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Leerverkäufer-Attacken : Erpressung im Fall Wirecard?

Wirecard-Chef Markus Braun sieht sich einigen Vorwürfen gegenüber. Bild: AFP

In dem Vorhaben, mit fallenden Kursen der Wirecard-Aktie Geld zu verdienen, soll laut Münchner Staatsanwaltschaft in Großbritannien Geld für schädliche Berichte geboten worden sein.

          Jetzt steht sogar ein Erpressungsversuch im Raum. Nach Erkenntnissen der Strafverfolger planten Leerverkäufer eine weitere „Short-Attacke“ gegen den Dax-Konzern Wirecard. Dabei soll mindestens eine Person mit „einem Millionenbetrag“ versucht haben, Journalisten in Großbritannien zu bestechen und so eine schlechte Berichterstattung über Wirecard zu erreichen. Gleichzeitig sollte Wirecard mit diesen negativen Berichten erpresst werden.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Wir haben am Freitag vor einer Woche um 7.30 Uhr ernstzunehmende Informationen von Wirecard erhalten, dass eine neue Short-Attacke geplant ist und dass mit viel Geld versucht wird, Medienberichterstattung zu beeinflussen“, sagte die Münchner Staatsanwältin Hildegard Bäumler-Hösl dem „Handelsblatt“. Die Rede ist von einem Mittelsmann, der einerseits Journalisten mit Millionensummen bestechen wollte, andererseits aber Wirecard gegen Zahlung einer ähnlichen Summe angeboten haben soll, die negative Berichterstattung zu verhindern. Dieser Verdacht sei nun auch Teil der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft München rund um die Marktmanipulationen. Wirecard selbst wollte die Informationen nicht kommentieren.

          Leerverkaufsverbot als Reaktion

          Noch ist das Bild jedoch recht diffus: Unklar ist, wem das Geld angeboten wurde, von wem es stammt und wer der Mittelsmann sein soll. Nähere Angaben dazu lehnte die Staatsanwaltschaft auch auf Nachfrage ab. Sicher scheint nur zu sein, dass eine Attacke der auf sinkende Aktienkurse wettenden Leerverkäufer geplant war. Diese „ernstzunehmenden Informationen“ haben nach Angaben einer Sprecherin der Finanzsaufsicht Bafin zu dem Entschluss beigetragen, neue Netto-Leerverkaufspositionen bei Wirecard zu verbieten: „Wir hatten diese Informationen der Staatsanwaltschaft. Sie sind selbstverständlich mit in unser Verbot eingeflossen, waren aber nur ein Baustein davon.“

          Die Bafin hatte die Informationen in der vergangenen Woche noch nicht bekanntgegeben, als sie das Leerverkaufsverbot gegen Wirecard-Aktien verhängt hatte. Die Aufsichtsbehörde hat nach Aussage der Sprecherin die Hinweise der Staatsanwaltschaft vertraulich behandelt. Sie begründet ihr Verbot mit der Gefahr für das Marktvertrauen. Es seien Nachrichten, deren Wahrheitsgehalt nicht geklärt sei, in den Wert der Aktie eingepreist worden, als seien sie wahr, so die Sprecherin.

          WIRECARD

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          Drei Artikel in der „Financial Times“ über Geldwäsche- und Betrugsvorwürfe in der Wirecard-Niederlassung in Singapur waren vor einigen Wochen Auslöser für die Achterbahnfahrt der Wirecard-Aktie. In den Artikeln wurden Wirecard Scheinumsätze mit verschobenen Geldern vorgeworfen. Binnen weniger Tage schrumpfte der Börsenwert um gut 8 Milliarden auf 12 Milliarden Euro. Wirecard weist die Anschuldigungen als verleumderisch zurück.

          Am vergangenen Freitag bezog Wirecard-Chef Markus Braun gegenüber der F.A.Z. Stellung: „Es wurde in den Berichten nicht erwähnt, dass wir eine umfangreiche Untersuchung angestrengt haben oder keiner der Vorwürfe bewiesen werden konnte. Es wurde der Eindruck erweckt, es gäbe hier einen großen Bilanzskandal. In Wahrheit geht es um einen potentiellen Umsatzschaden von 6,9 Millionen Euro. Wir müssen untersuchen, ob die Darstellung in den Artikeln stark übertrieben war.“

          Schon vor drei Jahren war Wirecard zum Spielball von Spekulanten geworden: Auch damals gab es Verbindungen zur „Financial Times“. Deren Journalist Dan McCrum hatte in einem Blog über das bis dahin völlig unbekannte Analysehaus Zatarra berichtet, das schwere Anschuldigungen gegen Wirecard erhoben hatte: Es ging um Geldwäsche, illegales Glücksspiel und Bestechung. Auch damals führte die Berichterstattung zu einem Kurssturz der Wirecard-Aktie. Zuvor hatte McCrum schon im FT-Blog „Alphaville“ längere Zeit negativ über Wirecard berichtet, was aber weitgehend ohne Folgen für den Aktienkurs blieb. Gegen Zatarra-Herausgeber Fraser Perring hat die Staatsanwaltschaft München Mitte Dezember einen Strafbefehl wegen Marktmanipulation beantragt.

          Weiterhin offen ist der Ausgang der von Wirecard eingeleiteten Untersuchung des Singapur-Falls. Bisher habe die beauftragte Anwaltskanzlei keine Hinweise auf ein Vergehen gefunden, heißt es. Der Abschlussbericht wird in den kommenden Wochen erwartet. Am 4. April wird Wirecard die Geschäftszahlen vorlegen. Vorstandschef Braun ist zuversichtlich, wie er der F.A.Z. sagte: „Unser operatives Geschäft ist von diesen Entwicklungen nicht betroffen. Es läuft weiterhin sehr stark.“

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