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Nach Bilanzskandal : Wirecard fliegt im August vorzeitig aus Dax

Der Kurs von Wirecard ist mittlerweile so niedrig, dass er im Dax insgesamt kaum mehr ins Gewicht fällt. Bild: dpa

Die Deutsche Börse will den insolventen Zahlungsabwickler Wirecard loswerden – und ändert nun ihr Regelwerk, um das Unternehmen schon im August aus der ersten deutschen Börsenliga zu werfen.

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          Die Deutsche Börse ändert nun doch ihr Dax-Regelwerk wegen des insolventen Zahlungsabwicklers Wirecard. Wie der Frankfurter Börsenbetreiber am späten Mittwochabend nach Börsenschluss mitteilte, hat sich in einer Befragung der Marktteilnehmer die große Mehrheit für eine Regeländerung ausgesprochen. Demnach soll künftig ein Unternehmen, das einen Insolvenzantrag stellt, sofort die Auswahlindizes der Deutschen Börse verlassen müssen – egal ob Dax, M-Dax, S-Dax oder andere.

          Daniel Mohr

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nach Angaben der Börse haben 21 professionelle Anleger und 88 Privatanleger an der Befragung teilgenommen. 95 stimmten für die Regeländerung, darunter alle professionellen Teilnehmer. Neun Privatanleger stimmten gegen die Änderung und fünf gaben keine klare Meinung ab. Den Wortlaut der Kommentare der Marktteilnehmer zu den Regeländerungen macht die Börse nicht öffentlich.

          Der bayerische Zahlungsabwickler Wirecard hatte im Juni als erstes Dax-Unternehmen der Geschichte einen Insolvenzantrag gestellt. Der Aktienkurs war daraufhin von mehr als 100 auf kaum mehr als einen Euro gefallen. Zur Aufnahme in den Dax vor zwei Jahren war der Kurs sogar auf fast 200 Euro gestiegen und der Börsenwert hatte 24 Milliarden Euro betragen. Davon sind nur noch rund 200 Millionen Euro übrig. Anders als die meisten Indexregelwerke sah die Deutsche Börse für einen solchen Fall jedoch keine sofortige Herausnahme des Wertes aus ihrem Leitindex Dax vor. Daran gab es heftige Kritik, der die Börse Mitte Juli nach einigem Zögern Rechnung trug, in dem sie eine Befragung der Marktteilnehmer in die Wege leitete.

          Das Regelwerk wird nun bis zum 19. August geändert. Nächsten Mittwoch kann dann auf Basis der neuen Regeln die Entscheidung getroffen werden, Wirecard nun doch außerplanmäßig wegen des erfolgten Insolvenzantrags aus dem Index zu nehmen. Zwei volle Handelstage müssen zwischen der Entscheidung und der Umsetzung liegen, das wären der Donnerstag und der Freitag nächster Woche. Damit wäre Freitag, 21. August, der letzte Handelstag von Wirecard im Dax.

          Zusätzlich zu der Regeländerung zum sofortigen Rauswurf von Unternehmen mit Insolvenzantrag wird das Dax-Regelwerk derzeit noch einer vertieften Prüfung unterzogen. Auch für mögliche weitere Regeländerungen wird es eine Marktkonsultation geben. Die Ergebnisse sollen bis Jahresende bekanntgegeben werden.

          WIRECARD

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          Es ist ein unangenehmes Kapitel für die Deutsche Börse. Am Mittwochabend befasste sich sogar die ZDF Sendung Aktenzeichen XY mit dem Fall Wirecard. Der ehemalige Vorstand Jan Marsalek ist seit Mitte Juni auf der Flucht. Das Bundeskriminalamt fahndet öffentlich nach ihm. Der Österreicher wird verdächtigt, zusammen mit anderen Beschuldigten die Bilanzsumme und das Umsatzvolumen durch Scheingeschäfte aufgebläht zu haben, um so das Unternehmen finanzkräftiger und für Investoren und Kunden attraktiver darzustellen. Die Ermittler verdächtigen ihn des besonders schweren Falls der Untreue und des gewerbsmäßigen Bandenbetrugs. „Aufgrund der derzeitigen Ermittlungsergebnisse wird ein Aufenthaltsort des Gesuchten im Ausland für sehr wahrscheinlich gehalten“, teilte das BKA am Mittwoch in Wiesbaden mit.

          Der Nachfolger im Dax für Wirecard dürfte der Berliner Essenslieferdienst Delivery Hero sein. Entscheidungsgrundlage für den Nachrücker ist die Rangliste der Börse mit Stand Ende Juli. Delivery Hero erfüllt die Aufnahmekriterien demnach am besten und würde vom M-Dax in den Dax aufsteigen. Für den frei werdenden Platz im M-Dax könnte der Herzogenrather Halbleiterspezialist Aixtron aus dem S-Dax nachrücken. In den S-Dax könnte dann die Baumarktkette Hornbach aufgenommen werden. In den Tec-Dax käme der Laserspezialist LPKF aus Garbsen.

          Wäre es nach dem bisherigen Regelwerk gegangen, wäre bei der jährlichen ordentlichen Indexüberprüfung am 3. September der Ausschluss von Wirecard erfolgt. Die Umsetzung hätte am 21. September stattgefunden. Nun kommt der Wechsel vier Wochen früher. Für die Dax-Entwicklung hatte Wirecard seit Ende Juni ohnehin kaum eine Rolle mehr gespielt. Das Gewicht im Index ist auf 0,02 Prozent gefallen. Eine Kursverdopplung hätte den Dax gerade einmal noch um ungefähr 2,5 Indexpunkte bewegt, eine Kursverdopplung von SAP hingegen um weit mehr als 1000 Punkte.

          Nicht nur für große Fondsgesellschaften ist die Entwicklung von Wirecard ärgerlich, sondern insbesondere auch für viele Privatanleger. Die Wirecard-Aktie war an der auf Privatanleger spezialisierten Börse Tradegate monatelang vor der Insolvenz die meistgehandelte Aktie, noch vor allen anderen Dax-Werten oder Apple und Amazon.

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