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Windreich-Insolvenz : Windparkpionier Balz auf der Anklagebank

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Willi Balz zu besseren Zeiten von Windreich im Jahr 2013 Bild: dpa

Einst warb Windreich mit dem Slogan „die Energiewender“ für sich. Doch dann geriet das Unternehmen in die Insolvenz. Ob der Chef sie zu spät angemeldet hat, soll nun ein Prozess klären.

          Als die Energiewende noch gar kein Thema war, hat der Unternehmer Willi Balz schon auf Windkraft gesetzt. Das von ihm gegründete Unternehmen Windreich wollte der einstige Ökostrom-Pionier mit Windparks auf hoher See zu einem großen Spieler auf dem Ökostrommarkt machen. Doch der Traum zerplatzte. Von diesem Mittwoch an muss sich der inzwischen 59 Jahre alte Wirtschaftsingenieur mit weiteren sieben Angeklagten wegen der Insolvenz der Windreich-Gruppe im Jahr 2013 vor einer Wirtschaftsstrafkammer des Stuttgarter Landgerichts verantworten. Gut zweieinhalb Jahre nach der Anklageerhebung werden die Hintergründe der Pleite des Windpark-Projektentwicklers verhandelt.

          Die Unternehmensgruppe von Balz warb einst mit dem Slogan „Windreich - die Energiewender“. Der Schwabe war alleiniger Gesellschafter der Windreich AG und Vorstandsvorsitzender. Ihm wird von der Staatsanwaltschaft vorgeworfen, es zwischen 2011 und 2013 für Unternehmen des Konzerns versäumt zu haben, wegen Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung rechtzeitig Insolvenz angemeldet zu haben.

          Balz bezeichnete die Vorwürfe stets als haltlos. Er witterte eine Verschwörung früherer Gläubiger. Sein Unternehmen sei nie zahlungsunfähig gewesen, behauptete er. Neben ihm muss gleichfalls der ehemalige Wirtschaftsminister und stellvertretende Ministerpräsident Baden-Württembergs, Walter Döring, auf der Anklagebank Platz nehmen. Der ehemalige FDP-Politiker war zuerst Aufsichtsratsvorsitzender von Windreich und von 2010 bis 2012 dann im Vorstand tätig. Ihm wird Beihilfe zur Last gelegt. Döring, 1996 bis 2004 Wirtschaftsminister in Baden-Württemberg, war der Türöffner für Balz in die Politik und zu anderen ranghohen Managern, die einst gleichfalls im Windreich-Aufsichtsrat vertreten waren.

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          Der Mittelständler plante zusammen mit Partnern Windparks, beschaffte Genehmigungen und beauftragte den Bau, bevor die Parks dann an Investoren verkauft werden sollten. Um das kapitalintensive Geschäft zu finanzieren, sammelte der Unternehmensgründer aus dem kleinen Örtchen Wolfschlugen bei Stuttgart gleichfalls Geld bei Anlegern über börsennotierte Mittelstandsanleihen ein. Über zwei Anleihen wurden 125 Millionen Euro eingeworben. Die Gläubiger des Schwaben, der früher leidenschaftlich gern segelte und Hobbypilot war und eine umfangreiche Oldtimersammlung hatte, machen insgesamt rund 336 Millionen Euro an Forderungen geltend, wie eine Sprecherin des Insolvenzverwalters sagte. Bislang sei noch kein Geld ausgezahlt worden. Das Verfahren werde sich sicherlich eine Weile hinziehen.

          Das Geschäft von Windreich war nicht ohne finanzielles Risiko. Schon vor der eigentlichen Insolvenz zeichneten sich erhebliche Probleme ab. Ein 2012 geplanter Börsengang wurde verschoben. Dafür hatte Balz eigens den früheren Telekom-Finanzchef Karl-Gerhard Eick angeworben. Dieser war aber gerade einmal drei Monate als Berater tätig. Im selben Jahr half Windreich ein schottischer Adeliger mit Krediten aus und sicherte so dem Unternehmen Liquidität. Zugleich kaufte der Lord Balz damals noch ein Windpark-Projekt ab. Nach der untestierten Bilanz betrug der Schuldenberg Ende des Jahres 2012 rund 400 Millionen Euro.

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          In zwei Konzernabschlüssen soll der einstige Unternehmer nach Auffassung der Staatsanwaltschaft unrichtige Angaben gemacht haben. Ihm als Hauptangeklagten werden Gläubigerbegünstigung, Insiderhandel, Unterschlagung, vorsätzlicher Bankrott und Untreue zur Last gelegt. Ferner soll Balz einen Betrug begangen haben, weil er im Namen zahlungsunfähiger Gesellschaften Dienstleistungs- und Darlehensverträge in Höhe von knapp 45 Millionen Euro abgeschlossen haben und dadurch einen entsprechenden Schaden verursacht haben soll, wie ein Gerichtssprecher mitteilte.

          Balz selbst befindet sich in der Privatinsolvenz. Er hatte eigenen Angaben zufolge über 200 Millionen Euro eigenes Vermögen in die Absicherung der Windreich-Gruppe gesteckt, das er immer als Pionier der Energiewende anpries. Antragsteller für beide Insolvenzverfahren war die schweizerische Bank J. Safra Sarasin. Sie hatte der Windreich-Gruppe einen Kredit über 70 Millionen Euro gewährt. Dafür hatte Balz eine persönliche Bürgschaft abgegeben. Einst kam auch der Finanzvorstand der Windreich-Gruppe von der Bank Sarasin. Doch der blieb nur geraume Zeit und legte sein Amt freiwillig nieder. Später verantwortete Balz die Bücher dann selbst. Seine erklärten Feinde waren die Energiekonzerne, denen er in Machenschaften gegen die Energiewende und ihn selbst unterstellte.

          Dabei hat er selbst nach Kräften dazu beigetragen, dass die Lage eskalierte. Er setzte auf eine Alles-Oder-Nichts-Strategie. Er hielt die Windparkprojekte bis zur Stromproduktion in den Büchern und suchte nicht schon vorher den Teilausstieg, wie andere Projektierer das in der Regel tun. Als die Turbulenzen bei Windreich immer mehr zunahmen, hatte Balz den einstigen Anwalt Stefan Simon mit ins Boot der Berater geholt. Ihm hatte der Schwabe unter anderem Parteiverrat und versuchte Selbstbereicherung vorgeworfen. Der Anwalt wies die Vorwürfe zurück. Sie seien „falsch und entbehrten jeder“ Grundlage, hieß es im Jahr 2016.

          Simon ist seit kurzem Vorstandsmitglied Deutschen Bank, zuvor war er Mitglied des Aufsichtsrats in dem Kreditinstitut. Er gilt als Vertrauter der qatarischen Herrscherfamilie Al-Thani. Ob das Thema in dem Mammutverfahren vor dem Stuttgarter Landgericht eine Rolle spielen wird, war zunächst unklar. Der Prozess ist vorerst auf 48 Verhandlungstage bis Ende April 2020 terminiert. Die Anklageschrift hat 521 Seiten, die Akten füllen 234 Ordner, den Angeklagten stehen 19 Verteidiger zur Seite.

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