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Rohstoffhandel : Wird der Ölpreis zur Bedrohung für die Weltwirtschaft?

Ölförderung in Eiseskälte: Arbeiter von Rosneft pumpen im östlichen Sibirien Erdöl in einen Tankwagen. Bild: Bloomberg

Das Jahr 2018 beginnt mit einer auffälligen Rally des Ölpreises. Ein Barrel kostet jetzt mehr als 68 Dollar. Doch wie lange wird dieser Trend andauern?

          5 Min.

          So teuer war Öl zu Jahresbeginn schon lange nicht mehr: Denn das Jahr 2018 hat mit einem eindrucksvollen Anstieg des Ölpreises begonnen. Gut 68 Dollar kostete ein Barrel (rund 159 Liter) der Nordseesorte Brent am Donnerstag zeitweise – 2 Prozent mehr als noch im Dezember und der höchste Preis seit Frühjahr 2015. Man erinnere sich: Noch im Juni 2017 betrug der Ölpreis nur gut 44 Dollar. Das bedeutet einen Preisanstieg um 55 Prozent. Zu Jahresbeginn 2014 kostete Brent allerdings noch rund 111 Dollar.

          Kerstin Papon

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dabei sagt die Mehrheit der Analysten für dieses Jahr deutlich fallende Ölpreise vorher. In einer Umfrage dieser Zeitung unter 25 Kreditinstituten, Fondsgesellschaften und Versicherern rechnen diese Fachleute im Durchschnitt mit einem Ölpreis von rund 59 Dollar je Barrel zur Mitte und zum Ende des Jahres. Dies würde einem Rückgang des Ölpreises um 13 Prozent entsprechen. Im Jahr 2017 war der Brent-Preis um 15 Prozent gestiegen.

          Irren sich die Analysten also? Oder geht es nach einem kurzen Preisanstieg zum Jahresbeginn bald wieder kräftig bergab? Genau weiß das natürlich niemand. Giovanni Staunovo, Ölfachmann der Schweizer Großbank UBS, jedenfalls will seine Prognose von 57 Dollar im Jahresdurchschnitt und zum Jahresende nicht erhöhen. Der jüngste Preisanstieg sei von Produktionsunterbrechungen durch Schwierigkeiten mit Pipelines in der Nordsee und in Libyen angetrieben sowie durch die politischen Unruhen in Iran, die bisher aber keine Produktionsausfälle bewirkt hätten. Die kalten Temperaturen in Amerika, die gut für die Heizöl-Nachfrage seien, hülfen ebenfalls.

          Furcht vor Ausfall iranischer Lieferungen

          Die Aufmerksamkeit der Anleger richtet sich zurzeit vor allem auf Produktionsausfälle und geopolitische Risiken. Sie könnte sich aber bald wieder auf die stark wachsende Schieferölproduktion in den Vereinigten Staaten verlagern. Angesichts der gestiegenen Preise sollte das Angebot aus Amerika schnell wieder zulegen und so zu einer Gegenreaktionen der Preise führen, sagt Carsten Breszki, Chefvolkswirt der ING Diba in Deutschland.

          Die Unruhen in Iran spielen eine wichtige Rolle für den jüngsten Preisanstieg. Aus Furcht vor einem Ausfall iranischer Lieferungen spekulieren einige Investoren auf höhere Preise. Abgesehen von einem möglichen Streik der Ölarbeiter seien die Unruhen in Iran aber keine direkte Bedrohung für die dortige Ölförderung, sagt Sukrit Vijayakar, Manager bei der Beratungsfirma Trifecta: „Die Ölreserven liegen weit entfernt von den Bevölkerungszentren, wo protestiert wird.“

          Die Erwartungen unterscheiden sich jedoch ungewöhnlich deutlich. In der Umfrage stammen die niedrigsten Prognosewerte für das Barrel Brent zur Jahresmitte von ING Diba mit 50 Dollar und der britischen Barclays-Bank mit 52 Dollar. Dies würde einem Rückgang des Ölpreises um mehr als ein Viertel gleichkommen. Am anderen Ende der Skala liegen LBBW und M.M.Warburg. Beide Häuser rechnen zu diesem Zeitpunkt mit 65 Dollar, also mit einem um rund 30 Prozent höheren Ölpreis im Vergleich zur niedrigsten Prognose. Doch selbst dieser Wert verhieße fallende Notierungen. Zum Jahresende sind die Unterschiede nicht mehr ganz so groß, aber trotzdem erheblich. ING Diba bleibt mit 52 Dollar vergleichsweise pessimistisch und zudem die australische Bank Macquarie mit 53 Dollar. LBBW und M.M.Warburg zeigen sich abermals besonders optimistisch unter den Befragten.

          Im Mittelfeld liegen die Prognosen der Commerzbank. Die Organisation erdölexportierender Länder (Opec) habe den Ölpreis im Vorjahr durch die konsequente Reduzierung ihrer Fördermenge nach oben geschoben, doch im Jahr 2018 schlage die amerikanische Schieferölindustrie zurück und werde weitere Marktanteile gewinnen, begründen die Analysten ihre verhaltenen Erwartungen. Zudem drohe dem Ölmarkt in den ersten Monaten des Jahres wegen der saisonal schwachen Nachfrage ein Überangebot. Dies dürfte für die Enttäuschung spekulativer Finanzanleger sorgen und den Ölpreis in der ersten Jahreshälfte unter Druck setzen, bis sich der Preis – unterstützt durch eine geopolitische Risikoprämie – auf rund 60 Dollar je Barrel einpendeln dürfte.

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