs

          Was unter den gegebenen Umständen schon problematisch genug erscheint, könnte im Fall einer restriktiveren Notenbankpolitik und höherer Zinsen im Euroraum die Insolvenzzahlen wieder nach oben treiben.

          Mehrere Szenarien hat Creditreform analysiert. Sollten die Zinsen für langfristige Kredite von heute drei auf 4,5 Prozent ansteigen, so würde der Anteil der Unternehmen, die keine adäquate Zinsdeckung erreichen, um

          1,5 Prozentpunkte auf 16,9 Prozent steigen lassen. Das wäre dann jedes sechste Unternehmen. Stiegen die Zinsen auf sechs Prozent, so wäre schon fast jedes fünfte Unternehmen betroffen.

          Sollte es im Umfeld des schwächeren Zinsanstiegs aufgrund einer schwächeren Konjunkturentwicklung auch noch zu einem Ertragsrückgang um ein Fünftel Kommen, würden 18,5 Prozent der Unternehmen keine ausreichende Zinsdeckung mehr erreichen. Besonders stark würde dies den Dienstleistungssektor und Großunternehmen mit einer Bilanzsumme von 500 Millionen Euro belasten.

          Logistik-Unternehmen besonders schwach

          Auch die Wirtschaftsauskunftei Crifbürgel sieht trotz guter wirtschaftlicher Rahmenbedingungen einen Anstieg der Firmen mit sehr hohem Zahlungsausfallrisiko. Neun Prozent der untersuchten 3,5 Millionen Unternehmen in Deutschland wiesen derzeit eine schwache Bonität auf. Man müsse sich auf eine Trendwende bei den Firmeninsolvenzen einstellen. Besonders ballten sich die schwachen Bonitäten in der Logistik (13,4 Prozent) und im Gastgewerbe (11,5 Prozent).

          Auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) warnte jüngst, die Niedrigzinsen hielten in vielen Ländern Unternehmen über Wasser, die unter normalen Bedingungen nicht überlebensfähig wären. Schonungslos sprachen die Pariser Experten von „Zombie“-Firmen.

          Unter diesen Umständen stellt sich auch die Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen Abwicklungen und verzögerten Insolvenzen gibt. Denn wenn es einfach ist, die Agonie eines Unternehmens zu verlängern, so muss es einem Unternehmen, das dann tatsächlich keine Geldgeber mehr findet, richtig schlecht gehen. Gerade in den Fällen Alno und Air Berlin bestanden hohe Verschuldung und schwache operative Entwicklung vor der Insolvenz über Jahre hinweg.

          2018 jedoch dürfte es noch nicht soweit sein.. Creditreform rechnet für das kommende Jahr mit einem weiteren Rückgang der Insolvenzen.

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