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Hauptversammlung : Wirecard-Aktionäre rechnen mit ihrem Vorstand ab

Ein erfolgreiches Jahr und vor allem ein ruhigeres dürften sich die meisten Aktionäre von Wirecard wünschen. Bild: EPA

Der in die Schlagzeilen geratene Zahlungsabwickler Wirecard muss seinen Investoren auf der Hauptversammlung erklären, womit er Geld verdient.

          Die Entwicklung eines Unternehmens lässt sich manchmal auch an Äußerlichkeiten festmachen. 2000 Plätze fasst die Halle C6 auf dem Gelände der Münchner Messe, in der die Wirecard AG ihre Aktionäre zur Hauptversammlung eingeladen hat. Vor einem Jahr reichte dem Zahlungsverkehrsabwickler aus Aschheim noch ein Saal mit weniger als 500 Stühlen.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Es sei „ein beeindruckendes Auditorium“, sagte Markus Braun, der Vorstandschef des Dax-Neulings, als er am Dienstagmorgen freundlich lächelnd vor die Anteilseigner trat. Dann stellte er ihnen das Geschäftsmodell des erst 20 Jahre alten Technologieunternehmens vor. In kleinen Schritten ging er auf und ab, erklärte Begriffe wie „Plattform“ oder „B2B2C“, um zwischenzeitlich über den Fortschritt der Menschheit im Allgemeinen und die Chancen der Digitalisierung im Speziellen zu dozieren.

          Heftige Kursausschläge

          So redete Braun ohne Manuskript eine Dreiviertelstunde, um dann nur ganz kurz auf jene Gerüchte einzugehen, die vor gar nicht allzu langer Zeit zu heftigen Kursausschlägen an der Börse geführt hatten, in denen zwischenzeitlich gut 8 Milliarden Euro Unternehmenswert vernichtet wurden.

          WIRECARD

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          Es habe „vereinzelt Schwächen in der Buchhaltung“ in der Niederlassung in Singapur gegeben, nur ein paar Qualitätsmängel, aber keinesfalls schwerwiegende Verstöße gegen rechtliche Vorgaben, sagte der Österreicher, der die Geschäfte seit 18 Jahren führt und selbst mehr als 7 Prozent der Wirecard-Aktien hält.

          Den übrigen Anteilseignern reichte das nicht. „Am Kapitalmarkt wurde viel Vertrauen verspielt“, sagte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) und erinnerte an die Auswüchse der Singapur-Affäre. Tatsächlich hatte die britische Wirtschaftszeitung „Financial Times“ seit Ende Januar immer wieder über Geldwäsche-, Korruptions- und Bilanzierungsvorwürfe berichtet.

          Der Kurs der Wirecard-Aktie legte eine wochenlange Achterbahnfahrt hin, bis die Finanzaufsicht Bafin einschritt und ein zweimonatiges Leerverkaufsverbot für das Papier verhängte. Die Finanzaufseher glaubten, dass Wirecard das Opfer von Spekulanten geworden sei. Nach mehreren Anzeigen ermittelt inzwischen auch die Münchner Staatsanwaltschaft.

          Attacken von Spekulanten

          Die DSW-Sprecherin gab dem Wirecard-Management eine Mitschuld an all den Turbulenzen. Der Vorstand habe den Attacken der Spekulanten wenig entgegengesetzt: „Sie haben sich verhalten wie ein trotziges Kind, das mit dem Fußauftritt und immer nur sagt `ich war`s nicht´“. Bergdolt mahnte die mangelnde Transparenz im Unternehmen an. „Womit verdient Wirecard eigentlich das Geld“, fragte die Aktionärsschützerin unter dem Applaus der Anwesenden.

          Damit war das Thema gesetzt. Ob Kleinaktionäre oder Großinvestoren, sie alle monierten die für einen Dax-Konzern unzureichenden Strukturen, die fehlenden Prüfungs- und Compliance-Ausschüsse im Aufsichtsrat, die zu geringe Größe des Vorstands. „Wirecard muss auf den Qualitätsstandard eines Dax-30-Konzerns gebracht werden“, sagte Fondsmanager Ingo Speich von der Deka Investment und verlangte von  Vorstandschef Braun, Teile seiner Macht abzugeben, indem er endlich „einen starken Technikvorstand“ ernennt.

          Die Kommunikationspolitik müsse „deutlich, deutlich proaktiver gestaltet werden“, forderte Nicolas Huber von der Investmentgesellschaft DWS. Dass Thomas Eichelmann, der frühere Personal- und Finanzvorstand der Deutschen Börse, für den Aufsichtsrat vorgeschlagen und dort womöglich in einem Jahr den Vorsitz von Wulf Matthias übernehmen könnte, gefiel so manchem Anteilseigner ebenfalls nicht. Aktionärsvertreter Hans-Martin Buhlmann hielt Eichelmann für ungeeignet angesichts der Kompetenzprobleme, die Wirecard im zu spärlich besetzten Aufsichtsgremium schon heute habe.

          Vorstand gelobt Besserung

          Und selbst der geplante Einstieg des Technologieinvestors Softbank, der durchaus zum Wohl des Unternehmens sein könnte, fand nicht die ungeteilte Zustimmung: Rund 900 Millionen Euro will Softbank in eine Wandelschuldverschreibung von Wirecard investieren. Weil aber Vorstandschef Braun nicht genau erklärte, wofür er die Mittel verwenden werde, wurde er auch dafür kritisiert. So blieb ihm im Verlauf der Hauptversammlung nichts anderes übrig, als Besserung zu geloben.

          Immerhin laufen die operativen Geschäfte gut: Mit der Abwicklung des bargeldlosen Bezahlens sowohl online als auch in den Geschäften von mittlerweile rund 293.000 angeschlossenen Händlern verdiene Wirecard glänzend, sagte Braun und versprach, den Umsatz von zuletzt 1,5 Milliarden Euro bis zum Jahr 2025 auf 10 Milliarden Euro zu steigern.

          Für Aktionäre, bei denen es angesichts dieses doch recht langen Zeitraums noch Restzweifel gab, hatte Braun noch ein anderes Versprechen parat: „Wir steuern 2019 auf ein Rekordjahr zu.“ Dafür gab es dann auch Applaus.

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