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Deutsche Börse : Suche nach neuen Kandidaten

Wer will sie läuten? Die Glocke, die zu deutschen Börsengängen ertönt. Bild: Claus Setzer

Die Zahl der an der Deutschen Börse notierten deutschen Unternehmen ist stark rückläufig. Neue Kandidaten für den Kurszettel sucht die Finanzbranche vor allem unter den kleinen und den mittelgroßen Unternehmen. Da zieren sich jedoch viele.

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          Im Jahr 2010 waren im regulierten Markt der Deutschen Börse 605 Unternehmen mit ihren Aktien notiert. Im Jahre 2017 waren es nur noch 407. Dieser starke Rückgang, der in dieser Form weder an der New Yorker noch an der Tokioter Aktienbörse und auch nicht in Skandinavien oder an der europäischen Mehrländerbörse Euronext beobachtet werden kann, ist nicht allein das Ergebnis eines mittlerweile einfacheren Rückzugs von Unternehmen von der Börse. Dafür kann es gute Gründe geben wie eine geringe Zahl freier Aktionäre, mit denen sich kein liquider Handel gestalten lässt, oder auch schlechte Gründe wie eine Insolvenz. Ein deutsches Problem ist eher eine im internationalen Vergleich geringe Zahl an Unternehmen, die neu an die Börse gehen.

          Ein weiteres deutsches Problem ist eine nur gering ausgeprägte Aktienkultur. Viele Anleger meiden Aktien wie der Teufel das Weihwasser, und als Instrument für die Altersvorsorge ist die Aktie in der englischsprachigen Welt und in Skandinavien weitaus populärer als in Deutschland. Das führt dazu, dass die Bedingungen, unter denen deutsche Unternehmen in Deutschland an die Börse gehen, weitgehend in London und New York bestimmt werden.

          Deutsche Anleger an kleineren Unternehmen interessiert

          Auf einer Veranstaltung des Deutschen Aktieninstituts in Frankfurt bezeichnete Wolfgang Fink, Ko-Deutschlandchef von Goldman Sachs, den Anteil deutscher Anleger bei Börsengängen auf nur noch rund 5 Prozent. Die Zahl wollte Henning Gebhardt, der Leiter der Vermögensverwaltung im Bankhaus Berenberg, aber allenfalls für große Börsengänge gelten lassen. „Bei kleineren Unternehmen sehen wir schon ein größeres Interesse deutscher Anleger“, sagte Gebhardt, der Finks grundsätzliche These von einer insgesamt unbefriedigenden Partizipation deutscher Anleger an deutschen Börsengängen aber nicht in Abrede stellen wollte. „Es geht ohnehin nicht darum, Massen von Anlegern in Aktien einzelner kleiner Unternehmen zu treiben“, sagte Christine Bortenlänger, die Leiterin des Deutschen Aktieninstituts. „Es geht um eine sinnvolle Diversifizierung.“ Das Interesse von Anlegern an Fonds, die überwiegend in Aktien kleiner Unternehmen investieren, nehme zu, sagte Gebhardt.

          Börsengang bringt auch Nachteile mit sich

          Aber viele mittlere und kleine Unternehmen in Deutschland zieht es überhaupt nicht an die Börse. „Aus der Sicht von Unternehmen hat die mit einem Börsengang verbundene Visibilität nicht nur Vorteile“, sagte Josef Ritter von der Deutschen Bank. Viele Unternehmen fürchteten, zu einer kurzfristiger angelegten Geschäftspolitik gezwungen zu sein, sobald ihr Unternehmen an der Börse bewertet werde. Aus Sicht Gebhardts ist ein Börsengang kleinerer und mittlerer Unternehmen dann besonders vielversprechend, wenn sich zahlreiche Aktionäre „rund um den Kirchturm“, sprich: aus der geographischen Umgebung, fänden. „Ganz Göttingen ist stolz auf Sartorius“, bemerkte Gebhardt mit Blick auf den an der Börse notierten Zulieferer für die Pharmabranche. Gerade für mittelständische Unternehmen sei die Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) eine interessante Rechtsform, sagte Hauke Stars, Vorstandsmitglied der Deutschen Börse.

          Sorgen bereitet der Finanzbranche eine Überregulierung, die das Umfeld für die Börsengänge kleiner und mittlerer Unternehmen erschwert. Als Folge neuer Regulierungen dürfte sich der seit Jahren beobachtbare Rückzug von Banken und Fondsgesellschaften aus der Erstellung von Studien über die Aktien kleiner Unternehmen noch beschleunigen. „Research hat eine wirtschaftliche Komponente für denjenigen, der es erstellt“, sagte Ritter. Und da Aktien kleiner Unternehmen nun einmal gewöhnlich weniger stark gehandelt werden als die Aktien von Großunternehmen, werden die mit der Beobachtung kleiner Unternehmen verbundenen Kosten in der Finanzbranche zunehmend kritischer gesehen.

          Aber auch andere Formen der Unterstützung durch die Politik sind denkbar. Bortenlänger erinnerte an die italienischen „Pir“-Fonds, deren Erträge steuerfrei sind, wenn ein Anleger mindestens fünf Jahre dabeibleibt. Die Fonds müssen einen Teil des Geldes in kleinere italienische Unternehmen investieren.

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